Der Wohnturm des Steinhofs von Duisburg-Huckingen
Das im Frühjahr 2008 begonnene kleine Forschungsprojekt zur Baugeschichte des ältesten profanen Bauwerks im Duisburger Stadtgebiet soll bestehende Fragen und Probleme zur Baugeschichte und Datierung des Turms beantworten helfen. Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass der Turm deutlich älter ist, als bisher angenommen. Eine pdf-Publikation von Mathias Hensch, herausgegeben von der Stadt Duisburg, können Sie sich hier herunterladen (1,43 MB).
Die Untersuchungen wurden initiert und finanziert durch die Stadt Duisburg. Wir arbeiten hier in Kooperation mit den Firmen DendroScan (Bamberg) und ArcTeam (Regensburg).
Seit langem ist bekannt, dass der Turm des so genannten Steinhofs in Duisburg-Huckingen neben der Duisburger Stadtmauer das älteste erhaltene profane Baudenkmal im heutigen Stadtgebiet Duisburgs darstellt. Über die genaue Erbauungszeit, den historisch-topografischen und herrschaftsgeschichtlichen Kontext des Bauwerks und dessen Baugeschichte gab es bislang unterschiedliche Auffassungen. So wurde die lange Zeit vertretende Meinung, der Turm stamme aus dem Hochmittelalter, durch eine bauforscherische Untersuchung des Rheinischen Amts für Denkmalpflege im Jahr 2001 zugunsten einer Datierung der ältesten Bauphasen in das 14./15. Jh. aufgegeben. Die komplexe Baugeschichte des Bauwerks schien mit diesen Untersuchungen weitgehend geklärt. Dennoch wurde zu Beginn des Jahres 2008 durch die Untere Denkmalschutzbehörde der Stadt Duisburg eine neuerliche bauhistorische Untersuchung des Turms in Auftrag gegeben, um weiterhin bestehenden Fragen und Problemen zur Baugeschichte des Turms nachzugehen und mit den bis dahin erzielten Ergebnissen bzw. Meinungen zu vergleichen. Die Ergebnisse der jüngsten Untersuchungen rücken den Huckinger Steinturm abermals in den Fokus der historischen und architekturgeschichtlichen Forschung im Duisburger Stadtgebiet und revidieren gleichzeitig die im Jahr 2001 formulierten Aussagen zur Datierung und Funktion dieses Bauwerks.
Der Raum Huckingen – eine mittelalterliche Kulturlandschaft
Huckingen liegt heute im städtischen Ballungsraum zwischen Duisburg und Düsseldorf. Für den flüchtigen Besucher ist die mittelalterliche Entstehungsgeschichte dieses Ortes kaum noch zu erahnen. Der Turm des ehemaligen Steinhofs ist nur mehr letztes Relikt einer historisch gewachsenen Kleinlandschaft, deren Entwicklung bereits im Frühmittelalter einsetzte. Huckingen gehört zu einer Reihe von Orten im Duisburger Süden, die bereits aufgrund ihres Namens ein hohes Alter erkennen lassen. Im Jahr 1243 taucht der Ort erstmals in seiner heutigen Namensform in den Schriftquellen auf. Bei seiner Ersterwähnung 1229 wir er noch Huckilheym genannt. Somit ist unklar, ob Huckingen tatsächlich zu den alten germanischen Ortsnamentypen mit dem Suffix –ing(en) gerechnet werden darf, oder ob er zu den personenbestimmten Ortsnamen mit dem Suffix –heim gehört. Beide Namensformen waren spätestens ab dem 6. Jh. im gesamten germanischen Sprachraum verbreitet.
Auch die archäologischen Funde aus dem Ortsbereich belegen ein hohes Alter der Besiedlung. Die frühesten Spuren reichen in vor- und frühgeschichtliche Zeit zurück. Siedlungs- und Grabfunde aus der Merowingerzeit lassen die mittelalterlichen Wurzeln von Huckingen im 5. Jh. vermuten.
Das siedlungsgünstige Areal des alten Ortskerns liegt auf der Niederterrasse zwischen dem mäandrierenden Wasserlauf des Angerbachs und dem Bruchgraben, einem Zulauf zur Anger am Westrand des Dorfes. Durch den Ort verläuft eine wichtige Altstraße, deren Trasse sich in etwa mit der heutigen Düsseldorfer Landstraße deckt. Die Verkehrsachse verbindet die beiden mittelalterlichen Zentralorte Duisburg und Kaiserswerth. Entsprechend große Bedeutung besaß die Wegeverbindung für den Verkehr, Handel und Warentransport v. a. im hohen Mittelalter.
