St. Michael in Weiden - 1399 vom Feuer zerstört

191web.jpgWeiden wurde erstmals 1241 urkundlich erwähnt, als König Konrad IV. apud Widen eine Bestätigungsurkunde für das Kloster Speinshart ausstellte. So wichtig diese Erwähnung für die Geschichte der Stadt ist, so wenig erfahren wir aus dieser eher beiläufigen Nennung über das Aussehen oder die Struktur des frühen Ortes. 1269 ist von einem castrum die Rede, 1298 wird der Ort dann als oppidum bezeichnet. Hiermit ist in mittelalterlichen Quellen in der Regel eine größere Ansiedlung mit – für damalige Zeiten – stadtähnlichem Charakter gemeint. 2005 wurden bedingt durch umfangreiche Baumaßnahmen im Inneren der Pfarrkirche St. Michael durchgeführt, die wesentliche neue Aufschlüsse zur Frühzeit der Kirche erbrachten.
Bereits 1964 gelang es E. Gagel bei Baumaßnahmen im Mittelschiff der Michaelskirche ältere Mauerreste und Fußböden zu dokumentieren, die er als Spuren einer „um 1300“ erbau-ten Saalkirche deutete. Die Untersuchungen des Jahres 2005 konnten im Zuge der Kirchensanierung nun erstmals gesi-chertere Aussagen zur Baugeschichte der Kirche liefern. Der guten Zusammenarbeit mit der betreuenden Architektin C. Girisch (Weiden) und der evangelischen Pfarrgemeinde St. Michael (Dekan W. Scheidel) als Bauherr ist es zu verdanken, dass die Untersuchung in nur drei Wochen erfolgreich abgeschlossen werden konnte.
Die frühsten Spuren menschlicher Besiedlung in der stammen offenbar aus vorgeschichtlicher Zeit. Im nordöstlichen Lang-haus der Kirche fand sich eine Kulturschicht mit zugehöri-gem Laufhorizont, die nach Ausweis eines 14C-Datums in die Spätlatènezeit (cal. 2 Sigma 204 BC bis 31 AD) gehören könnte. Zwar handelt es sich hier um eine Einzelprobe, deren Aussagekraft schwer einzuschätzen ist, doch ließen sich auch bei der Grabung in der Türlgasse eindeutige Funde und Befunde aus vorgeschichtlicher Zeit dokumentieren. Dort wurde neben den lückenlos nachzuweisenden Bebau-ungsabfolgen des 13. bis zum 18. Jahrhundert eine vorge-schichtliche Kulturschicht mit späthallstatt-/frühlatènezeitlichen Keramikfunden dokumentiert. Vier Holzkohleproben aus dieser Schicht ließen sich mittels AMS in die Spätbronze- und Urnenfelderzeit datieren. Somit ist erstmals für das heutige Stadtgebiet eine vorgeschichtliche Besiedlung nachgewiesen.
Der älteste nachweisbare mittelalterliche Sakralbau am Platz der Michaelskirche war ein Steinbau von mehr als 11 m Länge und unbekannter Breite. Es ist verhältnismäßig sicher, dass es sich bei dieser Kirche um eine Saalkirche mit einge-zogenem Rechteckchor gehandelt hat. Von Bau I wurden Fundamentreste der Nordwand erfasst und ein kurzes Teilstück des nördlichen Chorfundaments, die sich unterhalb der Nordwand von Bau II (s.u.) sowie südlich von dieser er-halten hatten. Der Chor der ersten Kirche war gegenüber dem Saal um ca. 1,6 m eingezogen, was für einen verhältnismäßig großen Bau spricht. Da sich in den Untersuchungsflächen im Westen der Kirche keine weiteren Hinweise auf diesen frühen Kirchenbau fanden, dürfte die Südwand von Bau I im Bereich des heutigen Mittelschiffes, die Westwand im Bereich des zweiten oder dritten Jochs von Westen zu suchen sein. Der Ostabschluss der Kirche bleibt unklar, doch darf man wohl am ehesten von einem gerade geschlossenen Rechteckchor ausgehen. Eine Datierung dieser Kirche lässt sich nur indirekt treffen. Da der Nachfolgebau etwa um 1300 entstanden sein dürfte und zur Zeit der Ersterwähnung Weidens bereits eine Kirche bestanden haben mag, ist es zulässig, Bau I in das 13. Jahrhundert, vielleicht sogar etwas früher zu datieren.
