Die Frauenbergkirche am Weltenburger Frauenberg
Oberhalb des Klosters Weltenburg liegt auf dem Sporn des Frauenbergs die zweigeschossige, barocke Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau. Nach der legendenhaften Überlieferung Aventins soll der heilige Rupert (Bischof von Salzburg, † kurz nach 716) an dieser Stelle über einem römischen Minervatempel eine Kapelle errichtet haben. Auf Initiative und nach umfangreichen Forschungen der Historikerin Dr. Gertrud Diepolder (Jettenhausen/München) und Dank großzügiger finanzieller Unterstützung durch Prof. Dr. Georg Schwaiger (München) gelang es, in Kooperation des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege mit der Kreisarchäologie Kelheim ein kleines Forschungsprojekt „Weltenburg-Frauenbergkirche, Bauforschung und Archäologie“ zu initiieren.
Ausgangspunkt für die Untersuchungen war weniger die Gründungslegende nach Aventin, sondern vielmehr die historische Forschung G. Diepolders, nach der die Weltinpurc bereits während spätmerowingisch-karolingischer Zeit größere Bedeutung besessen haben könnte, als sich dies bislang im archäologischen Gesamtbild der Entwicklung des Frauenberges widerspiegelt. Die frühe Geschichte von Burg und Kloster – so die Hypothese – könnte eng verbunden sein mit der Frühzeit der Frauenbergkirche.
Von außen lässt die barocke zweigeschossige Kirche nichts von ihrer langen Baugeschichte mehr erkennen. Beim Blick in das Innere der Unterkirche aber sind dann bereits im Chor-bereich eine Vielzahl von mittelalterlichen Bauphasen und Malereischichten ablesbar, die eine bis weit in das Mittelalter zurückreichende Baugeschichte verraten. So richtete sich das Augenmerk zunächst besonders auf den im Innenraum noch heute erkennbaren ehemals nach außen gerade geschlossenen 3-Nischen-Chor der Unterkirche, der an karolingische Parallelen (z.B. St. Benedikt in Mals/Tirol) denken ließ.
Durch die gute Zusammenarbeit von Archäologie und Bauforschung konnte die bisher weitgehend unbekannte Bauge-schichte der Frauenbergkirche in wesentlichen Teilen erhellt werden . Aufgrund der neuen Forschungsergebnisse, so auch zum 1978/79 ausgegrabenen, bislang als „römisches Kleinkastell“ bekannten großen Steingebäudes, ergibt sich eine ganze Reihe bislang nicht berücksichtigter Aspekte und Fragen zur mittelalterlichen Geschichte der Befes-tigung auf dem Frauenberg und des Klosters Weltenburg. An dieser Stelle soll jedoch nur ein kurzer Überblick über die Entwicklung der Frauenbergkirche aus archäologischer Sicht gegeben werden.
Ziel der archäologischen Sondagen in der Unterkirche war es, Fragen zu Alter und Baugeschichte des stehenden Baues nachzugehen sowie Hinweise auf einen möglichen Kirchenbau zu erhalten, der mit einer frühmittelalterlichen Burg bzw. der Burg des 10. Jahrhunderts in Verbindung zu bringen wäre. Im Innenraum der Unterkirche wurden insgesamt vier kleine Untersuchungsflächen geöffnet. Diese erfassten den mittleren und südlichen Chorbereich und den Übergang des Kirchensaals zur südlichen Altarnische, sowie die Südwest- und Nordwestecke der Unterkirche, also den Übergang des Kirchensaals zur Westwand. Ein weiterer Schnitt wurde von außen an die Südwand der Kirche gelegt, um Hinweise zur Schichtenabfolge im Außenbereich der Kirche zu erhalten, bleib jedoch aufgrund moderner Störungen ohne Ergebnis.
Der Ursprungsbau der Frauenbergkirche war ein einfacher, im Lichten etwa 9 x 6,3 m großer Rechtecksaal mit gerade geschlossenem, nicht eingezogenem oder ausgeschiedenem Chor. Dieser frühe Kirchenbau hat sich – mit Ausnahme der Westwand – in noch sehr beträchtlicher Höhe oberhalb des Fußbodens der Unterkirche in den unteren Wandteilen des stehenden Baus erhalten und war nur geringfügig kleiner als die heutige Unterkirche. Die Untersuchungen zeigten, dass es innerhalb dieses Ursprungsbaus bereits in früher Zeit eine Umbau- bzw. Wiederherstellungsmaßnahme gegeben hat. So stammen die unteren Teile der Wände der Unterkirche noch aus der ältesten Bauphase. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden die Außenwände der Kirche zu großen Teilen erneuert, wobei man offenbar das ältere Mauerwerk bis auf unterschiedliche Höhenniveaus abtrug und neu aufmauerte. Die Kirche wurde hierbei jedoch in ihren Dimensionen unverändert gelassen.
Sowohl das Fundament als auch das aufgehende Mauerwerk der ältesten Bauphase bestanden aus Kalkbruchsteinen, die in einen gut abgebundenen Kalkmörtel versetzt waren. Das Fundament dieses ältesten Baues durchstieß eine vorgeschichtliche Nutzungsschicht, die sich im Innenraum in allen Untersuchungsbereichen unmittelbar über dem anstehenden Fels nachweisen ließ. Die unterste Fundamentlage bildete eine kleinteilige Bruchsteinschüttung bzw. -rollierung, die annähernd trocken gesetzt wurde. Unmittelbar darauf versetzte man größere Bruchsteine, die mit reichlich Mörtel vergossen waren und bereits den Übergang zum aufgehenden Mauerwerk charakterisierten. Diese Fundamenttechnik erinnert an die Fundamentierung des erforschten Massivbaukomplexes im oberen Teil des Frauenberges, der als spätrömisches Kleinkastell in die Forschung eingegangen ist. In vergleichbarer Weise waren auch die steinernen Befestigungsreste mit Zangentor am südwestlichen Ende des Wolfgangswalls fun-damentiert, die 1966 von Walter Sage untersucht und in das 10. Jahrhundert datiert wurden.
