Fortsetzung der Untersuchungen in der ehemaligen Synagoge von Sulzbach

Im September und Oktober 2009 haben wir die Untersuchungen in der ehemaligen Synagoge von Sulzbach-Rosenberg fortgesetzt. Dabei galt unser Augenmerk neben Befunden zur sakralen Nutzung auch möglichen früh- bis spätmittelalterlichen Bau- und Siedlungsrelikten auf der Parzelle im östlichen Randbereich der Kernsiedlung. Besondere Chancen eröffneten sich für die Beurteilung der ältesten Befestigungen der Burgsiedlung im Südosten, da das Gebäude an die älteste Befestigungsmauer im Bereich Hafnersgraben anschließt. Lesen unten weiter und lesen Sie auch die Presseberichte zur Grabung - bitte klicken Sie dafür hier.
Obwohl in den sehr kleinen Untersuchungsflächen keine Bebauungsspuren des 8. bis 11. Jahrhunderts zutage traten, belegen einige frühmittelalterliche Keramikscherben Siedlungsaktivitäten in unmittelbarer Nähe bereits für die Zeit vor der ersten Jahrtausendwende. Ab dem späten 12./frühen 13. Jahrhundert setzte auf der Parzelle dann ein rege Siedlungstätigkeit ein, die mit einer umfangreichen Nutzung und Bebauung in Zusammenhang stand. Das nach Süden und Osten abfallende Gelände wurde durch Aufschüttungen für eine Bebauung hergerichtet. Im mittleren Grundstücksbereich entstand im frühen 13. Jahrhundert ein größeres, aufwändig errichtetes Holzhaus. Die Reste dieses Holzgebäudes lassen erstmals für die Oberpfalz außerhalb Regensburgs Erkenntnisse zur Bauweise frühstädtischer hochmittelalterlicher Häuser zu. Das Haus war wahrscheinlich mit seiner Traufseite zur Straße, rechtwinklig zur Befestigungsmauer orientiert. Es hatte eine Breite von etwa 6 m. Die Länge bleibt unbekannt. Es handelte sich mit großer Wahrscheinlichkeit um einen sog. Ständer-Bohlen-Bau. Bei diesem lag die untere, horizontale Holzschwelle, die Grundschwelle, auf einem vermörtelten Steinsockel. In die hölzerne Grundschwelle waren die tragenden, senkrechten Ständer einzapft. Zwischen die Ständer waren liegende oder stehende Holzbohlen in Nute eingeschoben, die so die Wandfläche bildeten. Die Bohlen und der Steinsockel waren zumindest im Innenraum mit Lehm verputzt, der durch kleine, in die Bohlen der Wandfläche eingeschlagene Keile gehalten wurde. Wie Funde von charakteristischen Schindelnägel zeigen, könnten die Dächer zunächst mit Holzschindeln gedeckt gewesen sein. Bereits im 12./13. Jahrhundert war jedoch auch die Hohlziegeldeckung, mit sog. Mönch- und Nonneziegeln in Sulzbach bekannt. So lässt sich anhand der Funde belegen, dass auch das in der Synagogenstraße ausgegrabene Haus im Laufe der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit Hohlziegeln gedeckt wurde. Zahlreiche Scherben von Kachelöfen des 13. Jahrhunderts zeigen, dass das Haus einen Kachelofen besaß, ein deutlicher Hinweis auf hoch stehende Wohnkultur. Solche Ständer-Bohlen-Bauten waren keine einfachen „Holzhütten“, sondern anspruchsvoll ausgeführte Wohnhäuser, die heute noch stehenden Fachwerkbauten in der Bauqualität in nichts nachstanden.
In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts brannte das Haus nieder, wurde wahrscheinlich wiederaufgebaut und bis in das späte 14. Jahrhundert genutzt. Im ausgehenden 14. Jahrhundert wurde das Holzhaus abgebrochen und an seiner Stelle ein aus Stein errichtetes Haus erbaut. Dieses hatte die gleiche Breite wie sein Vorgänger, war jedoch etwas weiter nach Süden verschoben. Dieses Haus, dessen Grundriss sich unter der ehemaligen Synagoge erhalten hat, ist mit großer Wahrscheinlichkeit das Gebäude, dass im Jahr 1689 durch die jüdische Gemeinde erworben wurde und in dem die erste Synagoge Sulzbachs untergebracht war. Nachdem es den Ansprüchen nicht mehr genügte, wurde es im Jahr 1737 abgerissen und ein Synagogenneubau aufgeführt. Die archäologischen Untersuchungen erbrachten zahlreiche Baureste dieser 1741 geweihten Synagoge, die beim großen Stadtbrand des Jahres 1822 zerstört wurde. Interessant ist, dass bei der Errichtung der barocken Synagoge die mittelalterlichen Parzellengrenzen strikt eingehalten wurden. Die Nordwand des Gebäudes lag exakt dort, wo bereits im 13. Jahrhundert das Holzhaus seine Nordwand hatte. Dies spricht dafür, dass die Parzellierung im ältesten Stadtkern von Sulzbach mindestens bis in das frühe 13. Jahrhundert zurückgehen kann.
Auch im nördlichen Parzellenbereich wurden Mauerreste eines ebenfalls im 13./14. Jahrhundert qualitätvoll erbauten Hauses freigelegt, das im Osten an die älteste Befestigungsmauer anschloss. Beim Stadtbrand von 1822 wurde es ein Raub der Flammen. Dieses Haus gehörte zum Nachbargrundstück Synagogenstraße 7 und war sehr aufwändig vollständig in Stein erbaut.
Bei den Ausgrabungen wurden sehr viele Kleinfunde aus dem 8./9. bis zum 19. Jahrhundert gemacht. Hierzu zählen vor allem Keramikfunde, aber auch Gegenstände aus Glas und Metall, wie Messer, Hufnägel, der Nabenring eines mittelalterlichen Wagenrades sowie Tierknochen. Besonders hervorzuheben ist ein kleiner Glasflakon des 13. Jahrhunderts, der zur Aufbewahrung von Parfüm gedient haben könnte. Dieser Fund spricht durchaus für wohlhabendere Anwohner während des ausgehenden Hochmittelalters. Zahlreiche Funde bezeugen außerdem das Brandereignis von 1822 und belegen eine vornehme sakrale Innenausstattung der berocken Synagoge. Zum Fundmaterial im jüdisch-sakralen Kontext gehören vergoldeter Stuck und farbig gefasste Putze sowie Reste einer Kalksteintafel mit hebräischer Inschrift und ein silberner Zieraufsatz, ebenfalls mit hebräischer Inschrift.
Die Grabungen in der ehemaligen Synagoge belegen auf eindrucksvolle Weise, was für ein reiches historisches Quellenmaterial im Boden der Sulzbacher Altstadt schlummert. Diese einzigartigen Zeugnisse der Vergangenheit müssen in Zukunft unbedingt vor der Zerstörung bewahrt werden und dürfen bei anstehenden Tiefbaumaßnahmen nicht undokumentiert dem Bagger zum Opfer fallen werden.
