Neuerscheinung zur Burgenarchäologie in der Oberpfalz

Monday, 24. April 2017 20:33

Endlich - es ist soweit. Heute war in Thurndorf (Lkr. Neustadt a.d. Waldnaab) Buchvorstellung der Monographie zu unseren Grabungen auf der ehemaligen Burg Thurndorf in der nordwestlichen Oberpfalz. Mittlerweile ist es 15 Jahre her, dass die Grabungen dort abgeschlossen wurden. Das Buch war eine “schwere Geburt”, umso größer ist die Freude. Dank an alle, die sich für die Realisierung und Finanzierung eingesetzt haben.
Das Buch “Die Burg der Herren von Thurndorf. Archäologische Spurensuche an einem fast vergessenen Platz hochmittelalterlicher Herrschaftsbildung” ist im Verlag der Buchhandlung Eckhard Bodner in Pressath erschienen, hat 227 Seiten und kostet 24,90 € (ISBN 978-3-939247-75-3).

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Angst vor Wiedergängern im Amberg des 14. Jahrhunderts?

Thursday, 13. April 2017 5:18

Unter den inzwischen zahlreichen von uns ausgegrabenen spätmittelalterlichen Gräbern auf dem Amberger Spitalfriedhof sticht dieses ungewöhnliche Männergrab des 14. Jahrhunderts hervor. Die seltsame Postionierung des Schädels könnte darauf hindeuten, dass der Mann enthauptet wurde. Zwar steht eine genaue paläopathologische Untersuchung der Halswirbelsäule durch eine(-n) Anthropologen (-in) noch aus, doch ist die Position des Kopfes auf natürliche Weise nicht zu erklären. Vielmehr scheint der (abgeschlagene?) Kopf dem Toten (nach seiner Hinrichtung?) zwischen die Schultern gesetzt worden zu sein. Sehr ungewöhlich ist ferner die ohne Zweifel intentionelle Steinsetzung unmittelbar vor dem Gesicht des Verstorbenen. Auch der im Bereich des linken Oberarms freigelegte zweite Stein könnte ursprünglich vor dem Schädel gestanden haben und erst nachträglich verkippt sein. Zugleich liegt er jedoch auch direkt über dem Herzen des Toten.

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Die Befundsituation lässt an die Angst vor Nachzehrern denken, eine spezielle Art des Wiedergängerglaubens, die im Mittelalter und der frühen Neuzeit weit verbreitet war: In der Vorstellung der damaligen Menschen waren “Nachzehrer” Wiedergänger, die auf irgendeine Art Angehörige oder andere Menschen in den Tod nach sich ziehen. Der Grund für die Vorstellung lag wie bei anderen Wiedergängern auch in der Bosheit des Toten zu Lebzeiten, in seiner “Gier nach Leben” oder auch im Wunsch des Toten nach einem weiteren Verbundensein mit seinen Angehörigen. Oft war der Tote schon zu Lebzeiten eine “böse oder unheimliche Person”. Weit verbreitet war dabei die Vorstellung, dass Nachzehrer im Grab an Dingen wie etwa Kleidung oder Totenbandagen herumkauen, zehren und schmatzen würden. Als ein probates “Abwehrmittel” galt daher u.a. dem “nachzehrenden” Toten einen Stein in den oder in Reichweite des Mundes zu legen, damit er sich “daran die Zähne ausbeiße”…

Möglicherweise haben wir hier also einen mentalitätsgeschichtlich hoch spannenden Befund ausgegraben!

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“…das ist doch (̶k̶)ein Beinbruch…” - Was uns Knochen noch so erzählen können…

Wednesday, 5. April 2017 19:14

Der leitende Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie und Leiter des Traumazentrums am Klinikum St. Marien in Amberg, Dr. Robert Bauer, hat uns freundlicherweise auf unserer Grabung im Bereich des Amberger Spitalfriedhofs besucht und nimmt sich einer spätmittelalterlichen Bestattung an. Sehen Sie, was er uns spannendes berichten kann und klicken Sie hier

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Vielen Dank an Dr. Robert Bauer für seine Expertise!

