Die karolingischen Meisterschmiede von Kümmersbruck? Zwischenergebnisse der Anthropologie und spannende Fragen…

Bei unseren Untersuchungen am Bachweg in Kümmersbruck trafen wir inmitten des karolingerzeitlichen Schmiedeareals auf zwei Männergräber. Die anthropologische Untersuchung der Skelette durch den Hechinger Anthropologen Steve Zäuner erbrachte nun sehr interessante Einblicke in die Lebensumstände dieser Männer, die auch hinsichtlich eines Zusammenhanges von Gräbern und Handwerksareal von Bedeutung sein könnten.
In einer zum Teil mit Steinen umstellten Grabgrube lag ein etwa 30 bis 50 jähriger Mann, bei dem die Ansatzstellen der Muskeln an den Knochen auf einen drahtig wirkenden Typ schließen lassen. Er hatte Körperhöhe von etwa 1,67 m. Der Mann im zweiten Grab, das sich durch einen außergewöhnlichen Grabbau mit mächtiger Steinpackung auszeichnete wurde zwischen 50 und 70 Jahre alt und besaß einen kräftigeren Körperbau und war mit bis zu 1,75 m auch deutlich größer, als sein Grabnachbar.
Beide Männer weisen eine auffällig starke Abnutzung der Zähne auf, litten unter Parodontose und schwerwiegenden Kariesbefall. Einige Zähne wurden durch die Zahnfäule bis auf die Wurzeln zerstört und es finden sich gleich mehrere Fisteln in den Kiefern. Auch der Gaumen war von Entzündungen betroffen. Wahrscheinlicher war hierfür eine kohlenhydratreiche Nahrung, etwa Getreidebreie, verantwortlich. Vorhandener Zahnstein weist darauf hin, dass daneben aber auch eiweißreiche Nahrung eine Rolle bei der Ernährung spielte. Die vorgefundenen Erkrankungen im Mundraum haben nicht nur große Schmerzen verursacht, sondern dürften aufgrund ihrer Schwere auch Auswirkungen auf den gesamten Organismus gehabt haben. Kariöse Zähne und Abszesse können das Herz angreifen und zu schwerwiegenden Problemen bis hin zum Infarkt führen.
imgp5058_neu.jpg

imgp5147_neu.jpg

Beide Männer litten zudem an Arthrose der Wirbelsäule, die auf hohe Belastung verursacht wird, beispielsweise durch das Tragen schwerer Lasten und harte körperliche Arbeit. Arthrotische Veränderungen finden sich auch an anderen Stellen, etwa an den Fingern. Auffällig ist, dass die linke Schulter des grazilen Mannes deutlich stärkere Belastungsspuren anzeigt als die rechte. Möglicherweise war er Linkshänder. Dagegen war beim kräftigeren Mann aus dem „Steinpackungsgrab“ die rechte Schulter stärker betroffen. Seine Schlüsselbeine weisen deutliche Einkerbungen auf, was auf starke Muskelbelastungen des Schulterbereichs hinweist. Sehr auffallend war bei ihm zudem eine kräftige, in Bereich der Ellenbogen sogar sehr kräftige Muskulatur.
Neben den aufgezählten Gemeinsamkeiten zeigen die Männer natürlich auch individuelle Unterschiede. Riefen im Schmelz mancher Zähne des älteren Mannes, sogenannte Schmelzhypoblasien, deuten auf Phasen von Mangelernährung in dessen Kindheit hin. Dabei ist „Mangel“ nicht automatisch gleichzusetzen mit „Hunger“. Schmelzhypoblasien entstehen beispielsweise oft während der Entwöhnung, wenn das Kind auf selbständige Nahrungsaufnahme umgestellt wird. Eine einseitige Ernährung kommt für die Entsteung solcher Schmelzhypoblasien ebenfalls in Betracht.
Beide Männer litten zudem unter Hüftgelenksarthrose. Es finden sich bei beiden sowohl eine “Hockerfacette”, als auch eine “Reiterfacette”. Hockerfacetten entstehen, wenn ein Individuum von klein auf eine hockende Sitzstellung einnimmt, wie man sie gut bei spielenden Kleinkindern im Sandkasten beobachten kann. Bei Erwachsenen kann sie auf eine entsprechende oft geübte Haltung beim Arbeiten hindeuten. Gleiches gilt für die sogenannte Reiterfacette. Sie zeigt ein regelmäßiges Spreizen der Beine an und ist daher nicht automatisch ein Nachweis für reiterische Tätigkeit. Bei dem älteren Mann lässt sich außerdem eine starke Belastung der an der Kniescheibe eine stärkere Belastung des betroffenen Knies an.
Die Spuren an den Skeletten legen nahe, dass beide Männer schweren körperlichen Belastungen ausgesetzt waren, wobei Art und Umfang der Tätigkeiten nicht allein anhand der Skelette ermittelt werden können. Die vorgefundenen Muster entsprechen interessanterweise denen, wie sie für Schmiedetätigkeiten anzunehmen wären.
Nach der archäologischen Situation und den 14C-Datierungen gehören die Gräber am Kümmersbrucker Bachweg wahrscheinlich in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts. Da wir aus archäologischer Sicht wissen, das zu dieser Zeit die Produktion an diesem Platz begonnen haben muss, ist es nicht auszuschließen, dass beide Männer wichtige Funktionen innerhalb der karolingerzeitlichen Schmiedewerkstätten bekleidet haben.
p1150405_klein.jpg

Aus keltischem, germanischen, merowinger- und wikingerzeitlichen Zusammenhängen kennen wir zahlreiche Gräber von Schmieden, in denen dem Schmied seine Werkzeugausstattung als Beigabe mit in das Grab gegeben wurde. Die Zeit, aus der die beiden Kümmersbrucker Gärber stammen, das 8. Jahrhundert, war in der heutigen Oberpfalz eine Zeit religiöser und sozialer Umbrüche, in der die Bevölkerung zwar nicht mehr vollständig heidnisch, doch längst noch nicht frei von althergebrachten Glaubensvorstellungen war. Da besonders die Sitte, den Toten Gegenstände für das Leben im Jenseits mitzugeben, als heidnisch und somit unchristlich empfunden wurde, verschwindet die sie im Laufe des 8. Jahrhunderts mehr und mehr. Was also tun, wenn man aufgrund kanonischer Vorschriften dem verdienten Schmiedemeister kein Werkzeug mehr mitgeben darf? Wenn die Schmiedewerkstatt also nicht in das Grab des toten Meisters gelegt werden darf, war es dann vielleicht (noch) möglich, dass das der tote Meister zu seiner Schmiedewerkstatt kam und nachfolgenden Schmiedemeistern durch seine Anwesenheit zur Seite stehen konnte? Wir finden, das ist ein ziemlicher spannender Gedanke…

p1150370_klein.jpg

Text und Bilder: © Mathias Hensch und Steve Zäuner.

Siehe auch: http://www.anthropol.de/

Datum: Monday, 22. August 2016 11:54
Themengebiet: Grabungsprojekte, Hintergründe Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

Kommentar abgeben