Der karolingische Königshof Lauterhofen
2006 konnte Lauterhofen (Landkreis Neumarkt i. d. Opf.) das 1200jährige Jubiläum seiner Ersterwähnung feiern. In der sogenannten Divisio Regnorum Karls des Großen von 806 wurde das Königsgut Lauterhofen zusammen mit der villa Ingoldestat und dem gesamten “bayerischen” Nordgau vom übrigen bayerischen Gebiet, das an Pippin ging, ausgenommen und dem Reichsteil Karls zugeschlagen, der seinen Schwerpunkt im fränkischen Siedlungsgebiet hatte. Mit der Nennung von 806 besitzt Lauterhofen bereits an sich eine Ausnahmestellung, denn kein anderer sicher zu lokalisierender Ort im Gebiet der heutigen mittleren Oberpfalz tritt abgesehen von Premberg an der Naab früher in das Licht der schriftlichen Überlieferung. Wie aus der Quelle herauszulesen ist, war der letzte agilolfingische Herzog Tassilo III. bis zu seiner Absetzung im Jahr 788 mit den beiden nordgauischen Königsgütern belehnt. Dies ist auch insofern von größerer Bedeutung, als dass somit bairisch-herzoglicher Einfluss in der Region fassbar wird, der sich im fortgeschrittenen 8. Jahrhundert eben nicht auf herzogliches Eigen sondern auf königliches Lehen stützte.
Der Raum nördlich der Donau um die Flüsse Naab, Vils und Lauterach geriet ab der späten Merowingerzeit zunehmend in das Blickfeld unterschiedlicher Machtfaktoren. Deren Vertreter folgten mutmaßlich nicht allein kolonialistischen Prinzipien im Sinne von „agrarischem Landesausbau“, sondern hatten daneben auch wirtschaftspolitische und militärische Interessen, soweit sich diese überhaupt voneinander trennen ließen. In dieser Gegend trafen ab dem späten 7. und frühen 8. Jahrhundert herzoglich-agilolfingische Machtbestrebungen auf fränkisch-karolingische Ansprüche, zu denen durch die Reichsbildung in Böhmen und Mähren ein dritter Machtfaktor kam. Grund für diese herrschaftlichen Anstrengungen waren wohl die geostrategische und verkehrsgeographische Lage der Region, vermutlich aber auch deren reiche Bodenschätze in Form von hochwertigen Eisenerzen.
Nach der Überlieferung des Historiographen Johannes Aventinus (1477-1534) soll Karl Martell bei seinen Feldzügen gegen die agilolfingischen Herzöge in den Jahren 725 und 728 den Nordgau „mit dem Königshof Lauterhofen“ vom übrigen bayerischen Gebiet abgetrennt und fränkischer Oberhoheit unterstellt haben. Unklar ist allerdings, ob Aventin hier aus einer uns unbekannten, heute verlorenen Quelle schöpfte, oder ob ihm die Bestimmung von 806 als Vorlage für diese Behauptung diente. Was die schriftliche Überlieferung angeht betreten wir einigermaßen sicheren Boden erst mit eben der Divisio Regnorum Karls des Großen.
Andererseits ist bereits die Gründung des Eichstätter Bistums um die Mitte des 8. Jahrhunderts als politische Handlung der fränkischen Hausmeier gegen die Agilolfinger aufzufassen. Nicht nur, dass hierbei offenbar Gebiete vom bayerischen Bistum Regensburg zugunsten Eichstätts abgetrennt wurden, die fränkischen Herrscher unterstellten die neue Diözese überdies dem für die karolingische Expansion eminent wichtigen Erzbistum Mainz, während das Regensburger Bistum an die von den Agilolfingern geförderte Erzdiözese Salzburg gebunden war. Die Diözesangrenze zwischen dem Eichstätter und dem Regensburger Bistum verläuft noch heute in der mittleren Oberpfalz unmittelbar östlich von Lauterhofen und westlich von Sulzbach-Rosenberg. Ab dem zweiten Viertel des 8. Jahrhunderts ist demnach mit wachsendem fränkischen Einfluss im östlichen Nordgau bis über die Vils hinaus an die Naab zu rechnen. Nach der Absetzung Herzog Tassilos III. durch Karl den Großen wird die Bedeutung des Vils-Naab-Raumes für den fränkischen Fiskus mit der Nennung von Premberg an der Naab (Landkreis Schwandorf) im Kapitular von Diedenhofen (heute Thionville in Lothringen) im Jahr 805 und der Sonderstellung des Lauterhofens von 806 klar ersichtlich. Da die von Karl dem Großen vorgesehene Reichsteilung niemals zur Ausführung gelangte, kam Lauterhofen wie Ingolstadt an dessen Sohn Ludwig dem Frommen. Dieser wiederum vererbte beide Höfe in einer großen Schenkung bayerischer Güter 817 seinem Sohn Ludwig dem Deutschen. Während des 9. Jahrhunderts dürfte Lauterhofen dann ein wichtiger Stützpunkt der Verwaltung des Raums durch die mächtigen Nordgaugrafen gewesen