Monday, 7. February 2011 8:17
Für die 2009 im Nabburger Stadtmuseum Zehentstadel neu eröffnete Ausstellung zur Archäologie und Stadtgeschichte Nabburgs konzipierten der Grafiker und Burgenexperte Roger Mayrock vom Allgäuer Burgenmuseum in Kempten und der Archäologe Mathias Hensch von der Schauhütte-Archäologie in Eschenfelden vier Lebensbilder des früh- und hochmittelalterlichen Zentralorts Nabburg zur Zeit der ottonischen Herrscher (919 - 1024). Roger Mayrock setzte die Ergebnisse der “Nabburgforschung” der letzten Jahre dann in zeichnerischer Form um.
Bitte beachten Sie die Urheberrechte; alle Bilder (c) Roger Mayrock, Kempten, Stadtmuseum Zehentstadel, Nabburg.

Die Nabburg gehörte in spätkarolingischer, ottonischer und frühsalischer Zeit ohne Zweifel zu den wichtigsten Burgen Nordbayerns. Am 30. Juni 929 stellte König Heinrich I. in Nabepurc zugunsten des Klosters Kempten eine Urkunde aus . Der erste ottonische Herrscher hielt sich offenbar vor oder nach dem in diesem Jahr durchgeführten Kriegszug gegen Böhmen auf der Burg an der Naab auf. Schon diese Ersterwähnung lässt die bedeutende Rolle des Ortes im Herrschaftsgefüge auf dem Nordgau der spätkarolingischen und ottonischen Zeit erahnen. Darüber hinaus zählt Nabburg neben Premberg (805), Lauterhofen (806) und Allersburg (850) zu den am frühesten genannten Orten herrschaftlicher Präsenz in der heutigen mittleren Oberpfalz. Dabei wird die Nabburg in dem ottonischen Königsdiplom jedoch nicht als Burg im militärischen Kontext genannt, sondern als lediglich als Ausstellungsort. Die Tatsache, dass der König auf seinem Feldzug von oder nach Böhmen in Nabburg Station machte, führte zur allgemeinen Ansicht, dass es sich bei der Nabburg um eine im Reichsbesitz befindliche Burg gehandelt hat. Dagegen wird sich kaum etwas einwenden lassen, wenngleich die frühmittelalterlichen Könige auf ihren Reisen auch auf Burgen der Großen ein Gastrecht hatten. Die Burgherren der Reichsaristokratie hatten gegenüber dem Regenten sogar Bewirtungspflicht, falls sich als Etappenziel einer ihrer Herrschaftsmittelpunkte anbot. Doch auch die Funktion Nabburgs als Münzstätte in ottonischer Zeit, zeigt ihren Status als königlich-herzogliche Befestigung nur zu gut. Um das Jahr 1000 scheint die Nabburg dann in Verwaltung der Nordgaugrafen gewesen zu sein, ohne dass sich sicher sagen ließe, ob sie als königliches Lehen an jene kam. Für die administrative Organisation des östlichen Nordgaus und als wichtiger herrschaftlicher Bezugspunkt zu Regensburg und Brückenkopf nach Böhmen hatte sie jedenfalls bis weit in das 12. Jahrhundert eine große Bedeutung, wie die Erwähnungen der marcha Nabburg 1040 und 1061 sowie die Übernahme des Ortes durch die diepoldingischen Markgrafen um 1100 belegen.
Wie fast alle wichtigen Burganlagen des 8. bis frühen 11. Jahrhunderts verdankt auch die Nabburg ihre früh- und hochmittelalterliche Bedeutung zu einem großen Teil ihrer verkehrsgeographischen Lage.
