Der „frühmittelalterliche“ Begräbnisplatz von Großalbershof – mit dem Teilchenbeschleuniger 800 Jahre in die Zukunft
Im Zuge des vom Norwegischen Forschungsrat (Norges Forskingsråd) finanzierten und vom norwegischen Archäologen Frode Iversen (Norsk Kultushistorisk Musuem Oslo) geleiteten Forschungsprojekts Rike og Provins. En komparativ analyse av kongsgårder og gods i tidlig nordeuropeisk middelalder („Reich und Provinz. Eine vergleichende Analyse von frühmittelalterlichen Königshöfen und Königsgut im nördlichen Europa“) steht seit 2007 verstärkt die Siedlungskammer um den karolingischen Königshof von Lauterhofen und das karolingisch-ottonische Burgzentrum Sulzbach in der mittleren Oberpfalz im Fokus einer quellenübergreifenden Betrachtung der Landschaft, ihrer natürlichen Ressourcen und mittelalterlichen Siedlungsstrukturen. Hierzu gehört u.a. auch eine Analyse chronologischer, topographischer und onomastischer Aspekte zu bislang in diesem Raum bekannt gewordenen Gräberfeldern des 7. bis 10. Jahrhunderts n. Chr. Erstmalig sollte dabei auch ein in den Ortsakten der Dienstelle Regensburg des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege für das Dorf Großalbershof (Stadt Sulzbach-Rosenberg, Lkr. Amberg-Sulzbach) verzeichneter Begräbnisplatz der Zeit vor 1000 n. Chr. in einen wissenschaftlichen Kontext gestellt und bearbeitet werden.
Das Dorf Großalbershof, erst 1401 erstmals erwähnt, liegt etwa 4,5 km nördlich des früh- und hochmittelalterlichen Burgzentrums Sulzbach am Ostrand der mittleren Frankenalb. Der Ort gehört wahrscheinlich zu den Gütern in der mittleren Oberpfalz, die in der ersten Hälfte durch königliche Schenkung an das Bistum Bamberg gekommen sind. Darauf deutet zumindest die erste, wenn auch sehr späte urkundliche Erwähnung des Ortes als einem lehenbaren Rittergut des Hochstifts Bamberg hin. 1921, 1950 und 1954 wurden jeweils bei Bauarbeiten am nördlichen Rand des Ortskerns in Südhanglage unterhalb des Mühlbühls mehrere Skelettgräber angeschnitten, ohne dass eine reguläre archäologische Ausgrabung stattgefunden hätte. Die in den Ortsakten archivierten Fundmeldungen an das Landesamt für Denkmalpflege von 1921 und 1950 lassen jedoch ein relativ genaues Bild von den Fundumständen, zum Teil sogar von den stratigraphischen Verhältnissen der damals geborgenen Gräber rekonstruieren. Demnach wurden 1921 in 1,10 m Tiefe fünf Skelette aufgedeckt, die „Schulter an Schulter“ in einer Grube von „5 m Breite und 2 m Länge, auf gleichem Niveau“ lagen. Die Toten waren beigabenlos, in ausgestreckter Rückenlage, der Beschreibung nach mit Blick nach Westen (!) beigesetzt worden. Demnach könnte es sich also um eine Mehrfachbestattung gehandelt haben. 29 Jahre später wurden die Reste eines weiteren Grabes aufgedeckt, das in „Hockerstellung“ in einer Tiefe von 60 cm (Schädelbereich) bis 1,4 m (untere Extremitäten) angetroffen worden sein soll. Als „Beigaben“ fanden sich hier einige zwei bis acht Zentimeter lange Eisenstücke, die zunächst vom damaligen Berichterstatter Fritz Metz, dem „Sachbearbeiter für Vorgeschichte am Landratsamt Sulzbach-Rosenberg“, als mögliche Reste von „Sax oder Spatha“ klassifiziert wurden, sich dann aber im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München offenbar als Sargnägel erwiesen. Der Grabfund wurde unter „unbestimmte Zeitstellung“ in den Bayerischen Vorgeschichtsblättern lediglich kurz erwähnt: „Auf Fl. Nr. 245/4 bei der Entnahme von Bausand 1950 beigabenlose Bestattung; 8 Sargnägel festgestellt.“
Die für das Grab von 1950 beschriebene eigentümliche Körperhaltung des Toten fand sich offenbar auch bei einem weiteren Bestattung, das im Frühjahr 1954 auf dem „Anwesen Gasthof Kraus“ bei der Gewinnung von Bausand angetroffen wurde, wonach sich hier „das Skelett in ungefähr 1 m Tiefe, in aufrecht hockender Stellung“ befand.
Bereits 1921 vermutete man, dass die Gräber in Großalbershof nicht aus vorgeschichtlicher Zeit stammten, sondern „der geschichtlichen Zeit“ angehörten. Da aber weder schriftliche Quellen über eine kriegerische Zerstörung des Ortes mit Opfern an der Zivilbevölkerung, noch über eine ehemalige Kirche mit Friedhof beigebracht werden konnten, blieb „nur die Erklärung übrig, dass die Familie in der Zeit des frühen Mittelalters vor Einführung des Parochialsystems, als die Gegend noch heidnisch war und von einer bayerisch-slawischen Bevölkerung bewohnt wurde, das Opfer eines Unglücksfalles oder einer Epidemie geworden ist und an ihrem Wohnort ein Kollekturbegräbnis (i.e. Kollektivbegräbnis Verf.) gefunden hat“. Und so wurde dementsprechend auch in der Fundmeldung vom Mai 1954 die Passage aus einem Wanderführer für Sulzbacher Land von 1953 zitiert: „Hier [in Großalbershof] wurde im Frühjahr 1950 ein Skelett geborgen, das von einem Toten stammt, der hier, nach den Bestattungsumständen zu schließen, im 9. oder 10. Jahrhundert n. Chr. begraben wurde“. So fand der vermeintlich frühmittelalterliche Friedhof schließlich auch in einer von mir verfassten Übersicht zur Archäologie des Mittelalters für den Raum um Naab und Vils im Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland unter den Begräbnisplätzen des 8./9. Jahrhunderts seine Erwähnung, fügte sich dieser doch ohne Probleme in das siedlungsgeschichtliche Bild einer seit dem 8. Jahrhundert zunehmend dynamischen Siedlungsentwicklung im Raum um die zentralen karolingerzeitlichen Plätze Lauterhofen und Sulzbach ein und lag zudem in Nachbarschaft der seit Längerem bekannten frühmittelalterlichen Begräbnisplätze von Etzelwang-Tabernackel, Lintach, Ammerthal, Ermhof und wohl auch Amberg.
