Beiträge vom November, 2014

In eigener Sache - zur Berichterstattung in der Presse zu unseren Voruntersuchungen in Schmalnohe

Monday, 10. November 2014 18:03

Zu einem Artikel in der Sulzbacher-Rosenberger/Amberger Zeitung zu unseren Voruntersuchungen in Schmalnohe ist eine Zurechtrückung des verzerrt darsgestellten Sachverhalts angebracht.
Die archäologische Denkmalpflege in Bayern ist wie in den anderen Bundesländern eine staatliche Aufgabe bzw. eine gesetzliche Forderung, die durch das jeweilige Denkmalschutzgesetz geregelt ist (vgl. für Bayern das Gesetz zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler - DSchG). Die vor Ort ausführenden, privatwirtschaftlich arbeitenden Archäologen sind dabei in Bayern zunächst einmal Dienstleister am Bauherrn, der eine Baumaßnahme im Bereich eines Bodendenkmals durchführen will. Die Archäologen der Ausgrabungsfirmen kommen demnach im Auftrag des Bauherrn dessen gesetzlicher Verpflichtung gegenüber dem Freistaat Bayern nach, archäologische Denkmäler vor einer Zerstörung durch die geplante Baumaßnahme zu bewahren bzw. ggf. vor einer nicht abzuwendenen Zerstörung zu dokumentieren. Hierbei werden sie in ihrer Arbeitsweise und Methodik von der zuständigen Behörde, dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, kontrolliert. Der beauftragte Archäologe vor Ort ermöglicht dem Bauherrn letztlich also, sein Vorhaben umzusetzen - wie ein Architekt, ein Statiker und ein Handwerker auch. Dass dies mit Kosten verbunden ist, ist selbstverständlich und sollte jedem Bauherrn bereits bei der Planung einer Maßnahme bewusst sein. Lässt er eine Sondage vor der endgültigen Planung durchführen, erlangt er Planungssicherheit und kann seine Planung denkmalgerecht optmieren bzw. Kosten für eine eventuelle archäologische Ausgrabung bei der endgültigen Planung in das Bauvolumen mit einrechnen.
Ein so bedeutendes Bau- und Bodendenkmal wie in Schmalnohe besitzt darüber hinaus einen großen Mehrwert, auch für die Gemeinde, der sich langfristig nutzen lässt und auszahlt. Gut umgesetzte Konzepte für eine nachhaltige Didaktik und Vermittlung von Grabungsergebnissen, die eine Gemeinde in der Innen- und Außenwirkung deutlich aufwerten können, finden sich immer wieder.
Dass bodendenkmalpfegerische Maßnahmen mit finanziellem Aufwand verbunden sind und zu einer zusätzlichen finanziellen Belastung, besonders kleiner Kommunen in strukturschwachen Räumen wie der mittleren und nördlichen Oberpfalz führen können, soll sich nicht verschwiegen werden. Doch ist die Frage nach der praktischen Umsetzung des sogenannten Veranlasserprizips, nach dem in Bayern der Bauherr die Kosten für eine archäologische Untersuchung zu übernehmen hat, ein politisches Problem zwischen dem Freistaat Bayern und den Bauherren bzw. den belasteten Kommunen. Dieses Problem darf nicht die, die praktische archäologische Arbeit ausführenden und privatwirtschaftlich arbeitenden Archäologen betreffen und auf deren Rücken ausgetragen werden.
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Foto: Stadtkernarchäologische Grabungen im Bereich eines großen Bauvorhabens in der Lederergasse in Kelheim/Niederbayern im Herbst 2013 (Schauhütte-Archäologie und Arcteam, Regensburg)

Thema: Grabungsprojekte, Hintergründe | Kommentare (0)

“Toskanahäuser” in der Oberpfalz - oder vom Verschwinden von Häusern und Verschandeln von Dörfern

Friday, 7. November 2014 17:26

Regensburg, die Hauptstadt des bayerischen Regierungsbezirks Oberpfalz, ist Welterbestadt. Abertausende Touristen aus aller Welt besuchen die Donaumetropole jedes Jahr. Sie erfreuen sich zurecht an der Altstadt mit ihrem “mittelalterlichen Gepräge”, den zum Teil bis in die Romanik zurückreichenden Wohn- und Handelshäusern, den Geschlechtertürmen und berühmten Kirchen, sowie den fast 2000 Jahren alten baulichen Resten römischer Expansionspolitik. Aber wer von ihnen blickt von Regensburg aus nach Norden über Stadtamhof hinaus? Nun muss man wahrscheinlich sogar fragen, wer von den “echten” Regensburgern oder Oberpfälzern kennt die Oberpfalz als vielfältigen Kulturraum mit reicher Geschichte, Architektur, Sprache und Natur?

