Beiträge vom February, 2015

Wie alt ist St. Stephan in Stulln wirklich? - Erste baugeschichtliche Untersuchungen zu einem bemerkenswerten Kirchlein

Thursday, 19. February 2015 15:40

In Kürze werden wir an der Kirche St. Stephan in Stulln erste architekturgeschichtliche Untersuchungen beginnen, um dem Alter und der Baugeschichte dieses bemerkenswerten Kirchleins auf die Schliche zu kommen. Die kleine Siedlung wird im Jahr 1174 als Stulen in einer Urkunde des Bamberger Bischofs erstmals urkundlich fassbar. Dem Ortsnamen liegt althochdeutsch stuol “Stuhl, Sitz, Richterstuhl” zugrunde. Damit bietet Stulln möglicherweise eine spannende Parallele zum kleinen Ort Penk an der Naab vor, dessen Toponym Bank wahrscheinlich als “Gerichtsbank”, “Richterbank” zu deuten ist. Zu den Ergebnissen unserer Grabungen in Penk finden Sie einige Informationen, in dem Sie hier klicken.

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Wie bei der Kirche St. Leonhard in Penk, dessen Ursprünge bis in das 8./9. Jahrhundert zurückreichen und deren heute noch stehender Saal spätestens im 10. Jahrhundert erbaut wurde, handelt es sich bei St. Stephan in Stulln heute um eine Chorturmkirche, deren mächtiger Turm im 15. Jahrhundert an einen sehr viel älteren Kirchensaal angebaut wurde. Dessen Alter und der ursprüngliche Chroabschluss sind bislang unbekannt. Das Erscheinungsbild, die Proportionen und bautechnische Details des kleinen Saals deuten aber darauf hin, dass der Bau ein ähnlich hohes Alter besitzen könnte, wie die Penker Kirche. Die in der Denkmalliste des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege unter der Denkmalnummer  D-3-76-169-2 getroffene Einordnung der Kirche als “spätromanisch” ist mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht zutreffend.

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Die anstehenden Untersuchungen, die mit großzügiger finanzieller und ideeller Unterstützung der Gemeinde Stulln, stellvertretend Bürgermeister Hans Prechtl, durchgeführt werden, werden eine genaue Vermessung der Kirche, sowie eine Befundung innen sichtbarer Bauteile der ältesten erhaltenen Bauphase zum Ziel haben. Die dabei ersten Ergebnisse sollen ggf. zu einer weiteren, zielorientierten Untersuchung des stehenden Gebäudes überleiten. Wir sind sehr gespannt und werden Sie in der Schauhütte über den Fortgang dieses interessanten Projekts informieren.

Bild 1 © Mathias Hensch

Bild 2  © Bayerische Vermessungsverwaltung

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Der Stephansturm in Ensdorf – erbaut zur Zeit Kaiser Heinrichs IV.

Friday, 13. February 2015 19:59

Schon von Weitem grüßt der gut 20 m hohe Stephansturm in Ensdorf den Besucher des Klosterdorfs mit seinem pittoresken Treppengiebel und beeindruckender Glockenstube. Der Turm ist der letzte Rest der 1805 abgebrochenen Ensdorfer Pfarrkirche St. Stephan, deren Geschichte deutlich vor die Zeit der Gründung des Benediktinerklosters St. Jakobus in Ensdorf im Jahr 1121 zurückreicht.