Innerhalb der südlichen Altarnische konnte unter dem erhal-tenen spätmittelalterlichen Steinplattenboden die ehemalige Südostecke des frühesten Kirchensaals erfasst werden. Hier hatte man im 14. Jahrhundert die ursprüngliche Wand im Eckbereich abgebrochen, um die südliche Chornische winkelartig zu erweitern. Die Westmauer des Ursprungsbaus hatte man bei dem durchgreifenden Neu- bzw. Umbau der Frauenbergkirche im frühen 18. Jahrhundert bis auf das Fun-dament abgebrochen und anschließend den Westabschluss der Kirche etwa 0,4 m nach Westen verlegt. Da die heutige Kirche vollständig über den ältesten Außenwänden aufgebaut konnten an keiner Stelle die ursprünglichen Außenkanten der Mauern des Ursprungsbaus dokumentiert werden. Immerhin lässt sich durch die Befunde in der südlichen Altarnische eine Mauerstärke von mehr als 0,5 m belegen.
Nach Aussage des Fundmaterials und 14C-Daten aus Holzkohleresten im Setzmörtel sowie aus Tierknochenfunden aus den Baugrubenverfüllungen wurde die erste nachweisbare Steinkirche mit großer Sicherheit während des 10. Jahrhunderts erbaut.
In einer Umbauphase, die sich durch Radiokarbondaten in das 11. Jahrhundert datieren lässt, wurden im Innenraum des Rechtecksaals an dessen Ostwand zwei massive Bruchstein-pfeiler eingestellt. Durch das Einstellen dieser Pfeiler entstand die heute noch vorhandene Drei-Nischen-Gliederung des Ostabschlusses. Die beiden seitlichen Nischen waren dabei mit einer lichten Weite von lediglich 1,4 x 0,6 m extrem schmal, während die Mittelnische im Lichten ca. 2,5 m x 1,4 m maß. Der Grund für diese Umbaumaßnahme dürfte in dem nachträglichen Wunsch zu suchen sein, im ursprünglich ungegliederten Saal ein vom Innenraum abgetrenntes Sanktuarium zu schaffen. Die räumliche Enge in den beiden Seitennischen erlaubte dabei zunächst wohl, wenn überhaupt, nur eine sehr eingeschränkte liturgische Nutzung dieser „Abseiten“. Möglicherweise spielten diese Nischen bei der Ausübung der Liturgie überhaupt keine Rolle und waren zum Innenraum hin mit Wandvorhängen oder Ähnlichem verschlossen. Wäre dem so, entstünde im Inneren nämlich der Eindruck einer Saalkirche mit eingezogenem Rechteckchor und starker Fokussierung auf einen Hauptaltar.
Im neu entstandenen Chorraum fügte man in einer dritten Bauphase an die Innenseiten der Pfeiler je eine schmale Mauervorlage an, so dass sich die lichte Breite des Altarraums auf etwa 1,86 m verringerte. Der Einbau dieser Pfeilervorlagen dürfte mit der Umgestaltung der Kirche zu einer Doppelkapelle (?) während des 12. Jahrhunderts einhergehen. Zur gleichen Bauphase gehört auch ein an die Ostwand angesetztes Altar-fundament in der Mittelnische. Nach Aussage der 14C-Daten aus Holzkohleresten im Setzmörtel der Bauphase 3 wurden diese Umbauten während des 12. Jahrhunderts vorgenommen. Die weitere bauliche Entwicklung der Frauenbergkirche ab dem 12. Jahrhundert wurde anhand der Befunde an den stehenden Bauteilen der Unterkirche durch den Bauforscher Stefan Ebeling (Ihrlerstein) dokumentiert.
In der Zusammenschau sämtlicher bislang bekannter historischer und archäologischer Quellen mit den neuen Grabungs- und Forschungsergebnissen scheint sich eine wichtige admi-nistrative Bedeutung des Frauenbergs während des 10. Jahrhunderts abzuzeichnen, die offenbar mit einem starken Enga-gement der Regensburger Bischöfe in Verbindung zu bringen ist. Dies würde sich ohne Weiteres auch mit der spärlichen schriftlichen Überlieferung zur Deckung bringen lassen. Vielleicht war es Bischof Wolfgang (972-994), so zumindest eine Schriftquelle aus dem 12. Jahrhundert, der den Frauenberg als Platz bischöflicher Repräsentation und Gewalt im späten 10. Jahrhundert ausbauen bzw. wiederherstellen ließ. Wie u.a. die Dreiphasigkeit der Toranlage vermuten lässt, dürfte er wohl eine bereits bestehende und vielleicht nach den Ungarnkriegen weitgehend ungenutzte Befestigung seiner Vorgänger vorgefunden haben. Zumindest das Kloster Weltenburg erscheint spätestens ab 932 als Eigenkloster des Bistums Regensburg. Weltinpurc war aber offenbar schon im 9. Jahrhundert in Besitz des Regensburger Bischofs. Schließlich berichtet auch Othlo von St. Emmeram (1010-ca. 1080) in seiner Lebensbeschreibung Bischof Wolfgangs, dass sich dieser möglicherweise mit Teilen seines Domkapitels in Weltinopolis aufhielt. Die von ihm dabei benutzte Endung -polis würde sehr gut zu ei-nem auf einem Berg gelegenen Ort, also einer Burg auf der Hochfläche passen.
Literaturhinweise zu den Untersuchungen finden Sie hier.