Wer heute die Oberpfalz bereist, kann eine äußerst vielseitige Naturlandschaft erleben, die vom Böhmerwald bis in den Bayerischen Wald, von der oftmals kleinräumigen, kargen Frankenalb bis in die weit geschwungene, fast liebliche Landschaft des Bruchschollenlands reicht und zum Wandern, Klettern, Radfahren und zu Kulinarischem einlädt. So unterschiedlich und heterogen der Naturraum ist, so unterschiedlich verlief vielerorts auch die historische Entwicklung der oftmals stiefmütterlich behandelten, ostbayerischen Provinz. Als “Zugereister”, der sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der Geschichte dieser Region beschäftigt, sehe ich vielleicht mit einer Art unverstellten Blick auf die Oberpfalz. In den letzten Jahren wurde mir bei meinen beruflichen Fahrten durch die Oberpfälzer Provinz und bei menschlichen Begegnungen klar, dass wenig ausgeprägtes historisches Bewusstsein offenbar zwangsläufig zu einer gewissen Ignoranz und zu Geringschätzung der eigenen Geschichte gegenüber und damit auch dem Verschwinden eigener Identität der Menschen führen kann. Und das, obwohl die Sehnsucht nach einer historischen Identiät so groß ist und sich in Kirwafeiern, volkstümlicher Musik, Lederhosen und Dirndln oder auch in archäologischen Freilichtmuseen und Reenactment nach außen hin offenbart.

Doch was ist Tradition? Was ist Geschichte? Und wie äußerst sich “echte” Tradition? Was kann man von ihr sehen und erleben? Um Missverständnissen vorzubeugen, die Oberpfalz ist nicht die einzige Region im Deutschland des beginnnenden 21. Jahrhunderts, in der das Verschwinden nach außen sichtbarer historisch gewachsener Strukturen und Unwissenheit über die eigene Geschichte zum Normalzustand geworden ist. Aber ich lebe nunmal in der Oberpfalz und ich nehme den Schauhütte-blog hier als Plattform,  ein Phänomen zu skizzieren, das mir täglich in der Oberpfalz begegnet, und mache mir ein paar kurze Gedanken zur Ignoranz gegenüber echter historischer Tradition und zu dem damit verbundenen Kulturverlust. Es geht um das fast vollständige Verschwinden traditioneller Hausformen in Oberpfälzer Dörfern und die Zerstörung von über Jahrhunderte gewachsener Dorfstrukturen.

Der so vielseitige Naturraum, dessen verkehrgeographische Lage seit dem frühen Mittelalter und die damit verbundene siedlungs-, herrschafts- und wirtschaftgeschichtliche Dynamik die die heutige Oberpfalz seitdem erfahren hat, führte zu einer der reichhaltigsten und heterogensten Hauslandschaften im deutschsprachigen Raum und zu unterschiedlichsten Siedlungs- und Kulturlandschaftsformen. Die historischen Siedlungsformen der Oberpfalz reichen vom Einzelhof über den Weiler in den landwirtschaftlich schwer nutzbaren Naturräumen, über kleine und größere Haufendörfer bis hin zu echten Straßendörfern. Auch die traditionellen Hof- und Hausformen sind dementsprechend vielfältig. Offene Hofformen finden sich beispielsweise in der westlichen Oberpfalz, kastellartige, geschlossene Vierseithöfe in den östlichen Regionen.

Im Gegensatz etwa zum benachbarten Franken, hat die Oberpfalz in den letzten fünf Jahrzehnten in allen Regionen ihre historische Hauslandschaft jedoch nahezu vollständig verloren. In den Dörfern der westlichen Oberpfalz etwa, sind die großen, beeindruckenden typisch westoberpfälzer Fachwerkbauten mit ihren großen, steilen Satteldächern, die an die mittel- und oberfänkische Hausformen anschließen, fast verschwunden. Ebenso die mächtigen Blockbauten im Oberpfälzer Teil des bayerischen Waldes, dessen Bautraditionen bis in das frühere Mittelalter zurückreichen oder die Egerländer Fachwerkbauten im nordöstlichen Teil der Oberpfalz.