Bau St. Michael II lässt sich in Hinblick auf seine Dimensionen und Datierung genauer beschreiben. Die zweite nachweisbare Michaelskirche war ein deutlich mehr als 26 m lan-ger und gut 15 m breiter Saalbau mit eingezogenem Rechteckchor. Die Länge des wahrscheinlich ungegliederten Saals betrug in seinen Außenmaßen nahezu 24 m, die lichte Weite des Saals lag bei ca. 20 x 11,60 m. Die lichte Breite des Chorraums hat etwa 9,5 m betragen, seine Länge ist unbekannt, doch ist aufgrund der Saalproportionen von einer Länge von mindestens 6-8 m ausgehen. Wie eine Nord-Süd verlaufende 2,10 m starke Spannmauer am Chor-ansatz andeutet, könnte der Chor ein massives Tonnengewölbe gehabt haben. Eine Mörtelkante auf der Oberfläche dieser Spannmauer lässt ferner auf eine Chorschranke denken. Kir-che II nutzte die Nordwand des Chores von Bau I weiter und wurde somit im Wesentlichen nach Süden und Westen gegenüber dem älteren Bau erweitert. Zu Bau St. Michael II gehören außerdem zahlreiche Fußbodenhorizonte und Nutzungsschichten, ein im Norden und Süden erfasster mittelalterlicher Friedhof sowie zwei Klerikergräber an der Innensei-te der Nordwand.
Die Erbauungszeit von Kirche II lässt sich aufgrund der Ke-ramikfunde, historischer und typlogischer Anhaltspunkte (z.B. Mauertechnik), der 14C-Datierung eines auf Bau II be-zogenen Grabes (cal. 2 Sigma 1315-1355 AD und 1388-1421 AD), der überlieferten Zerstörung der Kirche im Jahr 1396 sowie eines Dendrodatums aus einer beim Abbruch in den Boden geratenden Dachlatte „nach 1263“ recht genau in die Zeit um 1300 datieren. Damit steht Bau II auf der Schwelle von der Romanik zur Gotik und war sicherlich ein bemer-kenswertes Bauwerk in der Sakralarchitektur Nordostbayerns. Wie zahlreiche Dachziegelfragmente in den Schutt- und Abbruchschichten zeigen, war die Kirche mit Hohlziegeln eingedeckt. Putzreste belegen, dass die Kirche verputzt und weiß getüncht bzw. im Inneren auch bemalt war.
Der schriftlichen Überlieferung zufolge gab es 1351 und 1396 verheerende Brände, die auch St. Michael in Mitleiden-schaft zogen. Zumindest der Brand von 1396 beschädigte die Kirche so stark, dass sie abgebrochen werden musste. Ausgeprägte Brandschuttschichten, brandgeschwärzte Fußböden und Brandspuren am Mauerwerk legen Zeugnis von diesem Ereignis ab. Tausende verkohlte Getreidekörner lassen die Tragweite dieses Brandereignisses noch heute nachvollzieh-bar werden, denn die gesamte Erntelagerung im Dachwerk der Kirche scheint ein Raub der Flammen geworden zu sein. Wie verheerend der Brand gewütet hat, zeigen auch die erwähnten Dachziegelbruchstücke, von denen eine große Anzahl durch die Hitze deformiert und regelrecht verglüht waren. Eine Brandzerstörung um 1400, bei der die bis dahin bestehende profane Holzbebauung aus Pfosten- und Ständer-bauten offenbar weitgehend vernichtet wurde, ließ sich auch auf den parzellen Türlgasse 10-14 feststellen.
Der noch heute in wesentlichen Teilen stehende Kirchenbau III wurde offenbar kurz nach dem Brand von 1396 in Angriff genommen. Bemerkenswert ist, dass man die ältere Kirche offenbar zu großen Teilen vollständig abbrach, das Areal planierte und erst anschließend mit dem Neubau begann. Dies belegen die Fundamentgruben für die gotischen Pfeiler, die erst ausgehoben wurden, als die Außenmauern von Bau II in weiten Bereichen abgebrochen und überplaniert wurden, d.h. nicht mehr sichtbar waren. Bau III war 1460 weitgehend fertiggestellt. Stickungen und Fußböden belegen schon für das späte 15./16. Jahrhundert zahlreiche Umbau- und Renovierungsmaßnahmen. In den Jahren 1536 und 1540 wurde die Kirche abermals durch Feuer stark beschädigt und wieder hergestellt. Auch einer dieser Brände ließ sich anhand von Brandspuren auf den zugehörigen Ziegelfußböden ar-chäologisch nachweisen.
Eine Präsentation der Grabungsergebnisse und Funde in der neu renovierten Kirche sowie die wissenschaftliche Bearbeitung gemeinsam mit den Befunden der Grabung in der benachbarten Türlgasse wäre wünschenswert.

Datum: Sunday, 17. June 2007 19:10
Themengebiet: Grabungsprojekte Trackback: Trackback-URL
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