Die Grabungen auf den Parzellen Türlgasse 10-14 in der Altstadt von Weiden
Durch die Grabungen auf den Parzellen Türlgasse 10-14 im Jahr 2005 konnten zahlreiche neue Erkenntnisse zur Siedlungs- und Bebauungsgeschichte in diesem Teil der Altstadt von Weiden gewonnen werden. Wenngleich sich in einem großen Teil der Fläche durch frühneuzeitliche und neuzeitliche Kellereinbauten keine mittelalterlichen Bau- und Siedlungsreste erhalten hatten, konnte bis zum Neubau des Altstadt Hotels im Jahr 2005 besonders in den hinteren Grundstücksbereichen von Türlgasse 10 und 12 eine bis in die Gründungszeit Weidens zurückreichende Befundabfolge festgestellt werden. Nach der Befundaufnahme der bis 2005 erhaltenen Kelleranlagen durch den Sulzbach-Rosenberger Architekten Horst Wedel kann auch durch die archäologische Untersuchung des Baugrunds die bis in das 13. Jahrhundert zurückreichende Bebauungsstruktur in den Kontext der Stadtwerdung Weidens gestellt werden.
Die ältesten Spuren menschlicher Siedlungsaktivitäten konnten im Bereich des ehemaligen Vorderhauses Türlgasse 14 festgestellt werden. Hier fanden sich in einer schwemmkieshaltigen Schicht zahlreiche größere Holzkohlestücke und Keramikscherben, die in die Späthallstatt-Frühlatènezeit zu datieren sind. Von den Holzkohlefunden wurden vier Proben radiokarbondatiert. Die Datierungen ergaben Zeiträume vom Übergang der Bronze- zur Urnenfelderzeit und der Urnenfelder- zur Hallstattzeit. Somit konnte wohl erstmals für das heutigen Altstadtgebiet von Weiden eine vorgeschichtliche Besiedlung nachgewiesen werden.
Die mittelalterliche Aufsiedlung des Areals begann im Laufe des 13. Jahrhunderts. In allen Grabungsarealen bestand die älteste Bebauung bis in das 14. Jahrhundert aus Holzbauten, die zum Teil sicher als Pfostenkonstruktionen, zum Teil wahrscheinlich auch als Ständer-Schwellen-Bauten errichtet waren. Ein 14C-Datum aus einem Tierknochen, der sich in der Verfüllung einer Pfostengrube des ältesten Bauhorizonts fand, gehört am wahrscheinlichsten in die Zeit von 1151 bis 1281. Die ältesten beiden Haushorizonte fielen jeweils einem Brandereignis zum Opfer. Die Suren dieser Brände ließen sich ebenfalls in allen drei Schnitten beobachten. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass der jüngere Brand mit dem für das Jahr 1396 überlieferten vernichtenden Brandereignis identisch ist, das einen großen Teil der Weidener Altstadt in Schutt und Asche legte. Der ältere Brandhorizont könnte mit einem ebenfalls überlieferten Brand im Jahr 1355 in Verbindung stehen.
Für das späte 14./frühe 15. Jahrhundert lassen sich erste Spuren einer steinernen Bebauung im Hinterhausbereich von Türlgasse 12 feststellen. Diese waren jedoch zu rudimentär erhalten, als dass sich sichere Aussagen zu Größe und Konzeption dieser Bebauung treffen ließen. Immerhin gibt es Hinweise auf eine im Vergleich zu der um 1500 entstandenen und bis 2005 erhaltenen Parzellierung andersartige Grundstückseinteilung aus zwei etwa gleich großen Parzellen mit einer Grenze auf dem Grundstück Türlgasse 12.
Im späten 15./frühen 16. Jahrhundert entstand auf den Grundstücken Türlgasse 10/12 ein großes steinernes Hinterhaus, das auf der Parzellengrenze eine Kommunwand besaß. Im Innenbereich des Hauses Türlgasse 12 lag eine steinerne Latrine oder ein großer Brunnen, die erst im 18./19. Jahrhundert endgültig verfüllt wurde. Unter Umständen besaß diese Anlage unmittelbar nördlich einen mittelalterlichen Vorgänger als Fasslatrine oder Fassbrunnen. Das Fundmaterial belegt die Errichtung dieser Ver- bzw. Entsorgungseinrichtung wohl im 14. Jahrhundert.
Auf dem Grundstück Türlgasse 10 befand sich im Hinterhaus während des 18. Jahrhunderts die Werkstatt eines Handwerkers, der für seine Tätigkeiten einen größeren Vorrat an Wasser benötigte. Hiervon zeugten die Reste eines großen, tief eingegrabenen und mit Lehm abgedichteten Bottich und eines zur Werkstatt gehörigen Bodenpflasters.
Auf den Vorderhausgrundstücken Türlgasse 12/14 entstanden um 1500 oder im früheren 16. Jahrhundert zwei massive Vorderhäuser, die eine Kommunwand auf der Parzellengrenze besaßen. Das haus Türlgasse 12 wurde mit einem großen, straßenseitigen, tonnengewölbten Keller ausgestattet, der bis zum Jahr 2005 erhalten war. Ein barockzeitlicher Zugang in diesen Keller konnte auf dem rückwärtigen Teil des Grundstücks Türlgasse 12 an der Parzellengrenze zu Nr. 10 freigelegt werden. Erwähnenswert ist die Verwendung von Backstein als Baumaterial sicher im 15., vielleicht bereits im 14. Jahrhundert – eine Feststellung die für den nordostbayerischen Raum Eingang bei der Beurteilung von Befunden in Backsteinbauweise finden sollte.
Das Vorderhaus Türlgasse 14 besaß zum Nachbarhaus Nr. 12 wahrscheinlich eine straßenseitige Wohnstube, deren Lage wahrscheinlich bis in die früheste Zeit der mittelalterlichen Bebauung zurückreicht, wie zahlreiche Haus- und Fußbodenhorizonte im Bereich des Vorderhauses unmittelbar an der Türlgasse andeuten. In der Neuzeit war dieser Bereich möglicherweise Eingangsdiele oder Eingangsrau, da sich als jüngster Bodenbelag ein Pflaster aus Flusskieseln belegen ließ.
Das Fundmaterial ist weitgehend unspektakulär und setzt sich aus den üblichen Fundgattungen Keramik, Knochen, Metall, Schlacke und Baukeramik zusammen. Auffallend ist das weitgehende Fehlen mittelalterlicher Tierknochen. Möglicherweise befanden sich im direkten Umfeld der Grabungsflächen die Anwesen von Fleischern, die den anfallenden Abfall in Abfallgruben entsorgten. Hierfür könnte der Name Fleischgasse sprechen, wenngleich dieser Straßenzug erst im Laufe des Spätmittelalters oder der frühen Neuzeit entstanden sein kann.
Die bis zum Jahr 2005 gut erhaltenen Befunde aus 800 Jahren Stadtgeschichte und über 2000 Jahren Siedlungsgeschichte wurden durch den Neubau des „Altstadt Hotels“ ab August 2005 mit integrierter Tiefgarage sämtlich zerstört. Weiden ging damit abermals Bausubstanz aus der frühesten Zeit seiner Stadtwerdung unwiederbringlich verloren.