Über den Verbleib der Großalbershofer Skelettfunde war bis zum April diesen Jahres nichts genaues bekannt. In der Fundmeldung von 1921 heißt es lediglich, „die Skelettteile befinden sich in Gewahrsam des Eigentümers Beierlein, welcher weiteren Auftrag erwartet“. Aus den Ortsakten geht jedoch eindeutig hervor, dass zumindest die Skelettteile von 1950 Ende Februar/Anfang März desselben Jahres in das BLfD nach München gelangten, wo sich ihre Spur jedoch verlor. Im Rahmen der Arbeit am eingangs erwähnten Projekt wurde daher der Kontakt mit der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München (Frau Prof. Dr. Gisela Grupe) mit der Bitte hergestellt, die Magazinbestände auf die Funde aus Großalbershof hin zu überprüfen. Während von den Grabfunden der Jahre 1921 und 1954 keine Skelettteile gefunden wurden, konnten Schädel und Langknochenfragmente des Grabes von 1950 bei der Suchaktion wiederentdeckt werden. Somit war der Weg geebnet, mit Hilfe einer Radiokarbondatierung zumindest einen Anhaltspunkt für die Zeitstellung des Friedhofs zu gewinnen und damit zu weiteren Schlüssen hinsichtlich der Siedlungsentwicklung zu gelangen. Für die Datierung wurde ein herausgetrenntes kleines Stück Oberschenkelknochen an das C14-Labor KORA des Physikalischen Instituts der Universität Erlangen-Nürnberg (Dr. Andreas Scharf) gegeben und mittels Accelerator Mass Spectrometry (AMS) im Teilchenbeschleuniger beprobt.
Das Ergebnis war alles andere als erwartet. Denn anstatt eine Datierung in den Zeitraum vor dem 11. Jahrhundert zu erbringen, wurde für die Probe nach der Kalibrierung eine wahrscheinlichste Datierung im Zeitraum von 1478 bis 1665 n. Chr. ermittelt. Innerhalb dieses Altersbereiches liegen die größten Wahrscheinlichkeiten in den Zeitintervallen von 1519 bis 1592 n. Chr. und 1618 bis 1658 n. Chr.
Letztlich fügt sich mit dieser Datierung auch die seltsam anmutende Orientierung der Gräber „mit Blick nach Westen“, die überlieferte „Hockerstellung“ bzw. die „aufrecht hockende Stellung“ sowie die (mögliche) Mehrfachbestattung der Gräber zu einem Bild. Man gewinnt den Eindruck, dass die Toten vergleichsweise schnell und ohne Beachtung christlicher Bestattungstradition begraben wurden. Wie die Überlieferung mindestens eines Frauen- und eines Kindergrabes nahe legt, dürfte es sich am ehesten um Bewohner des Dorfes, möglicherweise der Hofstelle auf der die Gräber angelegt wurden, gehandelt haben.
In den Datierungszeitraum fallen zwei große kriegerische Auseinandersetzungen, in deren Verlauf das Sulzbacher Land und seine Bewohner Schaden erlitten haben, der Landshuter Erbfolgekrieg von 1504/1505 und vor allem der Dreißigjährige Krieg 1618-1648. So wurden im Sommer 1504 von den Truppen des Pfälzer Viztums von Amberg Ludwig von Eyb etwa 30 Dörfer um Sulzbach gebrandschatzt, was sicherlich Tote unter der Zivilbevölkerung zur Folge hatte. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das nähere Sulzbacher Gebiet besonders in den Jahren 1621 und ab 1631/32 von schweren Kämpfen heimgesucht, die zu einem mehrfachen Wechsel von schwedischer und bayerischer Besatzung führten. Großalbershof wird in den zeitgenössischen Quellen zu diesen Kriegsereignissen im Gebiet des Fürstentums Pfalz Sulzbach nicht namentlich genannt, doch liegt es nicht allzu fern, aufgrund der Datierung und der seltsamen Lage zweier Toten in hockender Position sowie der (wahrscheinlichen) 5-fach-Bestattung innerhalb einer Hofstelle, an Opfer einer kriegerischen Auseinandersetzung während des 17. Jahrhunderts zu denken. Die Gräber lassen erahnen, welche Gräuel im Verlauf des Krieges über die einfache Landbevölkerung hereinbrachen und wie viel Leid Machtbesessenheit und religiöser Fanatismus der Fürsten und die Willkür ihrer Soldateska über die damaligen Menschen brachte. Der Begräbnisplatz von Großalbershof muss zwar von der Liste der frühmittelalterlichen Friedhöfe in Nordostbayern gestrichen werden, doch steht er womöglich mehr als andere Grablegen der frühen Neuzeit für eine von Menschen gemachte historische Katastrophe, die nur etwa ein Drittel der Zivilbevölkerung Süddeutschlands überlebte.
