Von der Ignoranz der eigenen Geschichte gegenüber - Die weggebaggerte Burg Thurndorf

Blick auf die Grabungsflächen  am 1. September 2002 Die archäologischen Ausgrabungen auf der Burg Thurndorf, Gemeinde Kirchenthumbach, Landkreis Neustadt an der Waldnaab, in den Jahren 1999, 2000 und 2002 lieferten zahlreiche Aufschlüsse über Siedlungs- und Bebauungsabläufe einer bis dahin vergessenen Burganlage des hohen Mittelalters. Durch nachfolgende Baumaßnahmen hat sich dieses Dorf in der nördlichen Oberpfalz seiner historischen Wurzeln und dem wichtigsten Kapitel seiner Geschichte weitgehend selbst beraubt.

rekonsturiertes Bebauungsschema Turm-Saal-Kirche Schon nach den ersten Untersuchungen des Jahres 1999 war die Bedeutung der archäoliogischen Befunde im Bereich der ehemaligen Burg offenkundig geworden.

Eine nach den Grabungskampagnen 1999 und 2000 vermutete frühe Holz-Erde-Steinbefestigung im Süden der Burg, ließ sich nicht bestätigen. Im Gegenteil – die archäologisch erfasste älteste Siedlungsphase innerhalb des Kernburgareals wird – soweit datierbares Fundmaterial geborgen wurde – in das ausgehende 11. bis frühe 12. Jahrhundert datiert. Hierzu zählen ausnahmslos Spuren einer Pfostenbebauung und ein funktional schwierig zu deutender Ofenbefund im Süden bzw. Osten des untersuchten Burgareals. Die Pfostenspuren müssen jedoch nicht zwangsläufig alle einer Phase zuzuordnen sein, doch liegt es nahe, sie untereinander zumindest in einen engen chronologischen Rahmen zu stellen. Es lässt sich ferner nicht sicher entscheiden, ob die Holzbauspuren bereits als Innenbebauung einer Burganlage zu deuten sind oder vielmehr eine hochmittelalterliche, dörfliche Siedlungsaktivität andeuten. Allerdings darf man aufgrund der zu erschließenden zeitlichen und räumlichen Nähe zur darauffolgenden ersten Steinbauphase im Innenraum der Kernburg ohne Weiteres von einer Vorgängeranlage mit einer überwiegend aus Holz bestehenden Innenbebauung der Zeit um 1100 ausgehen. Wahrscheinlich kam es schon bald nach 1100, sicher aber in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts zu einer Neustrukturierung der Hauptburg, indem die Holzbauten zumindest zum Teil durch Steinbebauung abgelöst wurden. Dies betraf nachweislich den südlichen Teil des untersuchten Areals, wo ein Gebäude von mehr als 9,6 m West-Ost-Ausdehnung entstand. Dieses Haus, das mutmaßlich zu Wohnzwecken diente, besaß ein etwa im Vergleich zum Außenniveau um mindestens 1,8 bis 2 m eingetieftes Souterraingeschoss, das sicher über einen Eingang in der Ostmauer, den man über eine Holztreppe erreichte, erschlossen wurde. Der Fußboden des untersten Geschosses war wahrscheinlich aus Holz. Vielleicht gehörte zur ersten Bauphase ein zweiter Eingang in der Nordmauer, der kellerhalsartig über eine massive Treppe zu benutzen war. Dieser Zugang könnte jedoch auch erst in einer Umbauphase des Hauses gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstanden sein.

Mit Steinbaumaßnahmen im Inneren der Burg steht wahrscheinlich auch eine bautechnische Anlage zur Wasserhaltung und Mörtelgewinnung bzw. zum Kalklöschen in Verbindung, die im Norden des Untersuchungsareals zum Vorschein kam. Diese kann theoretisch der ersten Steinbauphase angehören, könnte jedoch auch mit dem Bau des großen Turmes um die Mitte des 12. Jahrhunderts in Verbindung stehen. Aus Resten einer zu dieser Anlage gehörenden Holzleitung wurde eine Holzprobe zu 14C-Datierung entnommen.

