Beiträge vom November, 2013

Neue Publikation: Der locus Lindinlog bei Thietmar von Merseburg - Ein archäologisch-historischer Beitrag zur politischen Raumgliederung in Nordbayern während karolingisch-ottonischer Zeit

Sunday, 17. November 2013 19:58

Im Jahr 1994 feierte das Dorf Lindenlohe bei Schwandorf in der Oberpfalz die 1000jährige Wiederkehr seiner Ersterwähnung . Schriftliche Erstnennungen vor dem 11. Jahrhundert sind für die bis um 1100 klosterleere und somit schriftquellenarme Oberpfalz selten – ein gewichtiger Grund zum Feiern für Lindenlohe – so sollte man meinen. Doch im Spiegel neuer Forschungen zur Herrschaftsgeschichte der Karolinger- und Ottonenzeit im Nordbayern befassen sich die Archäologen Mathias Hensch und Eike Michl noch einmal eingehend mit der diesem Jubiläum zugrunde liegenden Quelle.Im vierten Buch seines Chronicon erzählt der Merseburger Bischof Thietmar von einer Begebenheit des Jahres 994, die im spättottonischen Reich offenbar weite politische Kreise zog und dem Autor somit erwähnenswert schien. Thietmar berichtet, dass „um diese Zeit mein Neffe, Markgraf Heinrich [„von Schweinfurt“, † 1017], Ewerker, einen trefflichen aber übermütigen Gefolgsmann des Bischofs Bernward von Würzburg“ gefangen nahm und ihn „wegen einiger Beleidigungen, die dieser ihm zugefügt hatte, an einem Ort der Lindinlog genannt wird“ blenden ließ. Diese offenbar eigenmächtige Rechtshandlung des machtvollen Grafen Heinrich erzürnte verständlicherweise Bischof Bernward, den Herrn des Ewerker, der ja zugleich für dessen Schutz zu sorgen hatte, aufs äußerste: Bernward intervenierte bei König Otto III. und dieser bestrafte Graf Heinrich daraufhin mit Verbannung. Nach „einer angemessen Genugtuung“, unter der man sich am ehesten ein vom König festgelegtes Wergeld vorzustellen hat , dass Heinrich dem Würzburger Bischof als Kompensation zu zahlen hatte, erfolgte die Begnadigung und Aussöhnung beider Streitparteien . Der Konflikt sollte, wie es in ottonischer Zeit üblich war, mit einer Einladung des Bischofs an Heinrich und dessen Onkel, Markgraf Luitpold zu einem Versöhnungstreffen beigelegt werden. Bestandteil war hier neben dem gemeinsamen Feiern der heiligen Messe sicher auch ein Festmahl von hohem Symbolgehalt. Nach den Feierlichkeiten vergnügte man sich offenbar bei Kampfspielen, in deren Verlauf ein Verwandter des geblendeten Ewerker, Markgraf Luitpold durch einen Pfeilschuss tötete . Man kann annehmen, dass dieser Pfeil eigentlich dem Grafen Heinrich zugedacht war, denn Thietmar betont ausdrücklich, dass Luitpold sowohl an der Blendung, als auch an deren Vorbereitung „gänzlich unschuldig war“. Soweit Thietmars Schilderung der Ereignisse, an deren Anfang die Erwähnung des locus Lindinlog steht.
Mathias Hensch und Eike Michl zeigen in diesem interdisziplinären Aufsatz, dass Vieles dafür spricht, den bei Thietmar von Merseburg für das Jahr 994 genannten locus Lindinlog der Blendung des miles Ewerker mit der Wüstung Lindelach bei Gerolzhofen im ehemaligen Volkfeldgau, in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem wichtigen Burgzentrum der ottonischen Volkfeldgrafen gleichzusetzen. Mit den dort dokumentierten archäologischen Befunden der letzten Jahre lassen sich erstmals „harte Quellen“ für die Identifizierung des Ortes heranziehen. Als Erstbeleg des kleinen Orts Lindenlohe bei Schwandorf im ehemaligen Nordgau sollte die Quelle jedenfalls nicht mehr herangezogen werden. Die hier vorgestellte Thesenbildung zeigt zugleich, wie eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen archäologischer Forschung und klassischer Geschichtswissenschaft neue Aspekte zur Landesgeschichte aufzeigen und zu einer neuen, tragfähigen Deutung lange bekannter Schriftquellen zur Herrschaftsstruktur einer Region führen kann. In diesem konkreten Fall lässt sich somit nicht nur ein Ort rechtlicher und politischer Exekutive des frühen Mittelalters plausibel verorten, sondern eine Vielzahl neuer Facetten zur politischen Raumgliederung in Nordbayern während des 9. und 10. Jahrhunderts aufzeigen.

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Jahrbuch für fränkische Landesforschung 72/2012

Schriftleitung: Werner K. Blessing, Georg Seiderer, Dieter J. Weiß, Wolfgang Wüst
Redaktionelle Mitarbeit: Regina Hindelang

Gedruckt mit Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, der von Haller’schen Forschungsstiftung (Nürnberg) und
der Bezirke Oberfranken, Mittelfranken und Unterfranken

2013. ZI für Regionenforschung, Sektion Franken, FAU ER-N (Hg.),
JFL72 (2012), ISSN 0446-3943, ISBN 978-3-940049-17-9, VK  32,00 EUR

Thema: Grabungsprojekte, Hintergründe | Kommentare (0)