Der Huckinger Steinhof
Der Steinhof steht am südlichen Ausgang des historischen Ortes, östlich der Altstraße. Im Gegensatz zu vielen anderen herrschaftsgeschichtlich bedeutenden Plätzen, ergeben sich aus dem Verlauf der Flur- und Parzellengrenzen in den Uraufnahmen der 1. Hälfte des 19. Jh. keine Anhaltspunkte für eine Befestigung im Umgriff des Steinturms.
Die erste Erwähnung des Hofes stammt aus dem Jahr 1454. Sie berichtet vom Verkauf des Steinhofes durch Rütger von Galen an das Lambertusstift in Düsseldorf. Hier ist lediglich von einem Hof, aber nicht von einem herrschaftlichen Komplex die Rede. Der Name Steinhof deutet allerdings die besondere Stellung der Anlage im Siedlungsgefüge an. Durch ihre Steinbebauung hob sie sich offensichtlich von den anderen Hofstellen ab. Seine ursprüngliche Funktion hatte der Hof wohl bereits zur Mitte des 15. Jh. eingebüßt, was wiederum auf ein hohes Alter der Hofstelle hinweisen könnte.
Leider ist man auch bei der Frage nach der herrschaftlichen Zugehörigkeit Huckingens im hohen Mittelalter aufgrund schlechter schriftlicher Überlieferung weitgehend auf begründete Hypothesen angewiesen. Im Raum Duisburg-Kaiserswerth war seit karolingischer Zeit ausgedehntes Königsgut vorhanden. Einen unmittelbaren Beleg hierfür liefert eine Urkunde Ottos I. von 960, in der er dem Erzbistum Köln u. a. Güter im benachbarten Angermund schenkt. Neben dem König tritt also bereits damals der Kölner Bischof als Grundherr in Erscheinung. Noch um 1145 erwirbt der Kölner Metropolit weitere Güter in Angermund und Mündelheim. Trotz der lückenhaften Quellenlage ist davon auszugehen, dass im engeren Raum um und möglicherweise auch in Huckingen selbst mindestens bis in diese Zeit ausgedehntes Königsgut vorhanden war, das zu Teilen allmählich in bischöfliche Hände überging. Dieser historische Befund ist auch für die herrschaftliche Einordnung des Steinhofs von Bedeutung.
Die Baugeschichte des Steinturms
Der mittelalterliche Steinturm wird heute von der Schnellbahntrasse überragt und verschwindet zwischen deren Betonpfeilern und dem Neubau des Gemeindezentrums „Steinhof“ an der Düsseldorfer Landstraße. Bereits ein erster Blick auf das Bauwerk lässt erkennen, dass der heutige Turm nicht in einem Zuge entstanden sein kann, sondern das Ergebnis mehrerer Bauphasen ist. Diese Feststellung ist nicht neu, konnte doch bereits die Bauuntersuchung des Rheinischen Amts für Denkmalpflege die Mehrphasigkeit des Huckinger Steinturms herausarbeiten. Hierbei wurden 2001 zwei Hauptbauphasen charakterisiert. Der Ursprungsbau wurde anhand von Analogien dem 14. bis 15. Jh. zugewiesen, die jüngere Bauphase dem 16. Jh. Die Maße und Proportionen sowie die Gliederung und innere Struktur des „Bruchsteinbaus“ waren für die Bearbeiter damals ausschlaggebend für eine spätmittelalterliche Datierung.
Bei den Untersuchungen des Jahres 2008 konnten hingegen drei Hauptbauphasen herausgearbeitet werden. Sie lassen die Bauabfolge und die absolute zeitliche Einordnung des Turms in einem völlig neuen Licht erscheinen.
Bauphase 1
Der Huckinger Turm stellt sich als unterkellertes, dreigeschossiges Turmhaus dar, das über einem fast quadratischen Grundriss von etwa 7 m Seitenlänge aufgebaut ist. Der Keller, das EG und das 1. OG sind überwiegend aus Grauwacke und Wülfrather Karbon-Kalk aufgeführt, während das 2. OG vollständig in Backstein gemauert ist.
