St. Joseph in Niederärndt - Burgkapelle und Eigenkirche der Sulzbacher Grafen?
Die heutige Simultankirche St. Joseph in Niederärndt gehört zu den ältesten erhaltenen Kirchen im Landkreis Amberg-Sulzbach. An den beurteilbaren Architekturelementen lässt sich der Kirchenbau etwa in die Mitte des 12. Jahrhunderts datieren, wobei der heutige Zustand den Eindruck eines in mehreren (mittelalterlichen) Bauphasen entstanden Baukörpers macht. Über die Baugeschichte der Kirche ist ebenso wenig Konkretes bekannt, wie über deren Ursprünge und herrschaftliche bzw. parochiale Zugehörigkeit.
Schon früh hielt es die Heimatforschung für möglich, in der Kirche den Rest einer Burganlage zu sehen, von der offenbar bereits Anfang des 20. Jahrhunderts keine obertägig erkennbaren Reste mehr vorhanden wa-ren (vgl. A. Stroh, Die vor- und frühgeschichtlichen Geländedenkmäler de Oberpfalz, Materialh. Bayer. Vorgesch. B 3 (1975), 119, Nr. 10 mit Lit.-Hinweis). Über einen Ortsadel ist nichts bekannt, jedoch ließe sich der Flurname „Thurnleite“ für die westlich bzw. südlich der Kirche gelegenen Areale tatsächlich mit einem Burg-stall in Verbindung bringen. Die Vermutung, die Kirche könne der Rest einer abgegangenen Örtlichkeit (Ober-)Ärndt sein, fand durch die Überprüfung im HONB-Bayern Opf. 2 (2002), 4, Nr. 3, keine Bestätigung. Danach bezieht sich der Namenszusatz „Nieder-“ offenbar die Tallage der Siedlung. Der Ortsname ist dort als „tief gelegenes Ernteland“ gedeutet.
Die Ersterwähnung der Siedlung als Nidereren stammt aus dem Jahr 1142 (BayHStA Urk. Brdbg.-Ansb. 5). In dieser Urkunde – die im Übrigen auch den Ort Edelsfeld nennt – geht es offenbar um die Übertragung von Besitzverhältnissen im Ort.
Für die Zeit der Ersterwähnung – und damit auch für die kirchenrechtlichen Zusammenhänge um die Mitte des 12. Jahrhunderts – spricht alles dafür, im Ort Allodialgut der Grafen von Sulzbach anzunehmen. Gerade nördlich von Sulzbach besaßen die mächtigen Sulzbacher Grafen Eigengut in auffallender Konzent-ration: In der nahen Umgebung von Niederärndt lassen sich etwa in Schmalnohe, Pruihausen, Namsreuth, Königsstein, Kürmreuth, Wickenricht und Loch sulzbachische Gefolgsleute nachweisen. Andere grundherrliche Zusammenhänge sind in dieser Gegend für das 12. Jahrhundert nicht erkennbar.
Kurze Beschreibung der Topographie und des heutigen Baubestands
Eine topographische Aufnahme des Geländes fehlt bislang. Eine Vermessung wäre im Rahmen des ange-dachten Projekts wünschenswert und sollte daher in die Konzeption einer archäologischen Grabung mit einbezogen werden. Die Kirche liegt nicht wie im Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler (Bayern V, 356) beschrieben auf einem „Bergplateau“, sondern in Osthanglage auf dem oberen Teil eines Hangabschnitts südlich des alten Dorfkerns von Niederärndt auf ca. 500 m üNN. Die östlich und südöstlich der Kirche von Süden nach Norden verlaufenden Höhenlinien biegen unmittelbar nördlich der Kirche fast rechtwinklig nach Westen um, so dass ein sehr breiter, im oberen Teil zur Hochfläche hin verhältnismäßig flach ansteigender, im unteren Teil zum Ort hin jedoch steiler werdender Sporn entsteht. Östlich des Chores sind im Gelände etwa auf halber Hanghöhe die Spuren eines älteren Zugangwegs oder eines Abschnittsgrabens zu erken-nen. Dieser zeichnet sich auch gut im Luftbild ab. In der Flurkarte des 19. Jahrhunderts ist in diesem Bereich ein Zufahrtsweg verzeichnet. Dieser verbindet die südöstlich der Kirche im Tal gelegenen Hofstelle mit der heute noch erhaltenen Zufahrt zur Hochfläche.