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“… ach reißt´s doch nieder, des alte Glump…!” - Vom Verschwinden der alten Häuser - ein Nachtrag

Friday, 10. March 2017 9:13

Aus gegebenem Anlass: Wieder ist eines der letzten traditionellen Oberpfälzer Häuser dem Bagger zum Opfer gefallen - diesmal in Vilshofen (Lkr. AS), das beeindruckende, große Haus Bergstraße 2. Vilshofen wird erstmals um 1129 als “villa Vilsehofen” in einer Schenkung an das Kloster Ensdorf urkundlich genannt. Der Ortsname, dessen ursprüngliche Form als (pl.) “*Filusinhofun” =”zu den Höfen an der Vils” rekonstruiert werden kann, spricht für eine Ortsgründung im 8./9. Jahrhundert. Das Gebäude Bergstraße 2 stand nicht unter Denkmalschutz, war aber zumindest in seinen Grundrissdimensionen bereits in der Uraufnahme von 1808 bis 1864 verzeichnet.

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Mit großer Wahrscheinlichkeit hat es sich bei dem hier eingezeichneten Haus bereits um das nun abgebrochene Gebäude gehandelt. Das große Wohnhaus (oder Wirtshaus?) stand auf der Ostseite der Vils in West-Ost-Richtung, giebelständig zum Fluss und besaß in der Uraufnahme die Hof-Nr. 1 mit sechs (!) Wirtschaftsgebäuden. Damit dürfte die Hofstelle zu den ältesten und größten Höfen in Vilshofen gehört haben. Das markante historische Gebäude war mit seinem steilen Satteldach und Mittelflurerschließung zusammen mit dem noch stehenden Haus Bergstraße 1, das ebenfalls bereits in der Uraufnahme verzeichnet ist, absolut ortsprägend, in dem ansonsten von Neubauten der 1970er bis 1990er Jahre zersiedelten Westhang über der Vils. Ich habe an dieser Stelle bereits vor einiger Zeit einen kleine Kolumne zum Verschwinden der traditionellen Oberpfälzer Hauslandschaft geschrieben, die ich im Detail hier nicht wiederholen möchte. Jedoch steht dieses Verschwinden alter Häuser hier wie anderswo meines Erachtens für einen verantwortungslosen Umgang mit eigener Geschichte und Identität.

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Dieser Umgang mit historischen Bauten, die ja gerade das Werden, Wachsen und die ökonomischen Grundlagen eines Dorfes widerspiegeln und die ganz unmittelbar mit den Bewohnern verknüpft sind, beruht auf einer zunehmenden Wertelosigkeit und Desorientierung, die sich durch vermeintlich profitable und renditeträchtige Überlegungen zum Bauen und Leben auf dem Land ergeben haben. Bereits im Jahr 1975 veröffentlichte der Filmemacher Dieter Wieland einen Film zu dieser Entwicklung in bayerischen Dörfern, der sehr sehenswert ist und Sie mit einem Klick hier ansehen können.
Die traditionelle Hauslandschaft der Oberfpalz ist jedenfalls bereits so gut wie ausgestorben.

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Wichtig wäre, mehr Sensibilität in der ländlichen Bevölkerung zu schaffen, um die wenigen erhaltenen historischen Bauten, die längst nicht alle durch die Denkmalpflege geschützt sind, vor dem endgültigen Verschwinden zu bewahren.
Bilder (c): Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung, Bayerische Vermessungsverwaltung & M. Hensch.

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Amberg - Spitalgrabung - reloaded!

