Beiträge vom September, 2014

“Von den Pfeilen der Ungarn befreie uns, Herr!” - Neue Informationstafeln und archäologische Funde zu den Grabungen in der Vituskirche von Utzenhofen zu bestaunen

Friday, 26. September 2014 23:12

Rund zwei Jahre nach Beendigung der archäologischen Untersuchungen im Inneren der St-Vitus-Kirche von Utzenhofen im Landkreis Amberg-Sulzbach wurden heute die Informationstafeln zu den Ergebnissen der Grabungen der Kirchenstiftung Utzenhofen übergeben. Auf den zwei großformatigen Tafeln werden dem Besucher der Kirche zahlreiche Informationen zur früh- und hochmittelalterlichen Siedlungsgeschichte der Region, zu frühen Kirchenbauten und zur Baugeschichte der Vituskirche anhand kurzer, prägnanter Texte und zahlreicher Abbildungen vermittelt. Außerdem werden einige spannende Funde aus der Utzenhofener Kirchengrabung gezeigt, darunter auch das Inventar einer Grube, die vermutlich nach einem Überfall heidnischer Ungarn im frühen 10. Jahrhundert im Chor der frühmittelalterlichen Holzkirche angelegt wurde. Hierbei dürfte es sich um eine bewusste Deponierung handeln, bei der u.a. mindestens acht “ungarische” Pfeileisen niedergelegt wurden. Diese stellen bislang den größten zusammenhängenden Fundkomplex derartiger Pfeileisen in Süddeutschlanland dar.

Die Tafeln wurden von der Katholischen Kirchenstiftung Utzenhofen finanziert, vom Regensburger Archäologen Mathias Hensch (Schauhütte-Archäologie), der auch die Grabungen geleitet hat, konzipiert und vom Studio Strahl (Kathrin Strahl, Berlin) grafisch gestaltet. Die kleine Ausstellung gibt einen interessanten Einblick in die Entwicklung des Platzes von der Karolingerzeit bis in das späte Mittelalter. Wir danken dem Utzenhofener Kirchenpfleger Hubert Gradl für seine Unterstützung und sein Interesse an der Vermittlung der Grabungsergebnisse vor Ort.

Die Grabungen in Utzenhofen werden derzeit von Mathias Hensch ausgewertet und gemeinsam mit den archäologischen Untersuchungen zur früh- und hochmittelalterlichen Kirchengeschichte der mittleren Frankenalb an der Martinskirche von Ermhof und der Kirche St. Maria Heimsuchung in Stettkirchen (beide ebenfalls Landkreis Amberg-Sulzbach) zur Publikation vorbereitet. Diese wird unter dem Titel Stettkirchen, Utzenhofen, Ermhof. Archäologische Forschungen zur frühen Kirchengeschichte auf der mittleren Frankenalb in den “Materialien zur Archäologie in der Oberpfalz und in Regensburg” erscheinen.
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Von Pfeilen in Kirchen und von jenen, die ihnen zum Opfer fielen – Archäologie in der Pfarrkirche St. Vitus von Utzenhofen
Lkr. Amberg-Sulzbach, Oberpfalz

