St. Martin in Ermhof

Ermhof, St. Martin, Grabung 2007 Unser Projekt zur früh- und hochmittelalterlichen Kirche St. Martin erhält den Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz 2008 in der Kategorie Bodendenkmäler. Ein großer Dank geht an das Team, Ines Buckel M.A., Stefanie Birzer M.A. und Matthias Urban, an die Familie Christoph und Gertraud Seitz (Ermhof) und an die Gemeinde Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg sowie an alle Förderer des Projektes und den neugegründeten Förderverein St. Martin in Ermhof!

Bereits die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem fassbaren historischen Kontext der Kirche im Zuge der Vorbereitung der ersten Grabungskampagne ergab zahlreiche Hinweise auf ein sehr hohes Alter der Kirchengründung St. Martin in Ermhof bei Neukirchen (Lkr. Amberg-Sulzbach). Schon ihr Martinspatrozinium könnte eine frühmittelalterliche Kirchengründung andeuten.

St. Martin in Ermhof; Blick auf die Grabungsflächen 2006

Da der hl. Martin von Tours seit dem Übertritt der fränkischen Könige zum Christentum u.a. den Franken als Schutzpatron galt, ist es denkbar, dass es sich bei der Ermhofer Kirche, wie auch bei der Kirche St. Martin des karolingischen Königshofes im benachbarten Lauterhofen (8. Jh./um 800; abgegangen), um eine fränkische Gründung der Karolingerzeit handelt.

Eine frühe fränkische Aufsiedlung des Raumes Lauterhofen-Illschwang-Sulzbach lässt sich durch neue siedlungsgeschichtliche Forschungen sehr wahrscheinlich machen. Die Lage des Ortes auf der Grenze zwischen den Bistümer Eichstätt und Regensburg stützt dieses Hypothese, da die Eichstätter Bistumsgründung um 743 auch als politische Maßnahme der fränkischen Hausmeier gegen den Einfluss der bayerischen Agilolfinger nördlich der Donau zu verstehen ist. Über die kirchliche Entwicklung des Raumes im frühen Mittelalter weiß man bislang sehr wenig. Durch die Vita Wynnibaldensis der Heidenheimer Nonne Hugeburc, die um 777 entstand, wissen wir, dass sich der Bruder Willibalds, des ersten Bischofs von Eichstätt, Wunibald, um 742 im Raum an der oberpfälzischen Vils zur Missionierung aufhielt. Explizit wird hier erwähnt, dass dieser auch Kirchen gründete. Da Wuniblads Bruder Willibald zum Entstehungszeitpunkt der Vita noch lebte, kann man davon ausgehen, dass dieser das Manuskript selbst gelesen hat und dem Inhalt daher größte Glaubwürdigkeit zuzugestehen ist. Dennoch weiß die Forschung über die kirchliche Entwicklung der Region im Frühmittelalter bislang sehr wenig. Dies betrifft eben vor allem die Frage nach den ältesten Kirchengründungen und frühen Friedhöfen um oder bei Kirchen.
Auch der Ortsname selbst gibt konkrete Anhaltspunkte: Es handelt sich um einen Ortsnamen, der sich aus dem frühmittelalterlichen Ortsnamenssuffix –hofen und einem Personennamen, in diesem Falle wohl Arbo, zusammensetzt. Diese Ortsnamensbildung spricht dafür, dass der Weiler ca. vor 900 entstanden sein muss und somit zu den ältesten bestehenden Orten des Raums gehört, deren Gründung in das späte 7. bis 9. Jahrhundert zu setzen sind. Ferner liegt der Weiler im Nahbereich der wichtigsten West-Ost-Verbindung durch die Alb, an der sich die ältesten Ortsnamenszeugnisse „wie Perlen an einer Schnur“ aufreihen. Hier war es möglich, den Höhenzug auf geradem Weg ohne Überwindung großer Höhenunterschiede zu durchqueren.