Die größten Baumaßnahmen im Innenraum der Kernanlage setzten um die Mitte des 12. Jahrhunderts ein. In dieser Zeit errichtete man einen eindrucksvollen Turm im Zentrum der Burg. Der quadratische Turm hatte Grundmaße von ca. 10,5 x 10,5 m, mit einer imponierenden Mauerstärke von gut 3,56 m im unteren Bereich. Das Mauerwerk bestand aus überwiegend flachen, aber sehr tiefen „Buckelquaderplatten“ mit opus-spicatum-Füllung zwischen den Schalen. Der Thurndorfer Turm dürfte zu den frühesten Bauwerken mit Buckelquadermauerwerk in Bayern zu zählen sein und stellt noch heute – als Stumpf – ein beeindruckendes Symbol hochmittelalterlicher Territorialmacht dar.

Etwa zur gleichen Zeit entstand nur wenige Meter nordöstlich des Turms an der Nordostseite der Burg ein qualitätvolles Quadergebäude, das mit guten Gründen als Palas der Burg gedeutet werden kann. Dieser stand wahrscheinlich mit seiner Trauseite parallel zur Kirche, war also West-Ost ausgerichtet. Vom Palas wurde die Südwestecke mit Teilen der West- und Südmauer angeschnitten. Der Palas war aus sehr schönen, klein- bis mittelformatigem Sandsteinquadern errichtet und, obwohl sich nur maximal drei Lagen des aufgehenden Mauerwerks erhalten hatten, sicher von hoher baulicher Qualität. Die genauen Grundmaße des Gebäudes bleiben allerdings ungeklärt, da der Bau nach Norden und Osten hin durch neuzeitliche Baumaßnahmen zerstört wurde. Unter Umständen könnten nördlich der Bebauung auf dem Grundstück Jakobusstraße 1 (Flur Nr. 83) noch Reste des Palas (im Bereich der ehemaligen Ringmauer) im Boden stecken. Man darf annehmen, dass der Bau ein Länge von gut 16 m hatte, da er sich so in etwa symmetrisch zwischen Turm und Burgkirche eingefügt hätte. Die Breite könnte demnach etwa 8 m betragen haben.

Für die Mitte bis zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts darf man somit ein Ensemble von vier Steingebäuden im Inneren der Burg annehmen, bestehend aus Turm, Palas, Wohngebäude und Kapelle. Damit verfügte die Hauptburg über alle wichtigen infrastrukturellen Voraussetzungen für den aufgrund der schriftlichen Quellenlage zu erschließenden Verwaltungsmittelpunkt zwischen Waldnaab und Pegnitz. Sie stand der nur wenige Kilometer nördlich gelegenen Burg in Creußen wahrscheinlich weder in Größe, noch – das zeigt der Vergleich der ergrabenen Baureste – in Ausstattung nach. Hierfür sprechen auch die Nennungen der Thurndorfer Minsterialen im Gefolge der Sulzbacher, die sogar häufiger nachzuweisen sind als die Creußener Ministerialen.

Befunde des 12. Jahrhunderts Gegen Ende des 12. Jahrhunderts kam es zu Umstrukturierungsmaßnahmen auf der Burg. Es ist nicht zu entscheiden, ob diese mit dem gestiegenen Schutzbedürfnis der Sulzbacher Allode nach dem Vertrag zwischen Bischof Hermann von Bamberg und Friedrich I. 1174 oder dem Aussterben der Sulzbacher Lehnsherren und dem anschließenden Verkauf der Burg an Friedrich 1188/1189 zusammenhängen. Letzteres ist aus historischen Gründen die wahrscheinlichere Variante.

