Archäologie in der ehemaligen Synagoge von Sulzbach - 900 Jahre Siedlungsaktivität an der Peripherie der Burgsiedlung

Sulzbach_Synagoge
Die im Frühsommer und Herbst 2009 durchgeführten Ausgrabungen im Vorfeld der Sanierung der ehemaligen Synagoge von Sulzbach haben zahlreiche interessante Ergebnisse zur Baugeschichte der seit 1689 an dieser Stelle befindlichen jüdischen Gotteshäuser sowie zur mittelalterlichen Nutzungs- und Baugeschichte der Parzelle Synagogenstraße 9 erbracht.
Die ehemalige Synagoge befindet sich im südöstlichen Randbereich der seit dem 8. Jahrhundert besiedelten und befestigten Burgsiedlung von Sulzbach. Die Parzelle liegt an der äußersten Peripherie des Siedlungskerns und gerade noch innerhalb des ältesten Befestigungsrings von Sulzbach. Das Grundstück grenzt nach Osten an die wahrscheinlich vor dem 13. Jahrhundert angelegte Befestigungsmauer, deren Verlauf in etwa mit der westlichen Häuserzeile des Hafnersgraben identisch ist und die am Kugelplatz und Auf der Rahm ihre südliche Begrenzung hatte.
Sulzbach_Synagoge Den ältesten untersuchten Baurest stellt die im nördlichen Hofbereich angeschnittene Befestigung der Burgsiedlung dar. Sie wurde an dieser Stelle aus großen, unbearbeiteten Dolomitbrocken in Mörteltechnik erbaut, die ohne Fundamentzone direkt auf die ehemaligen Oberfläche gesetzt wurden. Die Mauer hat sich im nördlichen Teil der Parzelle noch heute obertägig erhalten. Bislang ist ihr genaues Alter noch unbekannt. Es spricht einiges dafür, dass die festgestellte Befestigungsmauer mindestens in das 12. Jahrhundert gehört, möglicherweise sogar ein noch höheres Alter hat. Holzkohlestückchen, die im Setzmörtel dieser frühen Befestigung eingeschlossen sind, werden derzeit an der Universität Erlangen-Nürnberg mittels 14C-Untersuchung datiert.
Obwohl in den sehr kleinen Untersuchungsflächen keine Bebauungsspuren des 8. bis 11. Jahrhunderts zutage traten, belegen einige frühmittelalterliche Keramikscherben Siedlungsaktivitäten in unmittelbarer Nähe bereits für die Zeit vor der ersten Jahrtausendwende. Ab dem späten 12./frühen 13. Jahrhundert setzte auf der Parzelle dann ein rege Siedlungstätigkeit ein, die mit einer umfangreichen Nutzung und Bebauung in Zusammenhang stand. Das nach Süden und Osten abfallende Gelände wurde durch Aufschüttungen für eine Bebauung hergerichtet. Im mittleren Grundstücksbereich entstand im frühen 13. Jahrhundert ein größeres, aufwändig errichtetes Holzhaus. Die Reste dieses Holzgebäudes lassen erstmals für die Oberpfalz außerhalb Regensburgs Erkenntnisse zur Bauweise frühstädtischer hochmittelalterlicher Häuser zu. Das Haus war wahrscheinlich mit seiner Traufseite zur Straße, rechtwinklig zur Befestigungsmauer orientiert. Es hatte eine Breite von etwa 6 m. Die Länge bleibt unbekannt. Es handelte sich mit großer Wahrscheinlichkeit um einen sog. Ständer-Bohlen-Bau. Bei diesem lag die untere, horizontale Holzschwelle, die Grundschwelle, auf einem vermörtelten Steinsockel. In die hölzerne Grundschwelle waren die tragenden, senkrechten Ständer einzapft. Zwischen die Ständer waren liegende oder stehende Holzbohlen in Nute eingeschoben, die so die Wandfläche bildeten. Die Bohlen und der Steinsockel waren zumindest im Innenraum mit Lehm verputzt, der durch kleine, in die Bohlen der Wandfläche eingeschlagene Keile gehalten wurden. Wie Funde von charakteristischen Schindelnägel zeigen, könnten die Dächer zunächst mit Holzschindeln gedeckt gewesen sein. Bereits im 12./13. Jahrhundert war jedoch auch die Hohlziegeldeckung, mit sog. Mönch- und Nonneziegeln in Sulzbach bekannt. So lässt sich anhand der Funde belegen, dass auch das in der Synagogenstraße ausgegrabene Haus im Laufe der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit Hohlziegeln gedeckt wurde. Zahlreiche Scherben von Kachelöfen des 13. Jahrhunderts zeigen, dass das Haus einen Kachelofen besaß, ein deutlicher Hinweis auf hoch stehende Wohnkultur. Solche Ständer-Bohlen-Bauten waren keine einfachen „Holzhütten“, sondern anspruchsvoll ausgeführte Wohnhäuser, die  heute noch stehenden Fachwerkbauten in der Bauqualität in nichts nachstanden.