Der Ursprungsbau besaß mindestens zwei obertägige Geschosse sowie ein geräumiges UG. Davon haben sich die Umfassungswände des Kellers und des nur leicht erhöht gelegenen EG erhalten. Das älteste Mauerwerk ist lagig geschichtet und besteht aus quaderförmigen Grauwacke- und Kalksteinen. Die mächtigen Deckenbalken aus Eichenholz im EG stammen noch vom Ursprungsbau. Einige Hölzer könnten aber auch erst nachträglich in Bauphase 2 eingezogen worden sein, als das 1. OG erneuert und mit einem Gewölbe ausgestattet wurde.
Der heute von zwei Lichtscharten in der Ostwand beleuchtete Keller besaß ursprünglich wohl ebenfalls eine Flachdecke aus Holz. Frühestens im Spätmittelalter wurde sie durch ein Tonnengewölbe ersetzt. In der ersten Bauphase war der Keller wahrscheinlich noch nicht von der Außenseite erschlossen, sondern nur über eine Stiege von der darüber liegenden Geschossebene zu erreichen. Vermutlich erst in Bauphase 2 entstand der heutige Zugang an der Westseite. Auch die Fenster und Wandnischen wurden vermutlich erst zu dieser Zeit in das Mauerwerk gebrochen.
Das nur etwa 1 m über dem Hofniveau gelegene EG konnte hingegen von Beginn an über einen Zugang in der Westwand betreten werden. Die nahezu ebenerdige Erschließung spricht gegen eine primär wehrtechnische Funktion des Turmes. Das EG war wie auch alle anderen Geschosse ungeteilt und mit seinen ca. 22 qm groß genug, um ihn später als einen mit einem Ofen oder Kamin geheizten Wohnraum nutzen zu können. In der Westwand neben dem Eingang ist ein Schlitzfenster des Ursprungsbaus erhalten, das fälschlicherweise oftmals als Schießscharte gedeutet wurde. Der Turm stand demnach auf dieser Seite zunächst frei.
Das OG des Ursprungsbaus ist nicht mehr erhalten. Es wurde in Phase 2 vollständig abgebrochen und anschließend neu aufgemauert.
Eine genaue Datierung der ältesten Bauphase des Huckinger Turms wurde im Frühjahr 2008 über die dendrochronologische Untersuchung der erhaltenen Deckenbalken im EG angestrebt.
Als Ergänzung hierzu wurden 14C-Datierungen an Holzkohleresten im Setzmörtel des ältesten Mauerwerks und an bauzeitlichen Hölzern in der Ostwand vorgenommen. Der endgültige Abgleich der auf naturwissenschaftlichem Wege gewonnenen Daten steht zwar noch aus. Doch zeichnet sich bereits jetzt deutlich eine Datierung von Bauphase 1 in das letzte Drittel des 12. Jh. ab. Somit steht fest, dass der Turm keineswegs aus dem Spätmittelalter stammt, sondern ein bauliches Zeugnis hochmittelalterlicher Territorialgewalt ist. Seine Lage im nördlichen Vorfeld der stauferzeitlichen Pfalz Kaiserswerth und südlich des wichtigen Handelsknotenpunktes und alten Pfalzortes Duisburg unterstreicht diese Bedeutung.
Bauphase 2
Bis zur Mitte des 13. Jh. kam es in einer zweiten Bauphase zu grundlegenden Um- und Neubaumaßnahmen am Turm, die wahrscheinlich auch eine Änderung des Nutzungskonzepts im Inneren des Bauwerks zum Ziel hatten. Das 1. OG wurde abgebrochen und vollständig neu aufgemauert. Diese Maßnahme war notwendig geworden, da der neue Raum mit dem aufwändigen Kreuzgratgewölbe mit Stichkappen und der in der Ostwand liegenden Mauertreppe ausgestattet werden sollte.
An der Westseite des Turmes bestand damals bereits ein mehrstöckiger Anbau, der noch vor der Errichtung des neuen Turmgeschosses angefügt worden war. Die äußere Mauerschale des neuen Turmgeschosses wurde gegen die Giebelwand dieses Anbaus gesetzt und erscheint daher an ihrer Außenseite sehr unregelmäßig. Das neue OG des Turmes wurde mindestens durch je ein repräsentatives Fenster in der Nord- und der Ostwand belichtet.