Thursday, 23. February 2017 8:04

Ab Anfang März ist es soweit…: Wir setzen die Grabungen im Vorfeld der Neubebauung des ehemaligen Spitalgeländes fort. Diesmal im Fokus: Der östliche und nördliche Umgriff der Spitalkirche Hl. Geist. Die bereits am 25. Mai 1311, sechs Jahre vor der Gründung des Spitals in einer Schenkung des Konrad von Adertshausen erstmals erwähnte Kirche war damals Johannes d. Täufer geweiht. Dieses “alte” Patrozinium kann durchaus darauf hindeuten, dass die Kirchengründung ein hohes Alter aufweist, die den beiden großen Amberger Kirchen St. Martin und St. Georg altersmäßig nicht nachsteht. Unsere Grabungen des letzten Jahres haben dann auch erste Belege für einen herrschaftlichen Hof des Hochmittelalters im Umfeld der Kirche erbracht. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden wir an der Kirche aber zunächst vor allem Gräber des spätmittelalterlichen Spitalfriedhofs untersuchen und somit sicher interessante Einblicke in die Bestattungskultur und die Lebensumstände der Amberger während des 14. bis 16. Jahrhunderts erhalten.

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Für die vorbildliche Zusammenarbeit in der Grabungsvorbereitung, der Grabungsorganisation und Grabungsdurchführung möchten wir hier ganz ausdrücklich dem Stadtplanungsamt Amberg und allen Beteiligten der Stadtverwaltung Amberg danken. Wir fühlen uns als voll intergrierter Bestandteil der Gesamtmaßnahme an der “Großbaustelle Spital” - ein echtes Vorbild für andere Kommunen im Umgang mit der Archäologie.
Über die neuen Ergebnisse werden wir hier und vor Ort ausführlich berichten.

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Quelle Bilder:
H. Helmlechner, https://commons.wikimedia.org/…/File:Amberg_Katholische_Spi… und Stadtarchiv Amberg

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Ist die ehemalige Kirche St. Martin in Schmalnohe eine Gründung aus der Zeit Karls des Großen?

Wednesday, 8. February 2017 19:04

Die Winterpause ist vorbei, es geht wieder raus: Nach fast zwei Jahren sind wir trotz Schnee und Eis in den wunderschön gelegenen, kleinen Ort Schmalnohe bei Edelsfeld (Landkreis Amberg-Sulzbach) zurückgekehrt. Das kleine Dorf hat eine etwa 1700 Jahre alte und sehr spannende Geschichte. Neben dem Nachweis einer germanischen Besiedlung, für die bereits der vormittelalterliche -aha-Name “Smalunaha” (Siedlung am schmalen Bach) spricht, konnten wir 2014 und 2015 überraschende Befunde zu einem seit dem 12. Jahrhundert auch schriftlich überlieferten Herrenhof, einer sog. Curtis, untersuchen. Dieser geht, wie die Grabungen im April 2015 ergaben, wahrscheinlich bis die Karolingerzeit zurück. Wenn Ihr oben rechts “Schmalnohe” in die Suchmaske eingebt, findet Ihr dazu mehr.

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Im Zuge der Sanierung der kleinen Kirche St. Otto (bis in das 18. Jahrhundert war sie dem Heiligen Martin v. Tours geweiht) untersuchen wir nun abschließend die Baugeschichte der kleinen Kirche. Schon 2014/2015 ergaben die Grabungen, dass das Bauwerk im Kern ein sehr hohes Alter besitzen muss. Diese Einschätzung scheint sich nun durch die Befunde im Innenraum zu bestätigen. Sicher ist zumindest, dass die ältesten Teile des stehenden Baus in vorsalische Zeit (”vor 1024″) zurückgehen, wobei einiges für eine Zeitstellung der ältesten Bauteile “vor 900″ spricht. Die bislang vorliegenden 14C-Daten zur Erbauungszeit liegen alle spätestens (!) im 7./8. Jahrhundert, so dass sogar eine für die Oberpfalz sehr frühe Datierung in die frühkarolingische Zeit (ca. 751-800) in Erwägung zu ziehen wäre. Auch die sehr ungewöhnliche Mauertechnik der ältesten Bauteile könnte womöglich für eine solch bemerkenswert frühe Erbauungszeit der ersten Kirche sprechen. Heute nun konnten wir sowohl im Setzmörtel der ältesten Mauerbefunde, als auch in der Baugrube des ältesten Chorfundaments eine ganze Anzahl an Holzkohlen bergen, aus denen wir weitere 14C-Daten gewinnen werden und die es uns hoffentlich ermöglichen, den Ursprung der Kirche noch genauer einzugrenzen. Wie immer sind wir sehr gespannt, wie es weitergeht und werden natürlich berichten. Außerdem wird es eine ausführliche Publikation der Befunde geben….