Die im September 1979 abgebrochene Kirche ist durch einige Fotographien in ihrem baulichen Zustand überliefert. Besonders Bilder aus der Zeit kurz vor dem Abbruch ließen erkennen, dass schon der bis zum Abbruch stehende Kirchenbau zu großen Teilen aus vorromanischer Zeit stammen könnte. Hierfür sprach das sehr lagenhaft geschichtete Lesesteinmauerwerk, im Saal sogar ohne Eckverquaderung, sowie vor allem mindestens ein originales Fenster in der Nordwand. Dessen Form, Größe, die Lage unmittelbar unter der Trauflinie und die Art der Laibungen und des Sturzes lassen mit großer Sicherheit eine Datierung vor das 11. Jahrhundert zu.

Die Grabungen wurden in der Zeit vom 16. August bis zum 29. September 2006 und vom 23. Juli bis 24. August 2007 unter der Projektleitung von Dr. Mathias Hensch , sowie der wissenschaftlichen Mitarbeit der Archäologen Stefanie Birzer M.A., Ines Buckel M.A. und Matthias Urban M.A. (alle Regensburg) durchgeführt. Tageweise wurde das Team durch den Archäologen Falk Nikol M.A. (Bamberg) und die Anthropologin Eva Kropf (Ingolstadt) ergänzt. Als ehrenamtliche Mitarbeiter waren Ortheimatpfleger Walter Schraml (Neukirchen b. Sulzbach-Rosenberg) sowie Peter Raßkopf (Sulzbach-Rosenberg) tageweise vor Ort.

Grabungsergebnisse im Überblick

Schon die Ergebnisse der ersten Grabungskampagne sind von landesgeschichtlicher Bedeutung und übertreffen die wissenschaftlichen Erwartungen bei Weitem.
Der erste Kirchenbau dürfte ein Pfostenbau von unbekannter Größe und Grundriss gewesen sein. Im Bereich der Nord- und Südwand sowie im Inneren des Chores des Nachfolgebaus (Steinbau I) fanden sich Pfostengruben, die von einem ersten Pfostenbau stammen könnten. Besonders auffallend ist, dass sich die rechtwinklig zueinander angeordneten Pfosten im Bereich des späteren Choreinzugs fanden und somit den Verdacht nahe legen, dass sich schon bei dem Pfostenbau an dieser Stelle der Übergang vom Saal zum Chor befunden hat. Die Lagekontinuität in Bezug auf die Position des Altars ist bei Kirchenbauten immer wieder beobachtet worden und spricht auch beim Ermhofer Befund für einen Ursprungsbau in Holzbauweise. Neue Radiokarbondaten datieren die Aufgabe des Holzbaus in etwa in die Zeit von 780 bis 880 n. Chr.
Der erschlossene Holzbau dürfte beim derzeitigen Kenntnisstand nur eine verhältnismäßig kurze Bestandzeit gehabt haben, was aufgrund der Pfostenbauweise nicht weiter verwundern würde. Er wurde offenbar an gleicher Stelle durch einen gut 12,50 m langen und etwa 6,8 m breiten Steinbau abgelöst, der eine um etwa 0,5 m gegenüber dem Saal eingezogene Apsis besaß. Der als Steinbau I bezeichnete Kirchenbau war mit Lesesteinen errichtet und von außerordentlich guter Bauqualität. Das der Hangneigung angepasste Fundament besaß eine Stärke von 0,9 m, das aufgehende Mauerwerk war 0,66 m stark. Schon allein die Mauertechnik weist den Steinbau I mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit der Vorromanik zu. Radiokarbondaten aus im Setzmörtel enthaltenen Holzkohleeinschlüssen können eine Datierung in die Zeit um 800/9. Jahrhundert stützen.
Ebenfalls noch in vorromanischer Zeit wurde die Apsis durch einen geringfügig größeren Rechteckchor ersetzt, so dass die Gesamtlänge der Kirche nun knapp 13 m betrug. Der Rechteckchor wurde lediglich von außen an den älteren Saal angesetzt, ohne jüngeres und älteres Mauerwerk miteinander zu verzahnen. Im Vergleich zum älteren Apsidenbau war der Rechteckchor von deutlich minderer Bauqualität, wobei aber auch hier das sehr sauber lagig versetzte Lesesteinmauerwerk auffiel. Dieser Anbau dürfte in spätottonischer Zeit vorgenommen worden sein.
Eine dritte Steinbauphase veränderte die Kirche ein weiteres Mal. Hierzu gehört u.a. die geringfügige Erweiterung der Kirche nach Süden. Die Südwand der Steinbauphase I brach man ab und errichtete direkt an der ehemaligen Außenseite eine neue Südwand, so dass sich der Kirchensaal auf eine Breite von ca. 7,6 m vergrößerte.