Hinsichtlich der Bauqualität und der Ausstattung mit zeitgemäßen Bauelementen weist die Bauphase 2 insgesamt einige Besonderheiten auf. Darin scheint sich das Wohn- und Repräsentationsbedürfnis der Bauherren in der 1. Hälfte des 13. Jh. widerzuspiegeln. Das Kreuzgratgewölbe im 1. OG sowie die Gewände und Stürze der Fenster wurden nun mit backsteinförmigen Tuffsteinquadern gemauert. Auch die bereits bestehenden Fenster- und Türöffnungen in den anderen Geschossen wurden nachträglich mit Tuffgewänden ausgestattet. Im Untergeschoss wurden außerdem an der Ostseite die beiden Lichtscharten mit ihren steil nach oben laufenden Sohlbänken in das Mauerwerk gearbeitet. Dadurch ist der Raum nun erstaunlich hell beleuchtet. Gegenüber auf der Westseite entstanden zwei kleine Wandnischen.
Abb. 12
Die Baudetails sprechen für eine Datierung dieser Bauphase in die 1. Hälfte des 13. Jh. Insbesondere die Mauertreppe, das Kreuzgratgewölbe und die Tuffsteinquadergewände der Fenster im 1. OG stellen für diesen Zeitabschnitt im Profanbau moderne Ausstattungselemente dar und lassen auf einflussreiche Bauherren im Hintergrund schließen. Die Fenster- und Nischengliederung im UG passt nicht zu einer Nutzung des Kellers als Lager- oder Wirtschaftsraum. Die Positionierung der Fenster im Osten sowie die Art und Anordnung der Nischen lässt am ehesten an eine sakrale Nutzung des Raumes denken.
Anbau vor Bauphase 2
Wie bereits erwähnt, stand der Turm schon vor Bauphase 2 nicht mehr isoliert auf dem Gelände des späteren Steinhofs. Er war bereits mit einem Gebäude verbunden, das ihm im Westen angefügt war. Dies belegen die Spuren zweier unterschiedlich alter Dachansätze an der Westwand des Turms.
Das ältere Gebäude besaß ein verhältnismäßig tief an der Westwand des Turms ansetzendes, flach geneigtes Satteldach. Seine Trauflinie verlief wahrscheinlich auf Höhe des oberen Abschlusses des Turm-EG. Durch den Anbau war nun das Schlitzfenster in der Westseite des Turmes verdeckt und verlor damit seine ursprüngliche Bedeutung. Die Dachtraufe des jüngeren Anbaus lag deutlich höher, kurz unterhalb des oberen Abschlusses des 1. OG des Turmes. Bei archäologischen Untersuchungen konnten in den Jahren 2000 und 2001 im Boden zwar Mauerreste westlich des Turms festgestellt werden, ihre Zuordnung zu diesem Anbau bleibt aber noch unklar.
Bauphase 3
Die in das 2. OG aufsteigende Mauertreppe verrät, dass der Turm bereits zu Beginn des 13. Jh. ein weiteres OG erhalten haben muss. Dieses war jedoch bereits in der folgenden Bauphase wieder abgebrochen und durch das noch heute bestehende OG in Backstein ersetzt worden. Vom romanischen Vorgängergeschoss haben sich lediglich an der Nordwestecke die unteren Lagen eines Eckverbandes aus Tuffsteinquadern erhalten. Am Übergang vom 1. zum 2. OG lässt sich der spätmittelalterliche Umbau durch eine unregelmäßig verlaufende Abbruchkante an der Außenseite im Mauerverband beobachten. Das 2. OG besitzt eine repräsentative Innengliederung aus Wand- und Sitznischen sowie großzügigen Fenstern.
Ursprünglich besaßen die Fensteröffnungen auch an der Außenseite flach-giebelförmige Stürze, die formal an die älteren romanischen Tuffsteinfenster im 1. OG erinnern. Die Bauleute haben sich demnach wohl an den romanischen Fensterformen orientiert. In der Westwand liegen seitlich des größeren Fensters zwei Schlitzfenster, die sich innen zu je einer kleinen Wandnischen mit Giebelsturz öffnen. Die Nischen- und Fenstergliederung zeigt, dass auch die architektonische Ausführung des 2. OG nicht unter fortifikatorischen Gesichtspunkten, sondern in Hinblick auf einen gehobenen Wohnkomfort umgesetzt wurde. Dieser Eindruck wird durch einen großzügigen Wandschrank und einen großen offenen Kamin an der Südwand verstärkt. Von der Feuerstelle sind nur die Ansätze der seitlichen Wangen und der Haube erhalten geblieben.
