Beiträge vom April, 2013

Dorfarchäologie in der mittleren Oberpfalz - Archäologie neben der Edelsfelder Kirche

Friday, 26. April 2013 10:32

In der vergangenen Woche waren wir mit einer begrenzten archäologischen Untersuchung einer Dorfparzelle in Edelsfeld, Landkreis Amberg-Sulzbach, beschäftigt. Hier entsteht nördlich der Kirche ein neues Gemeindehaus für die Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde.

Nach dem Abbruch der zuvor an dieser Stelle stehenden Hofstelle im letzten Jahr war die Neubebauung des zentralen Grundstücks innerhalb des Altorts vom Landratsamt Amberg-Sulzbach mit einer denkmalrechtlichen Auflage verbunden, die eine archäolgische Begleitung des Oberbodenabtrags und, bei positiver Befundlage, eine anschließende archäologische Ausgrabung vorsah. Die denkmalrechtliche Auflage war dabei Bestandteil der Baugenehmigung.

Nach dem maschinellen Abbaggern der oberen Schuttschichten ließ sich eine Anzahl von mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Befunden erkennen, die eine Ausgrabung nach dem DschG rechtfertigten.

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Für die Regionalgeschichte von besonderer Relevanz ist dabei, dass es in diesem Raum bislang an aussagekräftigen Befunden zur Entwicklung der heutigen Dörfer fehlt. Insbesondere Fragen nach dem Beginn der Besiedlung innnerhalb der Kernorte, nach Bebauungsstrukturen und Hauskonstruktionen des Mittelalters sind bislang weitgehend unbeantwortet. Demnach kommt jeder auch noch so kleinen archäologischen Maßnahme innerhalb dieser Altorte besondere historische und kulturhistorische Relevanz zu. Dies gilt auch für die jüngste Untersuchung in Edelsfeld.

Edelsfeld dürfte aufgrund seines Toponyms eine Gründung des 8. oder 9. Jahrhunderts sein. Der Ortsname geht wahrscheinlich auf einen germanischen Personennamen Etil zurück, der als expressiv verschärfte Form eines Personennamens *Edil (> Athil) zu verstehen ist (HNOB Bayern, Oberpfalz 2, Sulzbach-Rosenberg. München 2002, 24f.). Edelsfeld wird 1142 erstmals als Etelisuelt in den schriftlichen Quellen fassbar.

Die untersuchte Parzelle liegt unmittelbar nördlich der Stephanskirche, im Urkataster handelt es sich um die Hofstelle Nr. 9, auf der ein Wohnhaus mit nördlich anschließendem Stall verzeichnet ist. Die Nähe zur Kirche sowie die Lage des Grundstücks am Schnittpunkt zweier sicher sehr alter Fernwege ließ prinzipiell wichtige archäologische Strukturen vermuten. Bereits in den 1980er Jahren wurde bei einer archäologischen Notgrabung im Inneren der Stephanskirche ein steinerner Vorgängerbau der heutigen Kirche des späten 11./12. Jahrhunderts festgestellt.
Die jetzige Ausgrabung erbrachte Hinweise auf eine hochmittelalterliche Bebauung an dieser Stelle, die offenbar durch Pfostenbauten gekennzeichnet war. Die ältesten Pfostengruben gehören, den keramischen Funden nach zu urteilen, in das 12. Jahrhundert. Noch im 13. und 14. Jahrhundert wurden auf dem Grundstück Gebäude in Pfostenkonstruktion erbaut, wobei die jüngeren Pfostenbefunde eine Fundamentierung aus Kalksteinplatten als Unterlegsteine für die Pfosten aufwiesen. Diese Häuser scheinen durchaus eine hohe bauliche Qualität und Ausstattung gehabt zu haben, wie Reste eines Mörtelestrichs über Steinrollierung verraten können, die wahrscheinlich zu einem Pfostenbau gehörten, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts einem Feuer zum Opfer fiel. Wie Scherben von Kacheln des späten 13. und frühen 14. Jahrhunderts belegen, besaßen diese Häuser bereits Kachelöfen. Die Befunde deuten an, dass Pfostenbauten noch im späteren Mittelalter das Bild unserer Dörfer prägten.

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In Edelsfeld wurden jedoch im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit offenbar auch Ständerbauten auf schmalen, eingegrabenen Trockenfundamenten errichtet. Hiervon zeugt eine mehr als 8 m lange, von Westen nach Osten orientierte Trockenmauer, die ehemals offenbar die Grundschwellbalken eines mittelalterlichen Ständerbaus trug. Der lehmige Untergrund war recht feucht und somit als Baugrund für die mittelalterlichen Häuser nicht sonderlich gut geeignet. Deshalb wurde das Trockenfundament des Ständerbaus bis auf den anstehenden Eisensandsteinfels eingetieft, um eventuelle Senkungsprozesse des Gebäudes zu verhindern. Derartige Ständerbaukonstruktionen sind aus Dörfern der Oberpfalz bislang so gut wie nicht bekannt. Im städtischen Hausbau kennen wir im regionalen Kontext vergleichbare Konstruktionen aus dem 12./13. Jahrhundert aus Sulzbach (vgl. Mathias Hensch, Eine lange Geschichte. Archäologie rund um die Sulzbacher Synagoge, in: Synagoge Sulzbach, Festschrift zur Einweihung der ehem. Sulzbacher Synagoge, Schriftenreihe des Stadtmuseums Sulzbach-Rosenberg Bd. 30, Sulzbach-Rosenberg 2013, 50-67). Um die Erbauungszeit des Edelsfelder Ständerbaus etwas genauer eingrenzen zu können, wurden bei Beta-Analytic Ltd. in Miami/USA Radiokarbondatierungen aus Holzkohlen in Auftrag gegeben, deren Fundzusammenhang im Kontext mit der Errichtung des Hauses stehen.
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Wie man sich ein Dorf des späten Mittelalters in diesem Raum vorzustellen hat, zeigt die berühmte Dorfansicht von Kalchreuth im Landkreis Forchheim, die um 1500 von Albrecht Dürer aquarelliert wurde. Holzgebäude unterschiedlicher Bauweise, darunter Ständer- und Innengerüsthäuser mit Voll- und Halbwalmdächern, bildeten hier die Hofstellen, die von Zaunarealen umgeben waren.