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Ein mächtiges Bauwerk des 14. Jahrhunderts in der Stadtburg von Tirschenreuth?

Friday, 25. November 2016 22:28

Nachdem wir im Zuge der ersten Oberbodenabträge auf dem Grundstück Hochwartstraße 3 im Garten der ehemaligen Polizeidirektion in Tirschenreuth zunächst angenommen hatten, einen Teil der Stastmauer aus dem späten 13. Jahrhundert erfasst zu haben, stellt sich die Situation nach Abschluss der Baggerarbeiten zum entfernen der neuzeitlichen Aufschütten vollkommen anders dar.

Zu unserer großen Überraschung trafen wir auf die meterhoch erhaltenen Reste eines mindestens 25 x 25 m großen, mächtigen Steingebäudes mit bis zum Teil 1,8 m starken Mauer im Untergeschoss. Das Bauwerk, das mit hoher Wahrscheinlichkeit im 14. Jahrhundert errichtet wurde, liegt unmittelbar südlich des in Plänen der Zeit um 1814 noch verzeichneten Burggrabens. Diesen haben wir archäologisch nördlich des Bauwerks ebenfalls erfasst.

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Zwar beginnen die detaillierten archäologischen Untersuchungen an diesem Platz erst Anfang des Jahres 2017, doch scheint sich zu erhärten, dass wir an dieser Stelle ein zentrales und repräsentatives Bauwerk der ab 1317 überlieferten Stadtburg von Tirschenreuth erwischt haben. Wie dem auch sei, wir möchten Euch mit diesem Beitrag den höchst bemerkenswerten Befund schon vorab schmackhaft machen. Es gilt aber abzuwarten, was wir bei der archäologischen Untersuchung 2017 an Erkenntnissen zur Feindatierung, Funktion und Nutzung dieses mächtigen Bauwerks herausfinden werden. Wir werden hier auf www.schauhuette.de berichten…
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Neue Publikation zur karolingerzeitlichen Mauertechnik mit archäologischen Beiträgen zu Fundorten in der heutigen Oberpfalz

Sunday, 18. September 2016 9:07

In eigener Sache: In einer nagelneuen, von den Bauforscherinnen Katarina Papajanni (Lorsch) und Judith Ley (Aachen) herausgebenen Publikation zur karolingerzeitlichen Steinbautechnik, die auf die Resultate eines im März 2015 in Aachen abgehaltenen Workshop zum Thema “Karolingische Bautechnik” zurückgeht, wird in 35 Beiträgen die karolingerzeitliche Bautechnik erstmals überregional behandelt. Das Buch bietet umfangreiches Foto- und Planmaterial und gewährt einen umfassenden Einblick in die jüngsten Forschungen zur karolingischen Architektur in Deutschland und der Schweiz. Im “Bayernteil” werden von Mathias Hensch (Schauhütte Archäologie) auch karolingische Baubefunde aus Sulzbach, Ermhof (beide Landkreis Amberg-Sulzbach) Nabburg (Landkreis Schwandorf), Lauterhofen (Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz) und Penk (Landkreis Regensburg) vorgestellt, die einen Einblick in die Dynamik herrschaftlicher Organisation und Administration im karolingischen Nordgau geben und das Potential dieses für die Karolinger sehr wichtigen Herrschaftsraums geben können.