Vor allem die giebelförmigen Wandnischen in der Westwand legen eine Datierung dieser Umbauphase in das ausgehende 13. oder 14. Jahrhundert nahe.
Erst wesentlich später, als der Turm bereits Teil des frühneuzeitlichen Guts war, wurde ein hölzerner Zwischenboden im 2. OG eingezogen. Erhalten geblieben sind nur mehr zahlreiche Balkenlöcher in den Wandflächen. Steingebäude boten im Vergleich zu Holzbauten größere Feuersicherheit und wurden deshalb häufig für das Lagern der Erntebergung genutzt.
Der Huckinger Steinhof – Eine bischöfliche curtis, Reisestation und Zollstätte des 12. und 13. Jh.?
Die Untersuchungen am Turm des Huckinger Steinhofes haben nicht nur in Bezug auf dessen Erbauungszeit zu neuen Erkenntnissen geführt, auch hinsichtlich seiner herrschaftsgeschichtlichen Funktion werfen sie ein neues Licht auf die Historie der Hofanlage. Die Datierung des Turms in das ausgehende 12. Jh. bildet dabei den Ausgangspunkt für Fragen nach dem Bauherrn, der ursprünglichen Funktion und dem architekturgeschichtlichen Kontext des Steinhofs. Wegen der sehr dürftigen schriftlichen Überlieferung aus dem hohen Mittelalter müssen wir uns auch diesen Fragen mit verschiedenen Erklärungsmodellen nähern und können nicht zu abschließenden Antworten gelangen.
Ab der Mitte des 12. Jh. war der Kölner Erzbischof in der Lage, grundherrliche Strukturen im Gebiet südlich von Duisburg aufzubauen. Der Bau des Turmes könnte demnach als Ausdruck des verstärkten bischöflichen Engagements in der Region verstanden werden. Seine grundherrlichen Ansprüche dürften durch bischöfliche Dienstleute, so genannte Ministerialen, um- und durchgesetzt worden sein. Die geistliche wie weltliche Ministerialität übte in dieser Zeit ihre exekutiven Funktionen über kleine Burgen und herrschaftliche Höfe (curtes) aus. Mit der Burg Angermund in unmittelbarer Nachbarschaft zu Huckingen ist für das 12. Jh. eine zunächst königliche, dann bischöfliche Burg überliefert. Da herrschaftliche Sitze mit administrativen und repräsentativen Aufgaben im hohen Mittelalter teils in geringer Entfernung zueinander lagen, ist neben der Burg Angermund eine bischöfliche(?) curtis an der wichtigen Verkehrsroute zwischen Kaiserswerth und Duisburg durchaus denkbar.
Der herrschaftliche Anspruch des Turms mit Wohn- und Repräsentationsräumen sowie einem wohl sakral genutzten UG ist erst ab dem 13. Jh. (Bauphase 2) am bestehenden Baubestand abzulesen. Zur Erbauungszeit des Turmes bestand dieser Anspruch offensichtlich noch nicht. Der Gründungsbau war noch nicht mit den grundlegenden Elementen herrschaftlichen Wohnens, einem Abort und einem Kamin, ausgestattet und genügte damit nicht den Anforderungen an einen repräsentativen Wohnsitz. Der ursprüngliche Bau war folglich auch nicht als Wohnturm konzipiert. Eher ist an die Funktion als Steinwerk zu denken, einer in West-, Mittel- und Norddeutschland im späten 12. und 13. Jh. häufig nachgewiesenen Bauform. Die turmartigen Massivgebäude dienten vorrangig Speicherzwecken, boten aber auch Platz für einen sicheren Wohnraum. Sie standen bevorzugt von der Straße abgewandt, auf den rückwärtigen Parzellenbereichen. Neben der Kombination solcher Steinbauten mit zumeist hölzernen Vorderhäusern mit Wohnfunktion, gab es auch frei stehende Steinwerke, die vorrangig auf besonders großflächigen Parzellen errichtet wurden. Ergebnisse archäologischer Untersuchungen der Jahre 2000 und 2001 belegen, dass auch der Steinhof im 12. Jh. auf einer großzügig bemessenen, zuvor unbebauten Fläche außerhalb des alten Ortskerns von Huckingen errichtet wurde.