In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts brannte das Haus nieder, wurde wahrscheinlich wiederaufgebaut und bis in das späte 14. Jahrhundert genutzt. Im ausgehenden 14. Jahrhundert wurde das Holzhaus abgebrochen und an seiner Stelle ein aus Stein errichtetes Haus erbaut. Dieses hatte die gleiche Breite wie sein Vorgänger, war jedoch etwas weiter nach Süden verschoben. Dieses Haus, dessen Grundriss sich unter der ehemaligen Synagoge erhalten hat, ist mit großer Wahrscheinlichkeit das Gebäude, dass im Jahr 1689 durch die jüdische Gemeinde erworben wurde und in dem die erste Synagoge Sulzbachs untergebracht war. Nachdem es den Ansprüchen nicht mehr genügte, wurde es im Jahr 1737 abgerissen und ein Synagogenneubau aufgeführt. Die archäologischen Untersuchungen erbrachten zahlreiche Baureste dieser 1741 geweihten Synagoge, die beim großen Stadtbrand des Jahres 1822 zerstört wurde. Interessant ist, dass bei der Errichtung der barocken Synagoge die mittelalterlichen Parzellengrenzen strikt eingehalten wurden. Die Nordwand des Gebäudes lag exakt dort, wo bereits im 13. Jahrhundert das Holzhaus seine Nordwand hatte. Dies spricht dafür, dass die Parzellierung im ältesten Stadtkern von Sulzbach mindestens bis in das frühe 13. Jahrhundert zurückgehen kann.
Auch im nördlichen Parzellenbereich wurden Mauerreste eines ebenfalls im 13./14. Jahrhundert qualitätvoll erbauten Hauses freigelegt, das im Osten an die älteste Befestigungsmauer anschloss. Beim Stadtbrand von 1822 wurde es ein Raub der Flammen. Dieses Haus gehörte zum Nachbargrundstück Synagogenstraße 7 und war sehr aufwändig vollständig in Stein erbaut.
Bei den Ausgrabungen wurden sehr viele Kleinfunde aus dem 8./9. bis zum 19. Jahrhundert gemacht. Hierzu zählen vor allem Keramikfunde, aber auch Gegenstände aus Glas und Metall, wie Messer, Hufnägel, der Nabenring eines mittelalterlichen Wagenrades sowie Tierknochen. Besonders hervorzuheben ist ein kleiner Glasflakon des 13. Jahrhunderts, der zur Aufbewahrung von Parfüm gedient haben könnte. Dieser Fund spricht durchaus für wohlhabendere Anwohner während des ausgehenden Hochmittelalters. Zahlreiche Funde bezeugen außerdem das Brandereignis von 1822 und belegen eine vornehme sakrale Innenausstattung der berocken Synagoge. Zum Fundmaterial im jüdisch-sakralen Kontext gehören vergoldeter Stuck und farbig gefasste Putze sowie Reste einer Kalksteintafel mit hebräischer Inschrift und ein silberner Zieraufsatz, ebenfalls mit hebräischer Inschrift.
Sulzbach_Synagoge Die Grabungen in der ehemaligen Synagoge belegen auf eindrucksvolle Weise, was für ein reiches historisches Quellenmaterial im Boden der Sulzbacher Altstadt schlummert. Diese einzigartigen Zeugnisse der Vergangenheit müssen in Zukunft unbedingt vor der Zerstörung bewahrt werden und dürfen bei anstehenden Tiefbaumaßnahmen nicht undokumentiert dem Bagger zum Opfer fallen werden.

Datum: Sunday, 22. November 2009 12:51
Themengebiet: Grabungsprojekte Trackback: Trackback-URL
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Ein Kommentar

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    […] Nach den umfangreichen Grabungen im Bereich der Neustadt im Jahr 2008 und der in der Synagoge freigelegten Befesitungsmauer erhärtet sich somit unsere Vermutung, dass auch der südliche Teil der Burgsiedlung wohl schon seit Karolingerzeit stark befestigt wurde. Auch diese Befesitungsabschnitte dürften bei der Stadterweiterung des sogenannten Bühlviertels in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts aufgegeben worden sein. Wir halten Sie über die weiteren Entwicklungen dieser baubegleitenden Maßnahme bei Schauhütte-Archäologie auf dem aktuellen Stand… […]

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