Das 384 Seiten starke Buch ist im Verlag Schnell + Steiner in Regensburg erschienen und kostet 49,80 €.

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Die karolingischen Meisterschmiede von Kümmersbruck? Zwischenergebnisse der Anthropologie und spannende Fragen…

Monday, 22. August 2016 11:54

Bei unseren Untersuchungen am Bachweg in Kümmersbruck trafen wir inmitten des karolingerzeitlichen Schmiedeareals auf zwei Männergräber. Die anthropologische Untersuchung der Skelette durch den Hechinger Anthropologen Steve Zäuner erbrachte nun sehr interessante Einblicke in die Lebensumstände dieser Männer, die auch hinsichtlich eines Zusammenhanges von Gräbern und Handwerksareal von Bedeutung sein könnten.
In einer zum Teil mit Steinen umstellten Grabgrube lag ein etwa 30 bis 50 jähriger Mann, bei dem die Ansatzstellen der Muskeln an den Knochen auf einen drahtig wirkenden Typ schließen lassen. Er hatte Körperhöhe von etwa 1,67 m. Der Mann im zweiten Grab, das sich durch einen außergewöhnlichen Grabbau mit mächtiger Steinpackung auszeichnete wurde zwischen 50 und 70 Jahre alt und besaß einen kräftigeren Körperbau und war mit bis zu 1,75 m auch deutlich größer, als sein Grabnachbar.
Beide Männer weisen eine auffällig starke Abnutzung der Zähne auf, litten unter Parodontose und schwerwiegenden Kariesbefall. Einige Zähne wurden durch die Zahnfäule bis auf die Wurzeln zerstört und es finden sich gleich mehrere Fisteln in den Kiefern. Auch der Gaumen war von Entzündungen betroffen. Wahrscheinlicher war hierfür eine kohlenhydratreiche Nahrung, etwa Getreidebreie, verantwortlich. Vorhandener Zahnstein weist darauf hin, dass daneben aber auch eiweißreiche Nahrung eine Rolle bei der Ernährung spielte. Die vorgefundenen Erkrankungen im Mundraum haben nicht nur große Schmerzen verursacht, sondern dürften aufgrund ihrer Schwere auch Auswirkungen auf den gesamten Organismus gehabt haben. Kariöse Zähne und Abszesse können das Herz angreifen und zu schwerwiegenden Problemen bis hin zum Infarkt führen.
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Beide Männer litten zudem an Arthrose der Wirbelsäule, die auf hohe Belastung verursacht wird, beispielsweise durch das Tragen schwerer Lasten und harte körperliche Arbeit. Arthrotische Veränderungen finden sich auch an anderen Stellen, etwa an den Fingern. Auffällig ist, dass die linke Schulter des grazilen Mannes deutlich stärkere Belastungsspuren anzeigt als die rechte. Möglicherweise war er Linkshänder. Dagegen war beim kräftigeren Mann aus dem „Steinpackungsgrab“ die rechte Schulter stärker betroffen. Seine Schlüsselbeine weisen deutliche Einkerbungen auf, was auf starke Muskelbelastungen des Schulterbereichs hinweist. Sehr auffallend war bei ihm zudem eine kräftige, in Bereich der Ellenbogen sogar sehr kräftige Muskulatur.
