Thursday, 14. October 2010 16:57
Offener Brief zum Artikel „Ein Rutsch um 1000 Jahre zurück“ und „Herunter von den Bäumen“ in der Amberger Zeitung / Sulzbach-Rosenberger Zeitung vom 13.10.2010
Dort wo heute die Stadt Amberg liegt, soll einst Marobudum gelegen haben, die „Hauptstadt der Markomannen“, benannt nach König Marbod (ca. 30 v. Chr.—37 n. Chr.), dem „Gründer der Königstadt Marobudum“. Zu dieser Kernaussage gelangt der Redakteur der Amberger Zeitung in seiner Analyse des gerade in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt erschienenden Buchs „Germania und die Insel Thule. Die Entschlüsselung von Ptolomaios Atlas der Oikumene“. Berliner Altphilologen, Mathematiker und Geographen stellen hier ihre Forschungsergebnisse zur genauen Lokalisierung der auf der berühmten Weltkarte des griechischen Astronoms, Mathematikers und Philosophen Claudius Ptolomaios (ca. 100 — 170 n. Chr.) verzeichneten Orte vor. Neben der antiken Welt berücksichtigt Ptolomaios hier u.a. auch die „Germania Magna“, also die Regionen nördlich der römischen Reichgrenze, die nicht zum unmittelbaren Einflussbereich römischer Politik und außerhalb der eigentlichen Provinzgrenzen lagen. Mit komplexen mathematischen Berechungen haben die Berliner Wissenschaftler versucht, die antiken Koordinaten zu entzerren und auf moderne Geodaten umzurechnen. Da erscheint nun als Nr. 105 ein Ort namens „Marobudum“, dessen Lage mit „bei Amberg“ angebeben wird. Bevor man nun aber mit der Planung der 2000-Jahres-Feier für 2037 in Amberg beginnt, sei es mir als Archäologen gestattet, einige wenige kritische Anmerkungen zu dieser Problematik zu machen, zu der ein ganzes Bündel weiterer Bemerkungen hinzuzufügen wäre.
Die Autoren des neuen Buches weisen für ihre Lokalisierungsversuche der Orte innerhalb der Germania Magna u.a. explizit auf die geringe Genauigkeit der ptolomaischen Koordinaten hin, die „die Genauigkeit der modernen Koordinaten vermindert und die Identifizierung von Orten erschwert“ (S. 22). Dieser Problematik und den großen Schwierigkeiten bei der Interpretation der primären Geschichtsquelle wird dabei ein eigenes Kapitel des Buches gewidmet. Die Berliner „umschiffen“ solche Unsicherheiten, indem sie die Lage der Siedlungen vorsichtig mit der Präposition „bei“, also „bei Hannover”, „bei Braunschweig“ und eben „bei Amberg“ versehen. Hinzu kommt, wie auch richtig bemerkt wird, dass Ptolomaois selbst nie in die Germania Magna gereist ist, keinen dieser Orte aus eigener Anschauung kannte. Er musste sich bei seiner Kartierung einzelner „Städte“ also auf sogenannte Sekundärquellen verlassen. Dies waren überwiegend mündliche Berichte von Gewährsmännern, die sicher zu großen Teilen in der römischen Armee dienten. Hierin liegt eine weitere große Unsicherheit, denn schon die zeitgenössische orale Tradierung dürfte, wie auch die von Ptolomäus herangezogenen schriftlichen Dokumente, stark fehlerbehaftet gewesen sein. Schon allein diese Ausgangslage verbietet eigentlich eine Verbindung der genannten antiken Orte mit heutigen Siedlungsplätzen.
In den allerwenigsten Fällen kann man zudem von einer Siedlungskontinuität bis zum heutigen Tag auszugehen. Ein schönes Beispiel hierfür ist die spätkeltische „Stadt“ (Oppidum) von Manching (Lkr. Pfaffenhofen a.d. Ilm). Hier existierte während des 2. und 1. Jahrhunderts vor Christus eine der flächenmäßig größten „Städte“ in Mitteleuropa. Ihr antiker Name ist unbekannt. Die riesige, über 380ha große und befestigte Siedlungsfläche wurde nach dem Untergang des Oppidums nicht wieder aufgesiedelt.
Ob nun freilich das “Marobudum” bei Ptolomaios tatsächlich auf den Markomannenkönig Marbod zurückgeht, ist mit gar keiner Quelle zu belegen. Aus dem Raum um Amberg kennen wir fast keinen frühkaiserzeitlich-germanischen Fundniederschlag des 1., 2. und 3. Jahrhunderts, und nur einen geringen spätkeltischen Fundanfall aus kurz vor der Zeitenwende. Für die betreffende Zeitspanne ist also von einem recht dünn besiedelten Raum ausgehen. Und aus Amberg? Aus dem Stadtgebiet selbst liegt kein einziger bekannter Fund aus dem 1. bis 5. Jahrhunderts nach Christus vor — ein bisschen wenig für einen „germansichen Königssitz“. Bliebe anzumerken, dass die von den Berliner Forschern für „Marobudum“ angegebenen, transformierten Geokoordinaten (49 °22´N / 11° 44´ E) gar nicht im engeren oder auch nur weiteren Stadtgebiet von Amberg liegen, sondern im südwestlichen Landkreis Amberg-Sulzbach zwischen der Ortschaften Reusch und Guttenberg, 3,5 km östlich von Kastl.
Letztlich sollte man die zweifelsohne interessante Arbeit der Berliner Naturwissenschaftler als das sehen, was sie ist: Eine geographisch-mathematische Quellenbearbeitung, deren Beitrag zur Siedlungs- und Kulturgeschiche nicht überwertet werden darf und doch eher gering sein dürfte. Zu hoffen ist, dass „Marobudum“ nicht zu einem Dogma in der Amberger Heimatgeschichte und der Oberpfälzer Regionalgeschichte wird, das wäre schade. Stadt und Region haben anderes Potenzial, darunter auch sehr viel archäologisches. Die Amberger müssen dafür Sorge tragen, dass dieses Potenzial nicht unbeobachtet den Baggern geopfert wird.
Literatur zur Übersicht:
Amberg und das Land an Naab und Vils. Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland 44, Stuttgart 2004.
Andreas Kleineberg, Christian Marx, Eberhard Knobloch,Dieter Lelgemann:
Germania und die Insel Thule: Die Entschlüsselung von Ptolemaios’ “Atlas der Oikumene”. Die Entschlüsselung von Ptolemaios’ “Atlas der Oikumene”, Darmstadt 2010.
Bild: (c) spiegel online