Das auf dem Urkaster verzeichnete Wohnhaus Nr. 9 in Edelsfeld scheint im Kern ein Steingebäude gewesen zu sein, das vor das 18. Jahrhundert zurückreicht. Reste der Nordmauer dieses Hauses belegen eine Zweiphasigkeit, wobei die ältere Phase unter Umständen noch spätmittelalterlich sein könnte. Die Zusammensetzung und Konsistenz des Setzmörtels dieser Steinbauphase deutet eine relativ frühe Datierung des steinernen Kernbaus an. Der Beginn des Übergangs von der Holz- zur Steinbauweise in den Dörfern der Oberpfalz ist bislang völlig ungeklärt. Auch hier könnten ggf. beim Edelsfelder Befund aus dem Setzmörtel der Nordmauer geborgene Holzkohleteilchen weiterhelfen, die eine Datierung über die 14C-Methode zuließen. Wichtig ist, dass die Baufluchten des mittelalterlichen Ständerbaus und der nachfolgenden Steinbebauung exakt übereinstimmen, die Parzellierung an dieser Stelle also bis in das Mittelalter zurückreicht. Am Westrand der Fläche konnte außerdem ein Steinbrunnen untersucht werden, der aufgrund der Bauweise der Brunnenröhre wohl in neuzeitliche Zusammenhänge gehört (18. Jahrhundert?).

Die kleinräumigen archäologischen Untersuchungen in Edelsfeld lassen einmal mehr erkennen, wie wichtig die konsequente archäologische Untersuchung auch und gerade dörflicher Strukturen ist, um zu einem aussagekräftigen und identitätsstiftenden Geschichtsbild zu gelangen.

Den zum Teil scharfen Kritikern unserer Arbeit in Edelsfeld vor Ort möchte ich hier einen Auszug aus meiner kurzen Rede zur Eröffnung der Historischen Dokumentations- und Informationsstätte St. Martin in Ermhof vom 9. September 2012 entgegenhalten, die im Anfangsteil Gedanken des Mainzer Archäologen Rainer Schreg zum Teil wörtlich übernimmt:

Als Archäologen erforschen wir, wie der Mensch in der Vergangenheit gelebt und gewirtschaftet hat, wie er seiner Umwelt begegnet und mit ihr umgegangen ist. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit schärft unseren Blick für die Komplexität langfristiger Auswirkungen menschlichen Handelns und kultureller Gewohnheiten. Sie kann helfen, Verantwortung zu erkennen und zu übernehmen. Der Blick in die Geschichte gibt uns Orientierung. Er zeigt uns, dass der Umgang mit dem Lebensraum und unserer Umwelt entscheidend für kulturelle Brüche sein kann. Wir lernen dabei über die Rolle sozialer Strukturen, über die Bedeutung und Anfänge lokaler Gemeinschaften, über die Auswirkungen, der vom Menschen gemachten Eingriffe in den Naturraum sowie über die Folgen sozialer und politischer Instabilität und Veränderungen. Geschichte hilft uns auch, darüber nachzudenken, ob der Luxus, den wir heute für uns in Anspruch nehmen, selbstverständlich ist und langfristig Bestand haben kann. Geschichte selbst ist kein Luxus — Geschichte gehört uns und zu uns — aber wir müssen uns um unsere Geschichte kümmern, auf sie aufpassen und sie pflegen, wenn sie uns nicht für immer verloren gehen soll. Unsere Geschichte muss uns etwas wert sein, und sie muss uns auch Geld wert sein, sie muss also auch etwas kosten. Geschichtsquellen sind keine nachwachsende Ressource. Einmal zerstört, kommen sie nicht wieder. Zerstören wir sie, berauben wir uns eines wesentlichen Teils unserer eigenen Identität — unseres kollektiven Gedächtnisses. — Wir würden zu einer geschichtslosen Gesellschaft werden. Eine geschichtslose Gesellschaft wird aber über kurz oder lang zu einer gesichtslosen Gesellschaft.

Wir Archäologen und Historiker sind in der Lage, den Menschen einen Teil ihrer verschütteten Geschichte zurückgeben, was eben dazu beiträgt, Zusammenhänge zu verstehen und damit unser heutiges Dasein zu reflektieren und Identität zu stiften. Diese Erkenntnis ist als Ansporn, aber auch als Verantwortung für die Zukunft zu verstehen. Das Pflegen der Wurzeln unserer Identität und die Erforschung unserer Geschichte sind ein Dienst an der Gesellschaft und ein unerlässlicher Beitrag zum kulturellen und sozialen Leben —  ein Beitrag zu einem echten Miteinander.

Thema: Grabungsprojekte | Kommentare (0)