Am Westufer der Naab gelegen flankierte die Burg einen wichtigen Übergang des Fernverkehrs über den Fluss. Die bedeutenden frühmittelalterlichen West-Ost-Verkehrsverbindungen in der heutigen mittleren Oberpfalz verliefen vom Westrand der Alb über die Hersbrucker Bucht über Sulzbach weiter nach Nabburg und von dort aus weiter in Richtung Prag. Östlich der wichtigen Verkehrspforte bei Sulzbach mit seiner Burg bot die Hahnbacher Senke geeignete Voraussetzungen für die Fortsetzung dieser Routen in Richtung Nabburg, das demnach wie Sulzbach ein wichtiger Etappenort an der anscheinend ältesten nachweisbaren Verbindungsstrecke zwischen dem fränkischen und slawischen Raum war. Diese West-Ost-Linie traf in Nabburg auf einen wichtigen Nord-Süd-Handelsweg, wobei hier von beiden Routen aus vom Wagen auf das Schiff naababwärts umgeladen werden konnte. Der Warenverkehr auf der Naab spielte für die Entwicklung des Ortes sicher schon im Frühmittelalter eine ganz entscheidende Rolle. Wie wichtig der mittlere Naabraum für das Verkehrsnetz des Frühmittelalters nördlich der Donau war, zeigt in besonderer Weise auch die Erwähnung des etwa 30 km naababwärts gelegenen Premberg / breemberga am Westufer der Naab im so genannten Diedenhofener Kapitular Karls des Großen aus dem Jahr 805.
Aufgrund einer zu vermutenden Gesamtfläche zwischen etwa 5 und 6 ha gehört die frühmittelalterliche Nabburg nach der Kategorisierung Peter Ettels zu den „sehr großen Burgen“ des Frühmittelalters im nordbayerischen Raum. Analysiert man den Katasterplan, so lässt sich noch heute eine Zweiteilung der auf einem etwa 450 x 200 m (~ 9 ha) großen Bergrücken am Westufer der Naab gelegenen Altstadt ausmachen, die ihren Ursprung mit großer Sicherheit in der Konzeption der frühmittelalterlichen Burg hat. Am Nordende des großflächigen Terrassensporns zeichnet sich um die Kirche St. Johannes d.T., die in ihrem Bauzustand auf das 14. Jahrhundert zurückgeht, die ehemalige Hauptburg gut ab. Der heutige Straßenverlauf am Übergang von Obertorstraße zum Oberen Markt und die Lage des seitlich an der südlichen Hangkante positionierten Oberen Tores lassen vermuten, dass diese Situation ursprünglich auf eine eigene Befestigung und ein Haupttor der Kernburg zurückgeht. Die frühmittelalterliche Kernburg könnte von beachtlicher Größe gewesen sein und mit ihren wesentlichen Teilen im Bereich der Johannes-Kirche, des St. Laurentius-Kirchleins, des heutigen Seyerleingartens mit dem Amtsgericht, des ehemaligen Pflegschlosses (heute Vermessungsamt) sowie des ehemaligen Burggutes in der Hüllgasse eingeschlossen haben. Sie hätte dann eine imposante Grundfläche von ca. 190 x 130 m, also weit über 2 ha besessen. Nicht ganz auszuschließen ist jedoch, dass nur der westliche Teil dieses Areals, das heißt der Bereich des ehemaligen Pflegschlosses und heutigen Amtsgerichts mit der Laurentius-Kirche die Hauptburg gebildet hat, die dann lediglich etwa 0,84 ha (96 x 87 m) groß gewesen wäre. Mit einer solchen Größe wäre die Kernburg der Nabburg noch immer deutlich größer gewesen als andere frühe Hauptburgen des 9. bis 12. Jahrhunderts, wie etwa der im 9./10. Jahrhundert wohl ebenfalls königlichen Burg Dollnstein im Altmühltal mit ca. 0,56 ha oder der Hauptburg der civitas Ammerthal im Landkreis Amberg-Sulzbach, mit ca. 0,3 ha., jedoch kleiner als die sehr große Sulzbacher Kernburg mit ca. 1,4 ha. Nach Süden (und Osten?) schloss sich die Vorburg an, die vor allem die Baublöcke beiderseits des Oberen Marktes und der Schmiedgasse bis zum Mähntor im Südwesten der Altstadt umfasst und damit eine Grundfläche von mindestens 2,9 ha gehabt haben dürfte.