Das Bild der heutigen Dörfer und Märkte wird im Wesentlichen geprägt durch schmuck- und gesichtslose, unkreative Wohnhäuser in Pastelltönen, ausufernde Neubaugebiete ohne erkennbare Strukturen mit einem wahllosen Durcheinander an Bau- und Dachformen, oftmals in pseudo-traditionellen und interessanterweise oftmals historisierenden Baustilen und dem Netto-Markt um die Ecke. In der Oberpfalz finden sich seit einigen Jahren wie andernorts in Deutschland auch immer mehr Häuser im sogenannten Toskana-Stil, die letztlich wohl eine Sehnsucht nach einem beschaulichen Landleben widerspiegeln und doch gewachsene Dorfstrukturen aufgrund ihrer bei uns völlig unüblichen Architektur und Dachgestaltung wie kaum eine andere Bauform nachhaltig zerstören. Es geht mir dabei natürlich nicht darum, das moderne Bauen generell in Frage zu stellen, denn es gibt sehr wohl auch gelungene Beispiele für moderne Neubauten auf dem Land. Es sollte dabei aber doch vor allem um architektonische und planerische Sensibiltät bei der Frage gehen, “was baue ich wohin?” …
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Nur ein Beispiel hierfür von vielen, das mir in den letzten Monaten beim Vorbeifahren immer wieder auffiel, bietet der kleine Ort Siegenhofen an der Vils (Landkreis Amberg-Sulzbach). Siegenhofen wird bereits 1191 als Sigenhoven in einer Urkunde für das nahe Kloster Ensdorf genannt. Aufgrund des Toponyms mit dem Grundwort ahd. (pl.) hofun zu urteilen, das als Zu den Höfen des Sigo zu übersetzen ist, dürfte die Ortsgründung im 8./9. Jahrhundert stattgefunden haben. Der historische Ortskern von Siegenhofen wird durch die katholische Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau geprägt, die sich als barocker Bau unter Einbeziehung romanischer Mauerteile und einem schlanken gotischen Ostturm und Südchor (!) präsentiert. Die Uraufnahme aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt acht Hofstellen östlich der Vils, von denen die Höfe Nr. 1 bis 3 und 4 bis 6 die ältesten Vollhöfe darstellen dürften, die durch Erbteilung voneinander getrennt wurden.

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Auf Hofstelle Nr. 4 stand bis zum Mai 2013 ein zum Kirchweg traufständig erbautes, dreigeschossiges, typisches Kleinbauernhaus des 19. Jahrhunderts mit Nebengebäuden. Einen gleichartig dimensionierten und gelagerten Bau zeigt bereits die Uraufnahme von Siegenhofen aus dem frühen 19. Jahrhundert. Das Haus besaß ein für die Gegend typisches steiles Satteldach. Der Grundriss im Erdgeschoss war, ebenfalls typisch, durch einen Mittelflur aufgeschlossen. Aufgrund seiner Lage neben der Kirche war das Gebäude strukturgebend für den historischen Ortskern. Nach einem Brand, der laut Presse “durch den Besitzer aufgrund Funkenflug bei Arbeiten mit einer Flex an der Außenseite des Hauses” verursacht wurde, dann aber “im Obergeschoss ausbrach”, wurde das lang leer stehende und “zum Abbruch vorgesehene” Haus im Frühsommer 2013 abgerissen und durch einen derzeit noch im Bau befindlichen Neubau im Toskanastil mit schwarzer Dachdeckung und großer Garage ersetzt.

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Das Beispiel Siegenhofen kann wie ein Menetekel für die Zerstörung historischer Dorfstrukturen der Oberpfalz stehen… Die Frage bleibt, wie es möglich ist, dass derartige Neubauten behördlicherseits genehmigungsfähig sind. Traditioneller Hausbau und gewachsene Dorfstrukturen sind untrennbar mit den historischen Wurzeln einer Gesellschaft verbunden. Sie sind architektonisch manifestierte Geschichte und sie können Geschichten erzählen - Geschichten von vergangenen Zeiten und deren Menschen, vom Leben, von Arbeit, von Freude und von Leid. Mit der Wertschätzung eines alten Hauses ist die Wertschätzung gegenüber der eigenen Identität ebenso verbunden, wie die Wertschätzung gegenüber gesellschaftlicher Identität. Die Oberpfälzer Hauslandschaften sind jedoch bereits untergegangen - für ein großflächiges Umdenken ist es zu spät, nicht jedoch für die Rettung einzelner noch erhaltener Bauwerke, die oftmals dem Verfall preisgegeben sind. Hier ist der Bayerische Staat ebenso gefordert wie der einzelne Hausbesitzer, die Kommunen und die Gemeinden.

Literaturhinweis zum traditionellen Hausbau in der Oberpfalz: Helmut Gebhard, Paul Unterkircher: Bauernhäuser in Bayern. Oberpfalz (Regensburg 1995).