Neben den aufgezählten Gemeinsamkeiten zeigen die Männer natürlich auch individuelle Unterschiede. Riefen im Schmelz mancher Zähne des älteren Mannes, sogenannte Schmelzhypoblasien, deuten auf Phasen von Mangelernährung in dessen Kindheit hin. Dabei ist „Mangel“ nicht automatisch gleichzusetzen mit „Hunger“. Schmelzhypoblasien entstehen beispielsweise oft während der Entwöhnung, wenn das Kind auf selbständige Nahrungsaufnahme umgestellt wird. Eine einseitige Ernährung kommt für die Entsteung solcher Schmelzhypoblasien ebenfalls in Betracht.
Beide Männer litten zudem unter Hüftgelenksarthrose. Es finden sich bei beiden sowohl eine “Hockerfacette”, als auch eine “Reiterfacette”. Hockerfacetten entstehen, wenn ein Individuum von klein auf eine hockende Sitzstellung einnimmt, wie man sie gut bei spielenden Kleinkindern im Sandkasten beobachten kann. Bei Erwachsenen kann sie auf eine entsprechende oft geübte Haltung beim Arbeiten hindeuten. Gleiches gilt für die sogenannte Reiterfacette. Sie zeigt ein regelmäßiges Spreizen der Beine an und ist daher nicht automatisch ein Nachweis für reiterische Tätigkeit. Bei dem älteren Mann lässt sich außerdem eine starke Belastung der an der Kniescheibe eine stärkere Belastung des betroffenen Knies an.
Die Spuren an den Skeletten legen nahe, dass beide Männer schweren körperlichen Belastungen ausgesetzt waren, wobei Art und Umfang der Tätigkeiten nicht allein anhand der Skelette ermittelt werden können. Die vorgefundenen Muster entsprechen interessanterweise denen, wie sie für Schmiedetätigkeiten anzunehmen wären.
Nach der archäologischen Situation und den 14C-Datierungen gehören die Gräber am Kümmersbrucker Bachweg wahrscheinlich in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts. Da wir aus archäologischer Sicht wissen, das zu dieser Zeit die Produktion an diesem Platz begonnen haben muss, ist es nicht auszuschließen, dass beide Männer wichtige Funktionen innerhalb der karolingerzeitlichen Schmiedewerkstätten bekleidet haben.
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Aus keltischem, germanischen, merowinger- und wikingerzeitlichen Zusammenhängen kennen wir zahlreiche Gräber von Schmieden, in denen dem Schmied seine Werkzeugausstattung als Beigabe mit in das Grab gegeben wurde. Die Zeit, aus der die beiden Kümmersbrucker Gärber stammen, das 8. Jahrhundert, war in der heutigen Oberpfalz eine Zeit religiöser und sozialer Umbrüche, in der die Bevölkerung zwar nicht mehr vollständig heidnisch, doch längst noch nicht frei von althergebrachten Glaubensvorstellungen war. Da besonders die Sitte, den Toten Gegenstände für das Leben im Jenseits mitzugeben, als heidnisch und somit unchristlich empfunden wurde, verschwindet die sie im Laufe des 8. Jahrhunderts mehr und mehr. Was also tun, wenn man aufgrund kanonischer Vorschriften dem verdienten Schmiedemeister kein Werkzeug mehr mitgeben darf? Wenn die Schmiedewerkstatt also nicht in das Grab des toten Meisters gelegt werden darf, war es dann vielleicht (noch) möglich, dass das der tote Meister zu seiner Schmiedewerkstatt kam und nachfolgenden Schmiedemeistern durch seine Anwesenheit zur Seite stehen konnte? Wir finden, das ist ein ziemlicher spannender Gedanke…