sein. Noch in ottonischer und salischer Zeit behielt der Raum seine reichspolitische Dimension und blieb für das Königtum sowie den mit ihm in enger Interaktion handelnden bayerischen Großen von zentraler Bedeutung. In der Karolingerzeit wurden dabei in diesem Teil des Nordgaus die grundherrlichen Voraussetzungen für den Aufstieg bedeutender Adelsgeschlechter wie der bairischen Luitpoldinger des frühen 10. Jahrhunderts, der so genannten Schweinfurter Markgrafen in ottonischer Zeit sowie der Diepoldinger und Sulzbacher Grafen des 11. und 12. Jahrhunderts gelegt. Lauterhofen selbst lässt sich erst wieder mit der Gründung des benachbarten Benediktinerklosters Kastl zu Beginn des 12. Jahrhunderts fassen. Wie die Gründungschronik des Klosters berichtet, schenkten die Stifter Graf Berengar von Sulzbach und der Edelfreie Friedrich von Kastl-Habsberg dem Kloster als Erstausstattung Güter mit zugehörigem Gült, Zehnt- und Zollrechte sowie die Gerichtsbarkeit in Lauterhofen. Berengar von Sulzbach übertrug der Abtei außerdem seine Eigenkirche St. Michael, die heutige Pfarrkirche am südlichen Ortrand. Es ist nicht abwegig, dass die Allode dieser Familien im Ort auf ältere Besitzrechte der Nordgaugrafen des 9. Jahrhunderts zurückzuführen sind.
Der heute etwa rund 3800 Einwohner zählende Ort liegt im Bereich der mittleren fränkischen Alb, nur wenig östlich der Lauterachquellen am Eingang des sich flussabwärts stark verengenden Lauterachtals auf durchschnittlich etwa 470-480 m üNN. Am östlichen Ortrand mündet der heute obertägig nicht mehr sichtbare Bach „Saugraben“ von Süden her in die Lauterach. Lediglich in diesem Bereich ist das Tal leicht kesselartig erweitert, so dass die zu erschließenden Ackerfluren offenbar östlich bzw. westlich abseits der frühmittelalterlichen Hofstellen zu vermuten sind. Die überwiegend steinreichen Böden der karstigen Gegend sind in der Regel nur mäßig fertil, zudem ist das jährliche Niederschlagsmittel in diesem Teil der Frankenalb vergleichsweise niedrig. Man kann also, ganz im Gegensatz zu Ingolstadt, nicht unbedingt von einer siedlungsgünstigen Lage des Ortes sprechen. Lauterhofen kam jedoch durch seine verkehrsgeographische Lage an den wichtigen frühmittelalterlichen Fernwegen vom Raum Würzburg- Forchheim-Fürth nach Regensburg sowie den West-Ost-Routen von den fränkischen Altsiedellandschaften nach Böhmen zugute. Zugleich lag der Königshof in unmittelbarer Nähe zum bedeutenden fränkischen Herrschaftsmittelpunkt auf der Burg Sulzbach.
Lauterhofen war etwa ab der Mitte des 8. Jahrhunderts ein regionaler Hauptort ausgedehnten Fiskalgutes, das mit großer Wahrscheinlichkeit zum Teil auf entfremdetem agilolfingischen Besitz aufbauen konnte. Mehrere mittelalterliche Bestattungsplätze, die über das gesamte heutige Ortsgebiet streuen, zeigen unterschiedliche, zunächst offenbar unabhängig voneinander bestehende Siedlungskerne an. Der bislang älteste Friedhof wurde in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts nördlich des heutigen Ortskerns archäologisch untersucht. Das hier in der Flur „Geißäcker“ aufgedeckte Reihengräberfeld des späten 7. bis frühen 8. Jahrhunderts gilt mit seinen 86 Körpergräbern, darunter zwei Spathagräber und zwölf Gräber mit Saxbeigabe, bislang als sicherer Beleg für das Ausgreifen bajuwarischer Siedlungstätigkeit in den östlichen Nordgau ab der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts. Wie breit diese bajuwarische Siedlungswelle im Raum Lauterhofen angelegt war entzieht sich bislang noch unserer genauen Kenntnis. Die Gründe für ein Vorschieben bajuwarisch-agilolfingischer Präsenz über die Donau nach Norden kann man in der Schwäche des fränkischen Königtums nach der Mitte des 7. Jahrhunderts suchen. Es ist sicher auch kein Zufall, dass dieser Ausgriff in den Raum um Lauterhofen im Anschluss an die ersten Ansätze zur Reichsbildung in Böhmen und Mähren erfolgte. Zugleich bleibt es beim derzeitigen Forschungsstand unklar, ob sich in dieser Zeit bereits fränkische Einflüsse über den Main-Regnitz-Raum hinaus nach Südosten in den östlichen Nordgau hinein bemerkbar machten. Ein Vordringen fränkischer Siedlungsträger über die Verkehrspforten im Raum Hersbruck-Sulzbach im späten 7. Jahrhundert wird nach jüngsten Forschungen durchaus wahrscheinlich.