Die bereits für die Zeit vor Bauphase 2 bestehende Kombination von Steinwerk und anschließendem Wohn? Gebäude ist eine übliche Bauform im hoch- und spätmittelalterlichen Profanbau. Dies gilt vorrangig für das städtischen Baumilieu. Für den ländlichen Bereich müssen sie hingegen als Besonderheit gelten. Archäologisch ist meist ein hölzernes, zum Wohnen genutztes Vorderhaus an der Straßenseite nachzuweisen. Holzbauten hatten aufgrund ihres vergleichsweise guten Raumklimas und ihrer leichten Beheizbarkeit als Wohnbauten gegenüber steinerner Wohnarchitektur Vorteile. Auch der straßenseitige Anbau im Steinhof dürfte als Fachwerkgebäude errichtet und als Wohngebäude konzipiert gewesen sein. Erst mit einer herrschaftlichen Funktionsänderung des Steinhofes und der baulichen Umgestaltung zu Beginn des 13. Jh. konnte der Huckinger Steinturm als Wohnturm mit deutlich sichtbarem repräsentativem Anspruch genutzt werden.
Halten wir an diesen Deutungsvorschlägen fest, so könnte der Huckinger Turm im späten 12. Jh. als feuerfester Speicher für Ernteabgaben, Waren und Handelsgut entstanden sein. Er war damals fester Bestandteil eines grundherrlichen, vielleicht bischöflichen Hofes, zu dem weitere Holzgebäude gehört haben dürften. Kurz nach 1200 wurde dem Turm und wahrscheinlich auch der gesamten Hofanlage im Zuge von territorial-grundherrlichen Organisationsabläufen eine neue, nun repräsentativere Funktion zugewiesen.
Bliebe zu diskutieren, welche Gründe zur baulichen Aufwertung des Turmes bis zur Mitte des 13. Jh. geführt haben und welche neuen Funktionen der Hof ab dieser Zeit übernahm. Ohne Frage spielte die Altstraße von Duisburg nach Kaiserswerth für die Entwicklung des Ortes eine wesentliche Rolle.
Im Hochmittelalter wurde sie stark vom Handelsverkehr frequentiert und diente weltlichen wie geistlichen Würdenträgern als sichere Reiseroute. Huckingen liegt an diesem Fernweg exakt auf halber Strecke zwischen den beiden wichtigen Orten königlicher Präsenz. Vielleicht diente der Steinhof demnach ab der Zeit um 1200 als königliche oder herrschaftliche Reisestation, in der sich vornehme Reisende und Kaufleute stärken sowie ihre Pferde und Zugtiere tränken konnten.
Wahrscheinlicher ist jedoch die Deutung als grundherrliche Zoll- und Abgabenstätte. Dies setzt einen privilegierten Zollherren voraus, der auf dem Zollhof vom Grundherren entsprechende Baulichkeiten zur Verfügung gestellt bekam. Im Hochmittelalter entstanden tatsächlich zahlreiche neue Zölle auch außerhalb von großen Zentralorten, an denen gewiss auch der Kölner Bischof teilhaben wollte. Mit der Entrichtung des Zolls durfte der Kaufmann nicht nur den der Zollstätte zugeordneten Raum passieren, sondern auch auf dem zugeordneten Markt Handel treiben. Gleichzeitig spielte der Zoll als „Schutzgeld“ für Person und Güter eine entscheidende Rolle. Diesbezüglich könnte die Verlagerung des Rheinzolls vom niederländischen Tiel nach Kaiserswerth von Bedeutung sein, die durch Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahr 1174 veranlasst wurde. Dies führte zur Aufwertung der dortigen Pfalz und im Jahr 1181 zur Erhebung von Kaiserswerth zur Reichsstadt. Im Umfeld königlicher Zentralorte entwickelten sich seit frühester Zeit florierende Märkte, auf denen Waren von Nah und Fern verhandelt wurden. Vielleicht mussten Kaufleute auf ihrer Route von Norden entlang des Rheins auch am Steinhof in Huckingen einen grundherrlichen Zoll entrichten, um zur aufstrebenden staufischen Pfalz und deren Märkten im heutigen Stadtgebiet von Düsseldorf zu gelangen.
Informationen des Rheinischen Amts für Denkmalpflege zum bisherigen Kenntnisstand über den Turm finden Sie hier. Zur Homepage des Kultur- und Bürgervereins Steinhof mit weiteren Seiten geht es hier. Der Steinhof bei Google-Maps.