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Text und Bilder: © Mathias Hensch und Steve Zäuner.

Siehe auch: http://www.anthropol.de/

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Der Stephansturm in Ensdorf - Ein steinernes Zeugnis aus der Zeit Kaiser Heinrichs IV.

Wednesday, 10. August 2016 22:01

Ensdorf im Lankreis Amberg-Sulzbach besitzt eines der ältesten erhaltenen Bauwerke Nordostbayerns: Den sog. Stephansturm. Der Glockenturm ist der letzte Rest der 1805 abgebrochenen Pfarrkirche St. Stephan, deren Geschichte deutlich vor die Zeit der Gründung des Benediktinerklosters St. Jakobus am Ort im Jahr 1121 zurückreicht. Archäologische und baugeschichtliche Untersuchungen im Bereich des Turms durch Schauhütte Archäologie erbrachten interessante Erkenntnisse zur Baugeschichte der Stephanskirche. Ein erster archäologisch fassbarer Kirchenbau unbekannter Größe entstand an diesem Platz demnach wohl spätestens im 9./10. Jahrhundert.

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So ließen sich Teile eines trocken gesetzten Fundaments der Südwand einer frühen Steinkirche nachweisen. Menschliche Knochen aus der Baugrube belegen die Nutzung des Areals als Friedhof schon vor der Errichtung dieser Kirche, so dass es wahrscheinlich einen noch älteren Vorgängerbau gab, der sich zur Zeit noch dem archäologischen Nachweis entzieht. In einer zweiten Bauphase wurde der Südwestecke dieses Kirchenbaus der noch heute stehende Stephansturm als frei stehender Campanile vorgesetzt. Neben der archäologischen und bauforscherischen Untersuchung des Turms gelang es Georg Brütting von der Universität Bamberg) durch die dendrochronologische Untersuchung der originalen Geschossbalkenlagen zwischen dem Erd- und ersten Obergeschoss dessen Baujahr exakt zu bestimmen: Baubeginn war demnach das Jahr 1075 – ein Jahr heftigster Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. um die Investitur der Bischöfe.
Der Turm wurde in einem Zuge erbaut und auch die imposante Glockenstube mit Ausnahme des Treppengiebels gehört zur Bauphase von 1075. Ursprünglich war das Bauwerk außen verputzt und getüncht.
Neben zahlreichen Gerüsthölzern haben sich einmalige baugeschichtliche Details in einigen Fensteröffnungen erhalten: Die für die Abmauerung der Bögen benötigten Schalhölzer wurden durch gespaltene, unten angespitzte, halbrund gebogene, hervorragend konservierte Haselruten gehalten, die ihrerseits in horizontal eingemauerte Holzbretter am Ansatz des Bogens gesteckt und dadurch auf Spannung gehalten wurden. Diese sehen aus, als wären sie gerade verbaut worden und sind doch 941 Jahre alt…

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Kurz nach dem Turm errichtete man nordwestlich von diesem ein profanes Steingebäude, dessen Ostmauer in der heutigen Friedhofsmauer am Stephansplatz noch zu großen Teilen im aufgehenden Mauerwerk erhalten ist. Dieses Gebäude war äußerst qualitätvoll ausgestattet.
Möglicherweise gehörte die Kirche St. Stephan zum einem (früh- und) hochmittelalterlichen Herrenhof im wüst gefallenen bzw. in Ensdorf aufgegangenen Dorf Weilenbach. Schon 1115 schenkt Kaiser Heinrich V. das Gut “Wilinbac” dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach. In den 1130er Jahren ist der Ort in Besitz der Wittelsbacher mehrfach fassbar. Die herrschaftliche Konstellation mit Königsgut in “Wilinbac” und der Übergang an die Wittelsbacher könnte die hohe Bauqualität des Turms und des archäologisch erfassten „Repräsentationsgebäudes“ westlich der Stephanskirche erklären.

Die Erwähnung eines Minsterialen Eberhart de Willenbach als Gefolgsmann Kunos von Horburg, einem Halbbruder Graf Berengars von Sulzbach, im frühen 12. Jahrhundert könnte zudem dafür sprechen, dass auch Herrschaftsträger aus dem reichspolitisch bedeutenden Familiengeflecht der Grafen von Sulzbach in Weilenbach Besitz hatten.
Wie dem auch sei, die Gemeinde Ensdorf südlich von Amberg besitzt mit dem Stephansturm eines der ältesten vollständig erhaltenen Bauwerke Nordbayerns und ein sichtbares, fast tausend Jahre altes Zeugnis christlichen Lebens in der mittleren Oberpfalz.
Vielen Dank an die Ensdorfer Ortsheimatpflegerin Isabel Lautenschlager vom Naturpark Hirschwald für die heutige Öffnung des Turms zum (erneuten) fotografieren.

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