Vergleichbare topographische Situationen und Zweiteilungen lassen sich bei zahlreichen frühmittelalterlichen Großburgen im rechtsrheinischen Mittelgebirgsraum erkennen, so auch bei den Nabburg benachbarten Befestigungen in Sulzbach, Creußen, Burgkunstadt, Ammerthal und Bamberg. Typologisch ist es außerdem denkbar, dass der noch heute erhaltene mächtige, an einigen Stellen fast 10 m tiefe Halsgraben nördlich der Altstadt bereits im 9./10. Jahrhundert existierte und im Laufe des Mittelalters nach und nach erweitert wurde. Annährungshindernisse in Form von vorgelagerten Gräben sind im frühmittelalterlichen Burgenbau Nordbayerns nicht unüblich und bei einer bedeutenden Burg wie der Nabburg nicht unwahrscheinlich. Von zahlreichen Vergleichsbeispielen grabengeschützter Hauptburgen im frühmittelalterlichen Burgenbau seien hier die benachbarte Burg Sulzbach und die bayerischen Burganlagen von Oberpöring, Landkreis Deggendorf , die Schwedenschanze im Rottensteiner Forst und die Karlburg genannt. Die beeindruckende Flächenausdehnung verdeutlicht somit bereits aus dem topographischen Befundzeigt die außergewöhnliche Stellung der Burg im Herrschaftsraum des ausgehenden frühen und beginnenden hohen Mittelalters. Die archäologischen Befunde der letzten sechs Jahre bestätigen dies voll und ganz.
Unsere Grabungen der Jahre 2004 bis 2010 haben die großflächige Befestigung der Burgsiedlung von Nabburg bereits vor der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts nachgewiesen. Im nördlichen Vorfeld der Hauptburg befand sich bis in das 9./10. Jahrhundert ein Gräberfeld, dessen archäologische Bearbeitung von PD Dr. habil. Hans Losert (Universität Bamberg) vorbereitet wird. Die Lage dieser Nekropole ist insofern bemerkenswert, als dass hier eine nicht-fortifikatorische Nutzung des unmittelbaren Vorfelds der Hauptburg zu erkennen ist, die mit einem Siedlungskern nördlich der Burg zusammenhängen könnte. Da man annehmen kann, dass sich der Zufahrtsweg zur Hautburg entlang der südlichen Hangkante im Bereich des heutigen Straßenverlaufs der Kemnather Straße und/oder der Weiherstraße befunden hat, kann geradezu von einer prädestinierten Lage dieses Friedhofs nördlich der Burg gesprochen werden. Ein zweites frühmittelalterliches Gräberfeld wurde von uns 2010 am westlichen Hang der Altstadt angeschnitten. Dieses ist mindestens bis in das frühe 8. Jahrhundert zurückzuverfolgen und erbrachte germanisches Inventar (Publikation in Vorbereitung). Anzumerken ist auch, dass südlich der Burg im Bereich um die Kirche St. Georg sowie beidseitig der Naab mit frühen Siedlungsstrukturen zu rechnen ist, wie sie auf den Rekonsturkionsversuchen dargestellt wurden. So stammen aus dem Ramgraben, etwa 250 m südlich des Mähntores frühmittelalterliche Keramikfunde. Man darf demnach mit einer Anzahl an kleineren Siedlungseinheiten und Hofstellen im unmittelbaren Umfeld der Burg während des Frühmittelalters rechnen, wie es die Idealrekonstruktion eindrucksvoll zeigt.
Publikationshinweis: Mathias Hensch, Auf den Spuren König Heinrichs I. - erste archäologische Erkenntnisse zur frühmittelalterlichen Nabepurc. In: Beiträge zur Archäologie in der Oberpfalz 8, Büchenbach 2008, 81-116. Die Ergebnisse Grabungen der Jahre 2008 bis 2010/11 sollen umfangreich publiziert werden. Zur Finanzierung der Auswertungen sind jedoch Sponsoren nötig und herzlich willkommen.