In diese Zeit fällt der Umbau des (Wohn-?)Gebäudes im Südareal. Dabei wurde zumindest die Nordostecke des Bauwerks erheblich verstärkt, indem man im Innenbereich des Souterraingeschosses die Mauerstärke auf 2,5 an der Ostwand und auf gut 3,2 m an der Nordwand erhöhte. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte dieser Umbau fortifikatorische Gründe, vielleicht wurde dem Gebäude ein Turm oder ein bzw. mehrere steinerne Geschosse aufgesetzt.

Wahrscheinlich in der gleichen Bauphase befestigte man den östlichen Teil der Burg neu, in dem man eine von Süden nach Norden verlaufende Mauer aufführte, die mit großer Wahrscheinlichkeit an die ältere Ringmauer angeschlossen hat. Das Kernburgareal wurde derart in der Mitte geteilt, dass der Turm geschickt in die neue Befestigung einbezogen wurde. Der Turm wurde aber nicht nur in die Mauer integriert, sondern flankierte zugleich ein neues, inneres Kammertor, das den Zugang in die östliche Kernburg mit Palas und Kapelle schützte. Das ältere Wohngebäude stand nun unmittelbar westlich (das heißt außerhalb) der neuen, inneren Befestigung und hat daher mutmaßlich einen Funktionswandel erfahren. Die vorauszusetzenden älteren Befestigungselemente wie Ringmauer und ein „äußeres“ Tor (im südlichen Zufahrtsbereich der Glockengasse?) werden weiterhin genutzt worden sein.

Unmittelbar östlich des Turmes stand kurz vor 1200 wahrscheinlich ein Holzgebäude, das mit einem Pultdach an die Ostmauer des Turms und der Torkammer angebaut gewesen sein könnte. Dieses ist wohl während des 13. Jahrhunderts bereits wieder abgebrochen worden. In das 13. Jahrhundert fallen auch Planierungsmaßnahmen im Ostteil der Kernburg, die mit der Anlage eines neuen, festen Hofniveaus zu erklären sind. Während des späteren 13. Jahrhunderts (bis um 1300?) hat möglicherweise eine West-Ost verlaufende Palisadenwand unmittelbar südlich des Palas diesem zusätzlichen Schutz gewährleistet. Von dieser Palisade (?) ließ sich die Ausbruchgrube fassen, die nach dem Fundmaterial im frühen 14. Jahrhundert abgebrochen worden ist. Es ist denkbar, dass im Bereich der Nordostecke des Turmes und der Südwestecke des Palas ein Durchgang durch diese Holzbefestigung existierte.

Für das frühe 14. Jahrhundert ist dann wiederum ein hölzerner Bauteil östlich des Turmes bzw. südlich des Palas nachzuweisen, der sich durch Reste eines Lehmfußbodens und einer Feuerstelle zu erkennen gab.

Wahrscheinlich während des 16. Jahrhunderts wurde der Palas vollständig, der Turm möglicherweise in seinen oberen Bereichen abgebrochen. Es ist naheliegend, dass dies mit dem Neubau der St. Jakobus-Kirche zusammenhängt, da man zumindest Steinmaterial des Palas hier wiederverwendet hat.

Den Schlusspunkt der Entwicklung, soweit sie sich archäologisch nachweisen lässt, setzt schließlich der nahezu vollständige Abriss der noch erhaltenen Turmgeschosse in den 60er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, der die obertägig noch erhaltene Mauersubstanz fast vollständig vernichtete. Durch weitere Zerstörungen im Zuge der geplanten Friedhofserweiterung hat sich Thurndorf in den letzten Jahren seiner geschichtlichen Wurzeln beraubt. Kulturgeschichtlich und architekturgeschichtlich, für Thurndorfs Ortsgeschichte und die mittelalterlichen Herrschaftsgeschichte des Raums Pegnitz-Neustadt an der Waldnaab war diese Entscheidung ein fataler und irreversibler Fehler.


Datum: Thursday, 17. April 2008 21:30
Themengebiet: Grabungsprojekte Trackback: Trackback-URL
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