Mehr als nur Tagwerk - Spuren einer frühmittelalterlichen Montanhandwerkersiedlung in Kümmersbruck

Wohl kaum eine andere Region Bayerns war während des Mittelalters derart stark vom Montanwesen geprägt, wie der Raum um die Bergstädte Auerbach, Sulzbach und Amberg. Die Oberpfälzer Kreideerze bildeten über Jahrhunderte das wirtschaftliche Rückgrat der Region nördlich von Regensburg und besaßen europäische Bedeutung. Mit Einstellung des Bergbaues auf Eisen durch die Schließung der Gruben am Erzberg in Amberg (1964), St. Anna (1974) und Eichelberg (1977) in Sulzbach-Rosenberg sowie der Grube Leonie im Auerbacher Revier (1984) ging hier in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Ausbeutung von Eisenerz zu Ende. Nach Schließung der Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg fand die Montanwirtschaft, die über viele Jahrhunderte die Menschen, die Landschaft und den gesamten Naturraum der mittleren Oberpfalz nachhaltig geprägt und verändert hat, im Jahr 2002 ihr weitgehendes Ende.
Die Anfänge von Bergbau, Verhüttung und Verarbeitung von Eisenerzen liegen weitgehend im Dunkeln, obwohl vereinzelte bodendenkmlpflegerische Beobachtungen und punktuelle archäologische Befunde immer wieder darauf hinwiesen, dass es in der mittleren Frankenalb und dem östlich anschließenden Oberpfälzer Bruchschollenland eine weit vor die ersten schriftlichen Nennungen zurückreichende Tradition in der Gewinnung und Verarbeitung von Eisenerzen gab und früh spezialisierte Handwerker im Auftrag früh- und hochmittelalterlicher Herrschaftsträger arbeiteten. In den Jahren 1993 bis 2002 konnten dann im Bereich des Oberen Schlosses von Sulzbach (-Rosenberg) erstmals Werkstattbefunde untersucht werden, die belegen, dass hier vor dem Jahr 1000 bereits spezialisierte Metallhandwerker arbeiteten. Die Befunde in Sulzbach beleuchten die Verbindung von Handwerk und Herrschaft eindrucksvoll. Am Westrand der Kernburg arbeitete im 9./10. Jahrhundert nämlich eine Werkstatt, in der u.a. Kettenhemden gefertigt und unterschiedliche Metalle wie Bronze, Messing, Zink und Eisen verarbeitet wurden. Der Einzelfund eines gusseisernen Barrens aus dem frühen 11. Jahrhundert belegt darüber hinaus die Anwesenheit von Handwerkern in Sulzbach, die innovative metallurgische Prozesse zu beherrschen im Stande waren und sich zudem eingehend mit Technologiefortschritt und -transfer beschäftigten.
In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch die große frühmittelalterliche Befestigung auf dem Frohnberg an der Vils, wenig westlich von Sulzbach zu sehen. Die Bebauung im Inneren der Ringwall-Graben-Anlage könnte nach neuen geophysikalischen Untersuchungen durch Jörg Faßbinder (BLfD) in Zusammenarbeit mit Mathias Hensch (Schauhütte-Archäologie) aus zahlreichen Gruben- und Pfostenhäusern sowie vielleicht großen Erdkellern bestanden haben. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass der Frohnberg während der karolingisch-ottonischen Zeit eine sehr spezifische, herrschaftsgebundene Funktion bei der Eisenverhüttung und Eisenverarbeitung gehabt haben könnte. So sind große Bereiche des südlichen Hanggrabens offenbar mit Eisenverhüttungsschlacken verfüllt worden, die mit einiger Sicherheit von der Hochfläche stammen, auf der sich ebenfalls immer wieder Rennfeuerschlacken finden lassen. Möglicherweise arbeiteten innerhalb der Befestigung also Handwerker an der Herstellung herrschaftsnaher Produkte aus Eisen. Zu denken wäre auch hier an die Herstellung von Waffen , wie es auf der benachbarten Burg in Sulzbach mit der Produktion von Kettenhemden nachzuweisen ist. Es zeichnet sich ab, dass einer weiteren Erforschung der Burg auf dem Frohnberg für unser Verständnis der Verbindung von frühem Montanwesen und herrschaftlicher Organisation des gesamten Raums große Bedeutung zukommen würde.