Auf dem Areal südlich der Kirche lassen sich an einigen Stellen Geländemerkmal beobachten. Ein flaches, sicherlich künstlich entstandenes Plateau im Bereich einer Baumgruppe südwestlich der Kirche ist nach Aussage des Bürgermeisters von Edelsfeld Herrn Werner Renner erst in jüngster Zeit durch Aufplanierungen entstanden. Auffällig ist eine West-Ost verlaufende Geländekante ca. 50 m südlich der Kirche, die mit einer Flurgrenze übereinstimmt. Diese Flurgrenze knickt nach etwa 100 m nahezu rechtwinklig nach Norden um (Flurkarte). Wenn diese Geländekante nicht durch landwirtschaftliche Nutzung entstanden ist, könnte sich hier ältere Grenze erhalten haben, die vielleicht mit einer Burganlage in Verbindung stehen kann. Eine genaue topographische Aufnahme könnte bezüglich weiterer Geländemerkmale möglicherweise weitere Anhaltspunkte erbringen.
In Hinblick auf einen vermuteten Burgstall ist anzumerken, dass das Areal der Kirche fortifikatorisch ungünstig liegt. Zwar bietet die Hanglage nach Osten und Norden einen relativ guten natürlichen Schutz, doch würde die Süd- und Westseite einer Burg durch die nach Süden und Westen anschließende Hochfläche, die kurz vor dem Neubaugebiet am nördlichen Ortsrand von Edelsfeld bis auf ca. 530 m üNN ansteigt, auffällig ungeschützt. Eine Verteidigung der Burganlage wäre hier nur schwer möglich.
Das Gebäude ist ein für eine Landkirche des 12. Jahrhunderts auffallend großer Saalbau mit halbrundem apsidialem Abschluss. Besonders die Breite der Apsis wirkt in Bezug auf die Länge des Saales überpropor-tioniert. Der heute verputzte Bau beseht nach dem Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler aus Quader-mauerwerk. Der Schachbrettfries an der Außenwand der Apsis unterstützt ebenso wie die profilierten Kämpferplatten des Triumphbogens im Inneren des Choransatzes eine Datierung um die Mitte des 12. Jahrhun-derts. Im Scheitel der Apsis hat sich ein Originalfenster erhalten. Die Höhenverhältnisse von Apsis und Kirchenschiff lassen die Frage aufkommen, ob der Saal sekundär aufgestockt wurde. Im Westen schließt sich an die Kirche romanisches Quadermauerwerk an, das mit dem Saal im Verband zu stehen scheint und obertägig noch etwa drei Lagen erhalten ist. Dem Augenschein nach handelt es sich um Dolomitquadermauerwerk des (späteren?) 12. Jahrhundert. Möglicherweise war das Kirchenschiff ursprünglich länger bzw. besaß einen in etwa quadratischen, turmartigen Anbau von gut 6 m Seitenlänge. Hierfür könnte auch das an der Innenseite des Westgiebels im Dachgeschoss der Kirche erhaltene Kleinquadermauerwerk sprechen. Die-ses scheint älter zu sein, als das Mauerwerk westlich der Kirche und könnte somit zum (älteren) Kirchengiebel gehören. Hier befindet sich auch eine möglicherweise romanische Tür, die ursprünglich zu einem hoch gelegenen Eingang in den Turm gehört haben kann. Genaue Aufschlüsse über das Verhältnis von Kirche und westlich anschließendem Quadermauerwerk sowie zu dessen Funktion können Grabungen erbringen. Das Kircheninnere wird heute durch die einfache Flachdecke und die renaissancezeitliche Doppelempore bestimmt. Der Kirchenraum wurde laut Dehio in den Jahren 1969/70, das Kirchenäußere 1986 saniert.
Ein für 2005/2006 geplantes Grabungsprojekt in Zusammenarbeit der Gemeinde Edelsfeld und der AOVE-GmbH mit Leader-Plus-Förderung zur Erhellung einzlener historischer Fragen an das Objekt kam bedauerlicherweise nicht zustande.