Blick auf die Reste der KirchenMit einiger Wahrscheinlichkeit war Ermhof ab dem späten 8. Jahrhundert Mittelpunkt einer königlichen oder gräflichen Villikation. Zu diesem Fronhof dürfte die Kirche St. Martin gehört haben. Die Gründung des Ortes könnte somit in Verbindung mit starkem karolingischen Engagement innerhalb der Siedlungskammer Lauterhofen-Sulzbach-Velden zu sehen sein. Neben den schriftlich überlieferten Königshöfen von Lauterhofen und Velden sowie den archäologisch erforschten Großburgen in Sulzbach und Ammerthal wird es weitere zentrale Gutshöfe gegeben haben, denen eine bestimmte Funktion innerhalb des Landesausbaus zukam. In der nähreren Umgebung Ermhofs wäre hier besonders an Frankenhof, Illschwang und Götzendorf zu denken.

Von großer Bedeutung für die chronologische und historische Einordnung ist die Untersuchung des im Bereich der Grabungsflächen erfassten frühen Friedhofs nördlich und östlich der Kirche. Insgesamt konnten etwa 100 Körperbestattungen untersucht werden. Zahlreiche dieser Gräber zerstörten aber bereits bei ihrer Anlage ältere Bestattungen, so dass die absolute Zahl der in den erfassten Arealen ursprünglich weitaus höher gelegen haben dürfte. Beim derzeitigen Forschungsstand ist eine Reihe von Beobachtungen hervorzuheben, die trotz des Fehlens von Beigaben für ein sehr hohes Alter eines Teils der Gräber spricht.
Partielle Steinsetzungen konnten in mehreren Gräbern nachgewiesen werden. Dieser Brauch ist aus frühmittelalterlichen Gräberfeldern Nordostbayerns bekannt. Der Friedhofsteil östlich des Chores und unmittelbar an der Nordseite der Kirche dürfte zu einer frühen Belegungsschicht von der Zeit um 800 bis in das 12. Jahrhundert gehören. Fast alle Gräber im erfassten Bereich unmittelbar vor dem Rechteckchor sind älter als dieser und gehören entweder zu Steinbau I oder aber zum erschlossenen Holzbau. Der Grabplatz vor dem Scheitel der Apsis wurde auffallend häufig und offenbar in dichter zeitlicher Abfolge belegt.
In zwei Gräbern wurden etwa 4-jährige Kinder frühadulten Männern im Bereich der linken Oberkörperhälfte („Herzgegend“) nachbestattet; da beide Gräber unmittelbar benachbart waren, wird es sich kaum um einen Zufall bei der Anlage der Kindergräber handeln, sondern wohl eher um eine symbolische Schutzgeste.
Einer dieser jungen Männer wies mutiple Hiebverletzungen im Schädelbereich auf, die sicher zum Tode führten. Bei einem Schädeldach eines weiteren frühadulten Mannes konnte ebenfalls eine scharfkantige Hiebverletzung erkannt werden, ebenso wie ein sog. Parierbruch der linken Elle.
Zwei Gräber sollen hier besondere Erwähnung finden. Nördlich der Kirche war eine etwa 35- bis 39-jährige Frau in einem Baumsarg bestattet. Sie trug an ihrem rechten Ohr einen rundstäbigen Bronze- oder Silberohrring. Die aus dem germanisch-merowingischen Bereich bekannte, eigentlich wohl heidnische Sitte Tote in einem aufgeschnittenen Baum zu bestatten, ist für einen früh- bis hochmittelalterlichen Friedhof an einer Kirche sehr ungewöhnlich.