Utzenhofen liegt vier Kilometer südlich des ehemaligen Benediktinerklosters Kastl, dem ältesten Kloster des mittelalterlichen Nordgaus, in einer durch Königshöfe, Befestigungen und Zentralorte als äußerst dynamischen Herrschaftsraum charakterisierten Siedlungskammer des 8. bis 12. Jahrhunderts. Über die frühe Ortsgeschichte ist kaum etwas bekannt. Das Toponym, das als zu den Höfen des Utzo zu rekonstruieren ist, spricht am ehesten für eine Ortsgründung des 8./9. Jahrhunderts. Wie fast alle Dörfer des Raums wird Utzenhofen erst während des Hochmittelalters in den schriftlichen Quellen fassbar. Dabei ist bemerkenswert, dass die frühesten Erwähnungen, zwischen 1220 und 1321, alle in Zusammenhang mit einer Funktion als Pfarrort in Verbindung stehen. Dort besaßen bis 1305 die Grafen von Hirschberg einen mairhof, der nach deren Aussterben an das Kloster Kastl gelangte. Der Hofname könnte dafür sprechen, dass es sich hierbei um den Fronhof einer älteren Grundherrschaft handelte, die weit ins Mittelalter zurückreichte. Die Uraufnahme zeigt eine Art „Dreiteilung“ des Dorfes, die auf mittelalterliche Zustände fußen dürfte. In der Niederung liegen zwei deutlich voneinander separierte Siedlungsbereiche westlich bzw. nördlich des Zusammenflusses von Wierlbach und Utzenhofener Bach. Auf einem, sich nach Osten gegen das Bachtal terrassenspornartig vorschiebenen Ausläufer des Kalvarienbergs hebt der Pfarrhof Nr. 1 mit der Kirche St. Vitus als dritte separate Einheit ab. Dieser große Haupthof fiel Anfang der 1970er Jahre dem Bagger zum Opfer.
Wohl kaum jemand rechnete damit, dass bei der Innensanierung von St. Vitus in größerem Umfang archäologische Strukturen zutage treten würden, denn der Bau der heutigen Kirche erfolgte erst 1938, wobei man den als „barock“ geltenden Kirchenbau größtenteils abbrach und ihn nach Süden und Osten erheblich erweiterte. Im gesamten Innenraum sollten die Fußböden erneuert und an einigen Stellen neue Wartungsschächte für die Fußbodenheizung installiert werden. Unmittelbar unter den modernen Fußbodenaufbauten traten umfangreiche mittelalterliche Befunde zutage, die es erlauben die Baugeschichte der Kirche näher zu beschreiben.
In der Nordhälfte der heutigen Kirche war der komplette Grundriss einer lang gestreckten, ca. 15 x  6,5 m großen Saalkirche mit eingezogener Apsis bewahrt. Die lichte Weite des Saals lag bei etwa 10,5 m, die Apsis hatte eine lichte Weite von rund 3 m, bei einer lichten Tiefe von 2,5 m. Das etwa 1 m breite Fundament bestand aus unbearbeiteten, zum großen Teil aber auch quaderartig zu gerichteten Plattenkalksteinen. Das geringfügig schmäler ausgeführte aufgehende Mauerwerk zeigte, soweit sich dies zu beurteilen ließ, überwiegend plattige, lang-rechteckige Steine, deren Schauseiten grob abgespitzt wurden. Wie sich überraschend herausstellte, gehörte die 1938 abgebrochene Südwand zu dieser Bauphase, ebenso wie die Nordwand der stehenden Kirche. Der heutige Bau bewahrt in großen Teilen also sehr viel ältere Substanz, als bekannt war. Die Mauerwerkstechnik unter Hinzuziehung weniger Keramikfunde aus den Baugruben der West- und Südwand lässt eine Erbauung der steinernen Saalkirche „um 1100“ denkbar erscheinen. Gut vergleichbar ist beispielweise das Mauerwerk des dendrochronologisch 1075 datieren Turms der ehemaligen Kirche St. Stephan im nahen Ensdorf. Dagegen zeigt die erhaltene romanische Kirche St. Nikolaus im nur zwei Kilometer von Utzenhofen entfernt gelegenen Umelsdorf aus dem mittleren 12. Jahrhundert in Bearbeitungstechnik und Steinversatz schon deutlich fortschrittlichere Züge. Aus dem Setzmörtel der Kirche wurde zudem Holzkohle für eine 14C-Datierung herangezogen, deren Ergebnisse noch nicht vorliegen.
Die steinerne Saalkirche stand in baulicher Verbindung mit einer von Westen nach Osten verlaufenden, 1,1 m breiten Mauer, die gleichzeitig mit der Kirche erbaut wurde und im Bereich des Apsiseinzugs nach Norden einsprang. Diese Mauer wurde in ihrem östlichen Abschnitt in einer zweiten Bauphase nach Süden derart aufgedoppelt, dass die südliche Mauerschale nun in einer Flucht mit der Kirchensüdwand lag, wobei die Mauerstärke auf beachtliche 1,85 m anwuchs. Im Kontext mit der topographischen Lage des Platzes wirft dieser Befund die Frage auf, ob wir es in romanischer Zeit nicht allein mit einer Kirche, sondern vielmehr mit einer Burganlage zu tun haben könnten. Die Burgkirche wäre dann in einer Art Randhausbebauung in eine Befestigungsmauer integriert gewesen, wie es im Burgenbau der Salierzeit nicht untypisch ist.
Im 14. Jahrhundert brach man die Westwand der romanischen Saalkirche ab und erweiterte die Kirche um etwa 3 m nach Westen. Der Westabschluss dieser spätmittelalterlichen Kirche ist ebenfalls im stehenden Bau erhalten. Zeitgleich scheint die „Befestigungsmauer“ westlich der Kirche niedergelegt worden zu sein. In einer ebenfalls wohl spätmittelalterlichen Bauphase wurde östlich der Kirche ein Gebäude angebaut, dessen Westwand in die „Befestigung“ eingeklinkt wurde. Die Umbaumaßnahmen des Spätmittelalters, deren Anlass vielleicht ein Funktionsverlust der Burg gewesen sein könnte, lassen sich durch das Fundmaterial gut datieren.