Fotos:
Luftbild (c) Alois Laumer, Weiden; www.luftbild-oberpfalz.de

Uraufnahme (c) Bayerisches Landesamt für Vermessung und Geoinformattion, München

Löscharbeiten (c) Amberger Zeitung

Ansicht Kirche (c) Mathias Hensch

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Überraschende Spuren der Blütezeit eines kleinen Weilers - die herrschaftliche Curtis von Schmalnohe

Sunday, 2. November 2014 12:04

Der kleine Weiler Schmalnohe bei Edelsfeld im Landkreis Amberg-Sulzbach steht im Vorfeld geplanter Erschließungsmaßnahmen an der Kirche St. Otto seit kurzem erstmalig im Fokus archäologischer Voruntersuchungen. Schmalnohe gehört dem Ortsnamen mit dem Grundwort germanisch -aha “Bach” nach zu urteilen, zu den ältesten germanischen Toponymen des Sulzbacher Raums. Der Name bedeutet also “zur schmalen Ache” und weist somit auf eine Entstehung in vorkarolingischer Zeit hin.An einem exponierten Südhang über dem Bachtal der Schmalnohe nördlich des Weilers steht noch heute das Kirchlein St. Otto, das bis in das späte 18. Jahrhundert dem Hl. Martin von Tours geweiht war. Das Martinspatrozinium könnte auf frühmittelalterliche Wurzeln des Kirchleins hindeuten. Der Ort selbst wird als Smalnaha erstmalig 1130 erwähnt. Schon zu dieser Zeit ist eine Familie hier ansässig, die sich nach ihrem Sitz de Smalnaha nennt. Eine Kirche wird bereits im Jahr 1143 erstmals genannt, als Otto von Schmalnohe, einer der bedeutendsten Ministerialen der mächitgen Grafen von Sulzbach, die Kirche, einen befestigen Hof („Curtis“) und einen Wald an das Kloster Michelfeld schenkte. Schmalnohe war zu dieser Zeit einer der wichtigsten Verwaltungsmittelpunkte nördlich des Herrschaftszentrums Sulzbach. Die Herren von Schmalnohe war „Spitzengefolgsleute“ der Grafen von Sulzbach, die im 11. und 12. Jahrhundert zu den mächtigsten Adelsfamilien im Reich gehörten. Letzere stellten zur Zeit der Ersterwähnung von Schmalnohe u.a. eine deutsche Königin und die einzige deutschstämmige byzantinische Kaiserin, die jemals den oströmischen Thron bestieg.imgp3164klein.jpgimgp3185klein.jpg
Die aktuellen, bauvorgreifenden Voruntersuchungen können die außerordentliche Stellung des Ortes und seiner Kirche im hochmittelalterlichen Herrschaftsgefüge nördlich des Burgzentrums Sulzbach bereits eindrucksvoll bestätigen. Es zeichnet sich ab, dass der stehende Kirchenbau deutlich vor das 12. Jahrhundert zurückreicht. Von überregionaler Bedeutung sind besonders auch die bei den Voruntersuchungen im Boden angetroffenen Reste der in den Quellen erwähnten herrschaftlichen Curtis der Grafen von Sulzbach: Ein eindrucksvoller, in seinen Mauerstrukturen offenbar gut erhaltener, herrschaftlicher Saalbau von 15 m Länge und 7 m Breite, wohl mit Heizanlage direkt westllich der Kirche St. Martin, wohl aus dem späten 10./frühen 11. Jahrhundert, zahlreiche mittelalterliche Holzbauspuren, darunter möglicherweise Reste von Grubenhäusern, hochmittelalterliche Eisenverhüttungsöfen, sowie Teile des mittelalterlichen Friedhofs um die Kirche und wahrscheinlich der Befestigung der Curtis, sind nicht nur für die Region einmalig, sondern auch von überragender Bedeutung für die hochmittelalterliche Landesgeschichte des gesamten Herrschaftsraums des hochmittelalterlichen Nordgaus. Die angetroffenen archäologischen Reste sind eindrucksvolles Zeugnis hochmittelalterlicher Herrschaftsgeschichte des reichsweit agierenden Hochadelsgeschlechts der Grafen von Sulzbach und der Repräsentation von Herrschaft vom 10. bis zum 12. Jahrhundert. Die politische Gemeinde Edelsfeld und die katholische Kirchengemeinde Schlicht bestizt demnach ein weit über die Ortsgrenzen hinaus bedeutendes Bodendenkmal. Die bei der Vorunterschung erfassten archäologischen Reste sind im Bereich der Wegebaumaßnahmen zur Neugestaltung des Zugangs zur Kirche akut gefährdet und müssen daher in jedem Fall fachgerecht archäologisch untersucht werden.

Thema: Grabungsprojekte, Hintergründe | Kommentare (0)