Im Jahr als Kaiser und Papst stritten – ein Campanile für St. Stephan!
Seit kurzem ist sicher, Ensdorf (Lkr. Amberg-Sulzbach) besitzt eines der ältesten erhaltenen Bauwerke Nordostbayerns: den sog. Stephansturm. Der Glockenturm ist der letzte Rest der 1805 abgebrochenen Pfarrkirche St. Stephan, deren Geschichte deutlich vor die Zeit der Gründung des Benediktinerklosters St. Jakobus am Ort im Jahr 1121 zurückreicht. Archäologische und baugeschichtliche Untersuchungen für die Dienststelle Regensburg des bayerischen Landesamts für Denkmalpflege im Bereich des Turms erbrachten nun interessante Erkenntnisse zur Baugeschichte der Stephanskirche.
Ein erster archäologisch fassbarer Kirchenbau unbekannter Größe entstand an diesem Platz demnach im 10. Jh. Von ihm ließen sich Teile des trocken gesetzten Fundaments der Südwand nachweisen. In einer zweiten Bauphase wurde der Südwestecke dieses Kirchenbaus der noch heute stehende Stephansturm als frei stehender Campanile vorgesetzt. Neben der archäologischen und bauforscherischen Untersuchung des Turms gelang es durch dendrochronologische Untersuchungen (Georg Brütting, Universität Bamberg) der originalen Geschossbalkenlagen dessen Baujahr exakt zu bestimmen: Baubeginn war 1075 – ein Jahr heftigster Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. um die In-vestitur der Bischöfe. Der Turm wurde in einem Zuge erbaut wurde und auch die imposante Glockenstube mit Ausnahme des Treppengiebels gehört zur Bauphase von 1075. Ursprünglich war das Bauwerk außen verputzt und getüncht. Einmalige baugeschichtliche Details haben sich in einigen Fensteröffnungen erhalten: Die für die Abmauerung der Bögen benötigten Schalhölzer wurden durch gespaltene, halbrund gebogene, hervorragend konservierte Hasel- oder Weidenruten gehalten, die ihrerseits in horizontal eingemauerte Holzbretter am Ansatz des Bogens gesteckt und dadurch auf Spannung gehalten wurden.
Im 12. Jh. errichtete man nordwestlich des Turms ein profanes Steingebäude, dessen Ostmauer sich in der heutigen Friedhofsmauer zu großen Teilen im aufgehenden Mauerwerk erhalten hat. Nördlich des Turms wurden außerdem weitere Mauerreste des 12. Jh. freigelegt, die offenbar zu einem Kirchenneubau gehören und eine rege Bautätigkeit in salisch-frühstaufischer Zeit belegen können.
Die Lage von St. Stephan innerhalb des heutigen Ortes macht es wahrscheinlich, dass die Kirche im Hochmittelalter zum wüst gefallenen bzw. in Ensdorf aufgegangenen Dorf Weilenbach gehörte. Hier ist für das frühe 12. Jahrhundert ein Minsteriale Eberhart de Willenbach als Gefolgsmann Kunos von Horburg, einem Bru-der Graf Berengars von Sulzbach nachweisbar. Demnach wären nicht angenommen die Herren von Pettendorf-Hopfenohe-Lengenfeld Eigenkirchenherren von St. Stephan gewesen, sondern die reichspolitisch bedeutende Sippe der Grafen von Sulzbach.
Lit.: M. Hensch, Der Stephansturm in Ensdorf – eines der ältesten Bauwerke der Oberpfalz. In: Das archäologische Jahr in Bayern 2005, Stuttgart 2006, 116-119.