Nach der 14C-Datierung wurde während des 15. Jahrhunderts im Chor der Kirche ein Grab angelegt, das man zumindest teilweise unter den Altar, sub altare, schob – ein ganz außergewöhnlicher und herausragender Grabplatz. Nach der anthropologischen Untersuchung handelte es sich um einen hoch gewachsenen, etwa 40 Jahre alten Mann, der sich offenbar in erstaunlich guter körperlicher Verfassung befunden und sich bereits seit frühester Kindheit häufig zu Pferde fortbewegt hat. Schwere körperliche Arbeit musste er niemals verrichten. Neben der Wahl des Grabplatzes zeigen auch die anthropologischen Merkmale, dass dieser Herr zu Lebzeiten eine angesehene, sozial hoch stehende Persönlichkeit im regionalen Kontext zu Utzenhofen gewesen sein muss. So ungewöhnlich sein Grabplatz ist, so ungewöhnlich ist auch seine Todesursache – er starb an einem Pfeilschuss. Das Pfeileisen war unterhalb des rechten Rippenbogens in den Unterkörper eingedrungen und führte wahrscheinlich zum Tod durch Verbluten. Offenbar brach man den Pfeilschaft ab, denn die Geschossspitze verblieb im Körper. Ob die seltsame Armhaltung des Toten mit der Todesursache zusammenhängt (Ruhigstellung?) bleibt unklar, ist aber vorstellbar.
Sind schon die hoch- und spätmittelalterlichen Befunde hoch spannend, so ist der Nachweis einer frühmittelalterlichen Nutzung des Platzes für die herrschaftsgeschichtliche Bewertung der gesamten Siedlungskammer von Belang  Östlich der Westwand der romanischen Kirche verlief parallel zu dieser ein maximal 0,25 m tiefes Schwellgräbchen, das nach Süden offenbar an einer Pfostengrube endete. Etwa 2 m parallel zur Südwand der Steinkirche lag ein zweites Schwellgräbchen, das nach Westen wiederum an der gleichen Pfostengrube endete. Der Befund lässt sich relativ sicher als Südwestecke eines Pfostenbaus mit Schwellriegeln deuten. Die Verfüllung der Schwellgräbchen erbrachte einige frühmittelalterliche Keramikscherben sowie zahlreiche, zum Teil bemalte Putzreste sowie größere Holzkohlestücke. Holzkohle aus dem westlichen Gräbchen lieferte eine 14C-Datierung im Zeitraum von 880 bis 990 n. Chr. Zu dieser Nutzungsphase gehört offenbar auch eine Grube im Chor der späteren Steinkirche, bei der es sich vielleicht um eine weitere Pfostengrube gehandelt hat. Der durch das spätmittelalterliche Grab und die Apsis zum Teil gestörte Befund war überwiegend mit asche- und holzkohlehaltigem Brandschutt verfüllt, wobei gebrannter Wandlehm und Schindelnägel wiederum auf einen mit Holzschindeln gedeckten hölzernen Bau hinweisen. Auch hier fanden sich bemalte und getünchte Putzreste. Bisherige 14C-Daten aus Holzkohlestücken der Grubenverfüllung liegen im Zeitraum von 770 bis 880 n. Chr. Von großer Bedeutung für die Einordnung der Befundsituation sind u.a. Fragmente eines Trichterbechers aus Glas. Derartige Glasgefäße des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts sind sehr selten und treten nur in einem herausgehobenen sozialen Milieu auf. Dicht beinander lagen außerdem zahlreiche Eisenteile in der Grubenverfüllung, darunter eine frühmittelalterliche Gürtelschließe, eine Pflugreute, ein kleiner säbelförmiger Eisenbeschlag sowie insgesamt acht Pfeileisen mit rhombischem Blatt und Schaftdorn (Abb. 4). Derartige Pfeileisen wurden lange mit den zu Beginn des 10. Jahrhunderts einfallenden Ungarn in Verbindung gebracht. Obwohl diese Zuweisung mittlerweile methodisch angezweifelt wird und die Ungarneinfälle als Teil politischer und gesellschaftlicher Krisen in Mitteleuropa von der Forschung sehr viel differenzierter als früher gesehen werden, steht außer Frage, dass auch ungarische Reiter mit ihren Reflexbögen derartige Pfeileisen benutzten. In Utzenhofen zeigt sich zumindest ein Zusammenhang der Geschossspitzen mit der Brandzerstörung eines repräsentativen Holzbaus, der mit guten Argumenten als Kirche zu deuten ist. So zeigt auch die laufende Restaurierung der Pfeileisen, dass es sich offenbar um mit Textil umwickelte Brandpfeile handelte, die in Brandbeschleuniger getaucht werden konnten. Bei aller Vorsicht halte ich es daher für nicht unwahrscheinlich, hier einen seltenen archäologischen Anhaltspunkt für die gewaltsame Zerstörung einer Kirche durch ungarische Reiter zu Beginn des 10. Jahrhunderts vor sich zu haben. Der in einem zeitgenössischen Messbuch überlieferte Litaneiruf De sagittis Hungarorum libera nos, domine! (Von den Pfeilen der Ungarn befreie uns, Herr!) bekäme mit der Entdeckung in der Kirche St. Vitus in Utzenhofen womöglich einen ganz seltenen „archäologisch wahrnehmbaren Nachhall“. Man darf gespannt auf die laufende Auswertung der Grabungen sein.

© Text und Bilder: Mathias Hensch 2012/2014
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Thema: Grabungsprojekte, Hintergründe | Kommentare (0)