Nur wenig westlich von Dame im Baumsarg konnte unmittelbar nördlich der Kirchennordwand am Ansatz des Chores das Grab einer etwa 16- bis 18-jährigen jungen Frau untersucht werden, dessen Grabritus ebenfalls für einen Friedhof im Bereich einer Kirche sehr ungewöhnlich ist. Die junge Frau war auf einem Totenbrett beigesetzt worden. Im Kopfbereich hatte man mehrere Steine auf die Sohle der Grabgrube und auf den Schädel gesetzt, im Fußbereich fand sich ein kindskopfgroßer, runder Kalkstein am Nordrand des Brettes. Postmortal waren der Frau die Hände und die Füße gefesselt worden; die Beine hatte man ihr regelrecht verknotet, wozu man den rechten Oberschenkel oberhalb des Knies brechen musste. Offenbar handelt es sich hier um einen Grabritus, der mit einem paganen „Wiedergängerglaube“ einherging. Ähnliche Befunde, wie etwa das Anpflocken oder Beschweren der Toten mit großen Steinen; sind bei frühmittelalterlichen Gräbern in der Oberpfalz gelegentlich beobachtet worden, etwa auf dem wohl slawischen Gräberfeld von Mockersdorf, Lkr. Neustadt a.d. Waldnaab. Neben der schon an sich bemerkenswerten Fesselung der Toten im Grab ist aber auch ihr exponierter Grabplatz direkt an der Kirche interessant, noch dazu unmittelbar am Übergang zum Chor. Der Befund lässt sich auffallend gut mit der Erzählung aus der Vita Wunibalds verbinden, denn er zeigt, dass die Menschen dieser Zeit paganen bzw. synkretistischen Praktiken nachgingen, die aus Sicht der Kirche sicher schon im fortgeschrittenen 8. und 9. Jahrhundert bekämpft werden mussten, widersprach die Fesselung von Christen im Grab, doch einem der zentralsten Gedanken der christlichen Heilslehre überhaupt – der Wiederauferstehung. Nach C14-Untersuchungen dürfte das Grab der jungen Frau in das späte 9. bis 10. Jahrhundert gehören.

An zentraler Position an der Nordwand der Kirche neben dem ehemaligen Eingnagn konnten wir 2007 die Gräber eines Mannes, einer Frau sowie eines Kleinkindes untersuchen. Neben anderen Parametern spricht vorallem der Grabplatz sowie die Beobachtung, dass an dieser Stelle weder älteren noch jüngere Gräber eingebracht wurden, dafür, hier die Gräber hervorgehobener Persönlichkeiten anzunehmen. Zu denken wäre hier etwa an die Familie des “maior domus”, dem Vorsteher einer Grundherrschaft. C14-Daten aus dem Frauengrab sprechen für eine Datierung in die Zeit um 800 n. Chr. Anthropologische Untersuchungen sowie DNA-Analysen zur Klärung der verwandtschaftlichen Beziehungen dieser Personen sind geplant und werden demnächst in Auftrag gegeben.
. Ermhof bei Google-Maps

Datum: Saturday, 16. June 2007 11:50
Themengebiet: Grabungsprojekte Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Ein Kommentar

  1. 1

    Danke!

    Vor ort erhaltene Informationen hier noch mal zum nachlesen zu finden ist für mich sehr erfreulich. Da es so viele Informationen waren die ich mir nicht merken konnte werde ich allen, die mich wegen der Grabungsstelle gefragt haben auf euren Blogg verweisen.

    gruss Holger

Kommentar abgeben