Der Hussenturm der Sulzbacher Burg

Schloss Sulzbach mit Hussenturm Am äußersten westlichen Rand des großflächigen Terrassensporns auf dem die Burg Sulzbach lag, erhob sich außerhalb der Kernanlage bis 1817 ein polygonaler Turm, der sogenannte Hussenturm. Im Jahr 2008 wieder entdeckte Bauzeichnungen des königlichen Maurermeister Michael Rhein, die dieser 1811 für einem geplanten Umbau des Turms anfertigte, belegen nun erstmals sicher, dass das Bauwerk einen achteckigen Grundriss hatte. Damit besaß die Burg während des Mittelalters zwei achteckige Türme, da der oktogonale Grundriss des Schriftquellen bis 1618 als „großer Turm“ bezeichneten Turms im Oberen Schlosshof durch die Ausgrabungen der 1990er Jahre gesichert ist.
Der große Achteckturm kann aufgrund der archäologischen Gesamtsituation in die Zeit um 1100 datiert werden, so dass sich auch die Frage nach dem Alter des Hussenturms stellt. Wie die Analyse der schriftlichen Quellen zeigt, wurde der Turm, der 1519 erstmalig sicher zu fassen ist, erst spät, nämlich am Ausgang des 18. Jahrhunderts mit dem Namen „Hussen Thurm“ belegt. In den schriftlichen Zeugnissen findet sich kein einziger Beleg für einen Zusammenhang der Errichtung des Hussenturms mit den kriegerischen Ereignissen der Hussitenkriege in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Der Name scheint eher auf eine sekundäre, historisierende Benennung zurückzugehen, die ihren Ursprung in der ersten historischen Beschäftigung mit Sulzbach und seinen Herrschaftsgeschichte zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte. Auch die Entstehung des Turmnamens durch eine verunklarte Erinnerung an eine Plünderung des Sulzbacher Schlosses aus dem Namen Siecken Haussen Thurn während des 30jährigen Krieges ist denkbar.
Fotomontage: Der Hussenturm am originalen Standort Nahezu alle bildlichen Darstellungen Sulzbachs vom 16. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts überliefern den markanten Hussenturm mit unterschiedlicher Detailfreude. Dabei zeichnet bereits die früheste bekannte Ansicht von Stadt und Burg aus den Jahren 1536/37 eine recht konkrete Visualisierung des Bauwerks. Letztlich belegen die Bildquellen in eindrucksvoller Weise, welche Bedeutung dem Turm einst im Gesamtkonzept der Burganlage zugekommen sein muss.
Durch eine vergleichsweise genaue Baubeschreibung des Hussenturm aus dem späten 18. Jahrhundert sowie die Überlieferung Michael Rheins wissen wir relativ gut über dessen einstige Dimensionen und, wenn auch weniger detailliert, auch über die bauliche Ausführung Bescheid, der demnach aus Quadermauerwerk errichtet wurde. Die archäologischen Untersuchungen 1998 im Umgriff des Turms verfehlten diesen zwar, doch liefern die angetroffenen Mauerbefunde unter anderem starke Anhaltspunkte dafür, dass der Turm zunächst frei vor der Ringmauer stand. Die für eine Hangmauer der Zeit um 1817 verwendeten Quader stammen offenbar vom Abbruch des Hussenturms. Somit scheinen für dessen Bau Dolomitquader verwendet worden zu sein, die in Form, Größe und Steinbearbeitung den Dolomitquadern der archäologisch erfassten Bauten des 12. Jahrhunderts auf der Sulzbacher Burg entsprechen.
Auch die Überlegungen zur einstigen Funktion des Oktogons lassen in keiner Hinsicht unmittelbare Verknüpfungen mit den Einfällen der Hussiten auf dem Nordgau von 1429 bis 1433 erkennen. Im Gegenteil, im Kontext mit dem großen Achteckturm der Burg bildete der Hussenturm eine weithin sichtbare bauliche Manifestation territorialer Ansprüche und markierte womöglich zugleich einen unmittelbaren Rechtsbezirk. Ein solcher baulicher Ausdruck dynastischen Selbstbewusstseins ist für Sulzbach mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur unter den Grafen von Sulzbach bis zum dritten Viertel des 12. Jahrhunderts denkbar. Dass dem Hussenturm dabei auch eine nicht unwesentliche fortifikatorische Funktion zukam, ist nicht in Frage zu stellen. Ob er darüber hinaus vielleicht ursprünglich auch als Brunnenturm konzipiert war, um im Falle einer Belagerung an frisches Trinkwasser zu gelangen, lässt sich nur vermuten. Die interessante Beobachtung, dass Türme mit gleichmäßig polygonalem Grundriss im herrschaftlichen Umfeld der Sulzbacher Grafen im 12. Jahrhundert inzwischen mehrfach nachgewiesen sind, führt schließlich zur Frage, ob sich durch solch ungewöhnliche Bauformen eine Verknüpfung von territorialer bzw. herrschaftsbezogener Zugehörigkeiten und Architektur abzeichnen könnte.
Letztlich könnte einem Großteil der Thesen zum Hussenturm ihr hypothetischer Charakter genommen werden, wenn es gelänge, am Standort des Turms eine erneute, ziel- und problemorientierte archäologische Untersuchung durchzuführen. Denn der Hussenturm der Sulzbacher Burg war ohne Zweifel ein außergewöhnliches Bauwerk, dessen weitere Erforschung einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Burgenbaus hochadliger Herrschaftsträger während des hohen Mittelalters leisten könnte.

Neue Literatur:

Cover_Hussenturm_Hensch

Mathias Hensch,

Der verlorene Hussenturm –
Historisch-archäologische Betrachtungen zu einem bemerkenswerten Bauwerk der Burg Sulzbach/Opf.

Verlag Dr. Faustus, Büchenbach 2009

ca. 100 Seiten, ISBN 978-3-933474-59-9

Datum: Wednesday, 25. February 2009 9:13
Themengebiet: Hintergründe Trackback: Trackback-URL
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