In Lauterhofen lassen sich die Besitz- und Siedlungsverhältnisse aus dem Frühmittelalter wahrscheinlich noch durch die Besitzstruktur des Dorfes im 19. Jahrhundert erschließen. Ein frühmittelalterlicher Hofbezirk, zu dem das spätmerowingische Gräberfeld gehört haben dürfte, ist von H. Dannheimer am Westrand des Ortes im Bereich des hoch- und spätmittelalterlichen Herrensitzes „Oberlauterhofen“ und der angrenzenden, erst vor kurzem abgegangenen Hofstelle „Steinbauer“ lokalisiert worden. Weder beim Bau des heutigen Pflegeheims „Karlshof“ auf dem Gelände des ehemaligen Adelssitzes, noch beim erst kürzlich vorgenommenen Neubau eines Spielplatzes wurden archäologische Untersuchungen durchgeführt, die zur Klärung der frühmittelalterlichen Siedlungsgenese an diesem neuralgischen Platz hätten beitragen können. Auffallend ist die topographische Lage der vermuteten frühmittelalterlichen Hofstellen unmittelbar oberhalb der Lauterachquellen bzw. am Zusammenfluss der einzelnen Quellbäche. Hier wird das Areal am Eingang des Tales zudem von einer wichtigen Altstraße aus dem Raum Fürth in Richtung Regensburg berührt. Die Ackerflure der dieser Hofstellen haben offenbar in verhältnismäßig günstiger Lage südlich und westlich der Höfe beiderseits einer Altstrassentrasse in der Flur „Im Grund“ gelegen.
Spätestens um die Mitte des 8. Jahrhunderts ist dann mit der Etablierung des fränkischen Königshofes zu rechnen. Für diesen wählten die Franken den äußersten östlichen Rand des heutigen Ortes südlich der Lauterach und unmittelbar östlich des Saugrabens im Ortsteil „Zipfel“. Die Entfernung zum älteren bajuwarischen Hofbezirk betrug damit gut 800 Meter. Die königlichen Höfe waren zusätzlich an eine von Südwesten aus Richtung Neumarkt her die Main-Donau-Verbindung nach Regensburg querende bedeutende Altstraße nach Sulzbach und weiter in Richtung Prag angeschlossen. Noch heute wird deutlich, dass diese Altwegeverbindung offenbar Rücksicht auf den Königshof im „Zipfel“ nimmt, da ihr Verlauf kurz vor dem Erreichen des Ortes in einem deutlichen Bogen nach Osten schwenkt, um nach Überquerung der Lauterach bzw. der Main-Donau-Route nach Westen umzuschwenken, wo sie wieder an Höhe gewinnt und im Bereich der „Alten Sulzbacher Straße“ nach Nordosten auf Sulzbach mit seiner frühmittelalterlichen Burg zielt. Die westlich gelegene Flur des Königshofs übertraf die der älteren Siedlung deutlich an Größe. Allerdings mussten sich die fränkischen Bauern aber offenbar mit den Ackerfluren in weniger guter Lage zufrieden geben, die bis dahin noch nicht in Nutzung standen.
In Lauterhofen entwickelten sich während des späten 7./8. Jahrhunderts also mindestens zwei benachbarte Siedlungen. Erst im Hochmittelalter scheinen beide Kerne durch die Marktsiedlung mit der von den Sulzbacher Grafen um 1100 (neu-?) gegründeten Kirche St. Michael zu einer Einheit verbunden worden zu sein.
Als wesentlicher Bestanteil des fränkischen Königshofes Lutrahahof wurden durch Armin Stroh und Hermann Dannheimer 1962 bis 1964 die Reste der ehemaligen Kirche St. Martin mit Teilen des anschließenden Friedhofs ausgegraben, dessen früheste Gräber bis in das 8. Jahrhundert zurückreichen könnten. Bis vor wenigen Jahren waren Teile der frühmittelalterlichen Kirche und deren Nachfolgebauten im Baubestand des bäuerlichen Anwesens Häuser Nr. 86/89 an der Martinstraße erhalten. Es ist als großer Verlust zu beklagen, dass der aus drei Teilen bestehende Baukomplex der ehemaligen Kirche zu großen Teilen dem Bagger zum Opfer fiel. Die durch Hermann Dannheimer untersuchte älteste Martinskirche war ein steinerner Saalbau mit eingezogener Apsis. Im Westen könnte die Kirche eine Vorhalle besessen haben. Einer Datierung der ergrabenen Baureste in die Karolingerzeit steht nichts im Wege.