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Mit großer Spannung haben wir daher mit archäologischen Untersuchungen im heutigen Ortsgebiet von Kümmersbruck begonnen. Der Altort Kümmersbruck liegt rund drei Kilometer südöstlich der Amberger Altstadt, zu beiden Seiten des von Norden kommenden Krummbachs, der im Nachbarort Haselmühl in die Vils mündet.

Der Ortsname erscheint erstmals um 1187, als sich ein Cůnrad de Cůnebrehtesbrůcke  nach seinem Ansitz nennt. Das patronymische Toponym nennt uns dabei wohl den Namen des ursprünglichen Brückenmeisters, also „der Ort an der Brücke des Cunebreht“. Diese Brücke ist zweifelsohne an der Vils und nicht am Krummbach im Bereich des Dorfkerns zu suchen. Der Name kann durchaus eine Ortsgründung vor dem 11. Jahrhundert andeuten, denn Bau und Unterhalt von Brücken waren bereits in karolingischer Zeit grundherrlich geregelt, das erhobene Brückgeld ein wichtiger Zoll. Ab spätkarolingischer Zeit wurden die zum Bau und zum Unterhalt der Brücken verpflichteten Königsleute zu Besitzern bzw. Verwaltern der Brücken und somit nicht nur zu Zolleintreibern, sondern auch zu Zolleinnehmern, zu pontearii.

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Im Zuge der Errichtung von zwei größeren Wohneinheiten, wird von uns derzeit ein rund 1100 Quadratermer großes Areal untersucht, auf dem während des 8./9. Jahrhunderts offenbar eine größere Siedlung bestand. Nur etwa 600 m nordwestlich des Areals konnten bereits 2014 Spuren einer Eisen gewinnenden Siedlung des 8. Jahrhunderts untersucht werden. Es scheint sich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt der Untersuchung abzuzeichnen, dass sich auch nördlich des Krummbachs eine ausgedehnte Siedlung der späten Merowinger- und Karolingerzeit befand, in der ebenfallls die hier anstehenden Brauneisenerze im großen Maßstab verhüttet und verarbeitet wurden. Eine dichte Bebauung mit Pfosten- und Grubenhäusern belegt eine intensive Nutzung der Flächen in seichter Südhanglage. Die Grabungen werden in den nächsten Wochen mit Nachdruck fortgeführt. Über die weiteren Ergebnisse werden wir Sie an dieser Stelle umfassend informieren.

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Literaturhinweise:

Mathias Hensch, Die Burg Sulzbach (Oberpfalz) als Standort früher Montantätigkeit im „Ruhrgebiet des Mittelalters“. In: Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 13, 2002, 34-39.

Mathias Hensch, Montanarchäologie in der Oberpfalz — von der Forschung vergessen? In: Berichte zur bayerischen Bodendenkmalpflege 43/44, 2002/3 München 2005, 273-288.

Mathias Hensch, Territory, Power and Settlement - Observations on the Origins of Settlement Around the Early Medieval Power Sites of Lauterhofen and Sulzbach in the Upper Palatinate. In: Jiri Mahacek (Hrsg.) Praktische Funktion, gesellschaftliche Bedeutung und symbolischer Sinn der frühgeschichtlichen Zentralorte in Mitteleuropa, Studien zur Archäologie Europas, Bonn 2011, 421-458.

Mathias Hensch, Zur Struktur herrschaftlicher Kernräume zwischen Regensburg und Forchheim in karolingischer, ottonischer und frühsalischer Zeit. In: Peter Ettel, Lukas Werther (Hrsg.), Zentrale Orte und zentrale Räume des Frühmittelalters in Süddeutschland. RGZM Tagungen 18, Mainz 2013, 267-308.

Mathias Hensch, Spuren frühmittelalterlicher Montantätigkeiten in Kümmersbruck, Lkr. Amberg-Sulzbach. In: Beiträge zur Archäologie in der Oberpfalz 11, in Vorbereitung.

Mathias Hensch, Der Frohnberg bei Hahnbach — Frühmittelalterliche Befestigung und neu entdeckter Herrensitz des hohen Mittelalters. Materialien zur Archäologie in der Oberpfalz und in Regensburg 4, Büchenbach in Vorbereitung.

Datum: Friday, 14. August 2015 22:35
Themengebiet: Grabungsprojekte, Hintergründe Trackback: Trackback-URL
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