Die Bedeutung der königlichen curtis Lauterhofen ist jedoch nicht ohne deren Wechselbeziehung zu zahlreichen weiteren Siedlungen des 7. bis 9. Jahrhunderts zu verstehen. Hier ist insbesondere an die im Umland von Lauterhofen zahlreichen, oft patronymischen –hofen-Orte zu denken, zu denen auch ein großer Teil der heutigen –hof-Ortsnamen der Gegend zu zählen ist, sowie ferner an die auffallend häufigen patronymischen –feld-Orte, die wiederum auf einen verstärkten Einfluss (ost-)fränkischer Grundherrschaft beim frühmittelalterlichen Siedlungsgeschehen hindeuten könnten. Lauterhofen selbst wird bei der Herausbildung administrativer, wirtschaftlicher und wohl auch militärischer Organisationsstrukturen eine wesentliche Rolle zuzugestehen sein. Der königliche Gutshofbezirk stand seinerseits in enger grundherrlicher und wirtschaftlicher Beziehung zu anderen regionalen „Zentren“ herrschaftlicher Präsenz. Neben der gut drei Tagesreisen entfernten frühmittelalterlichen Metropole Regensburg mit seiner Pfalz gilt dies besonders für die archäologisch gut untersuchten Burgen in Oberammerthal und vor allem Sulzbach (beide Landkreis Amberg-Sulzbach) . Die Sulzbacher Burg wurde im Laufe des 8. Jahrhunderts in äußerst günstiger verkehrsgeographischer Lage an Ostrand der fränkischen Alb errichtet. Sie ist wohl als fränkische Gründung zu verstehen, die sich zunächst auch gegen bajuwarischen Einfluss gerichtet haben könnte und an der wichtigen Verkehrspforte am Ostrand der Alb die bedeutende Verbindung in Richtung Böhmen offen halten sollte. Sulzbach scheint dabei eine Art Brückenkopf an der Grenze zwischen den Bistümern Eichstätt und Regensburg gebildet zu haben. Schon um 800 ein zentraler Herrschaftsmittelpunkt im östlichen Nordgau, war die Burg den archäologischen Befunden nach zu urteilen ab dem 9. Jahrhundert ein Hauptort der Nordgaugrafen. Bei den langjährigen Ausgrabungen im heutigen Sulzbacher Schloss wurde u.a. neben der karolingischen Burgkirche das Sarkophaggrab eines karolingischen Herren entdeckt, bei dem es sich mit vielleicht um das Grab des 865 verstorbenen Nordgaugrafen Ernst handeln könnte. Dieser war der schriftlichen Überlieferung zufolge einer der einflussreichsten bayerischen Adligen des 9. Jahrhunderts. Das karolingische Kammergut Lauterhofen, das ihm vielleicht schon nach 829/31 durch Ludwig dem Deutschen zu Eigen geschenkt wurde, war dabei sicher ein wichtiger Stützpunkt gräflicher Herrschaftsausübung.
Lauterhofen, Sulzbach sowie das im Diedenhofener Kapitular von 805 genannte Premberg an der Naab, der 889 unter Arnulf von Kärnten erwähnte Königshof in Velden an der Pegnitz und wohl auch die Reichsburg Nabburg müssen als wichtigste Achspunkte karolingischer Verwaltung in der Region angesehen werden. Die Sonderrolle des Königsguts Lauterhofen, die ja noch in der vorgesehenen Reichsteilung von 806 deutlich wird, ist jedoch nicht allein auf dessen militärische Bedeutung zu reduzieren. Vielmehr waren das Interesse des bayerischen Herzogs und fränkischen Königs an der Region offenbar auch auf die reichhaltigen und qualitätvollen Eisenerzvorkommen der östlichen mittleren Frankenalb gerichtet. Dieser Standortvorteil dürfte Lauterhofen zu seiner frühmittelalterlichen Bedeutung als Stützpunkt agilolfingischer und karolingischer Machtausübung und wichtigen Etappenort zwischen den fränkischen Machtzentren im Maingebiet und der Donaumetraopole Regensburg sowie der böhmischen Einflusssphäre verholfen haben.
Quelle: Mathias Hensch, villae (…) quarum nomina sunt Ingoldestat et Lutrahahof, (…) ad pagum, qui dicitur Northgowe. Der karolingische Königshof Lauterhofen und sein Umland. In: Vom Werden einer Stadt. Ingolstadt seit 806 (Ingolstadt 2006) 106-111.