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Liest man im “Dehio” noch, dass der Turm aus dem 16. Jahrhundert stammen soll, so erbrachten archäologische Untersuchungen durch Schauhütte-Archäologie vor nunmehr 10 Jahren zahlreiche wichtige Erkenntnisse zur Datierung des Turms und zur Frage nach der Anbindung des Turms an einen Kirchenbau.
Als ältester nachweisbarer Baukörper entstand nordöstlich des Turms ein in leicht nach Nordosten orientiertes Gebäude, bei dem es sich mit ziemlicher Sicherheit um eine Kirche gehandelt hat. Von diesem konnte ein kurzes Teilstück des trocken gesetzten Fundaments der Südwand aus großen Kalksteinblöcken sowie die Ausbruchgrube der Südwestecke nachgewiesen werden. Größe und Grundriss dieser Kirche(?) bleiben infolge der kleinen Grabungsfläche unklar. Sicher ist zumindest, dass das Bauwerk im nördlichen Bereich des heutigen Friedhofs stand und weit über die heute bestehenden Grundstücksgrenzen hinausreichte. Die Kirche war offenbar im Vergleich zu den Nachfolgebauten deutlich mehr nach Nordosten orientiert. Der Einzelfund eines menschlichen Langknochenfragments unterhalb des ältesten Fundamentrestes könnte einen Hinweis auf einen Friedhof und somit auf einen noch älteren Sakralbau an dieser Stelle geben, von dem sich ansonsten jedoch keine Reste feststellen ließen. Aus der ältesten nachweisbaren Kulturschicht zu deren Entstehungszeit die frühe Mauer bereits bestanden haben muss bzw. die bauzeitlich zu dieser sein könnte, wurden zwei Holzkohleproben radiokarbondatiert, um genauere Informationen zur Erbauungszeit des ältesten Gebäudes zu erhalten. Probe 1 ergab ein C14-Alter von 996 ± 53 Radiokarbonjahren, was nach der Kalibrierung einer wahrscheinlichsten Datierung von 987 – 1049 n. Chr. entspricht. Probe 2 ergab ein C14-Alter von 1063 ± 52 Radiokarbonjahren, mit einer wahrscheinlichsten Datierung cal. 947 – 1020 n. Chr. Der gewichtete Mittelwert aus diesen Daten liegt bei 1037 ± 37 Radiokarbonjahren, was einer wahrscheinlichsten Datierung von cal. 950 – 1020 n. Chr. entspricht. Aus einer jüngeren Überdeckungsschicht der Fundamentoberkante konnten einige Keramikfragmente geborgen werden, die im weitesten Sinne „frühmittelalterlich“ sind. Der zugehörige Kirchenbau dürfte demnach während des 11. Jahrhunderts gestanden haben. Seine Errichtung darf man damit wohl vorsichtig in das späte 10. Jahrhundert verlegen.

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Zeitgleich mit den archäologischen Untersuchungen wurde die Bauforschung am Objekt durch Stefan Ebeling (Regensburg) durchgeführt, die als Grundlage für ein Sanierungskonzept des BLfD dienen sollen. Neben einem steingerechten Aufmaß gehörte hierzu auch die dendrochronologische Untersuchung der originalen Geschossbalkenlagen im Turminneren, die von Georg Brütting (Bamberg/Ebermannstadt) vorgenommen wurde. Bei der Balkenlage zwischen Erd- und 1. Obergeschoss hatte sich die Waldkante mit 12 Splintholzjahrringen erhalten. Der letzte Jahrring datiert 1074; der Baum wurde folglich im Herbst/Winter 1074/75 gefällt. Baubeginn war demnach das Jahr 1075. Der Glockenturm wurde von den Baumeistern dem ältesten Kirchenbau an dessen Südwestecke frei stehend vorgesetzt, war also ein „echter“ Campanile. Ferner konnte der Nachweis erbracht werden, dass der Turm in einem Zuge erbaut wurde und auch die imposante Glockenstube mit Ausnahme des Treppengiebels zur Bauphase von 1075 gehört. Sicher ist außerdem, dass das Bauwerk im späten 11. Jahrhundert verputzt und weiß getüncht, das Mauerwerk also ursprünglich nicht auf Sicht gearbeitet war. Bei den Grabungen im Innenraum konnte der ursprüngliche Estrichfußboden im Untergeschoss gut 1,80 m unter dem heutigen Niveau erfasst werden.

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Einmalige baugeschichtliche Details haben sich in einigen Fensteröffnungen erhalten: Die für die Abmauerung der Bögen benötigten Schalhölzer wurden durch gespaltene, halbrund gebogene und unten angespitzte, bis heute hervorragend konservierte Hasel- oder Weidenruten gehalten, die ihrerseits in horizontal eingemauerte Holzbretter am Ansatz des Bogens gesteckt waren und somit auf Spannung gehalten wurden.

Im frühen 12. Jahrhundert errichtete man nordwestlich des Turms ein massives, Steingebäude in Kleinquadermauertechnik, dass der Nordwestecke des Stephansturms vorgelagert war und nach Westen im Bereich des heutigen Stephansplatzes sowie nach Norden auf dem Nachbargrundstück stand. Die Ostmauer dieses Bauwerks hat sich unterhalb der heutigen westlichen Friedhofsmauer in mindestens 16 Lagen im aufgehenden Mauerwerk erhalten. Dass diese Mauer zu einem Kirchenbau gehört hat ist unwahrscheinlich, da mit dem Mauerstück wahrscheinlich die Ostmauer erfasst ist und das Gebäude sich somit offenbar nach Westen erstreckte. Die außerordentliche gute Bauqualität dieser Mauer lässt jedenfalls auf einflussreiche Bauherren schließen.

Östlich dieser Mauer und nördlich des Turms wurden weitere Mauerreste freigelegt, die ebenfalls in das 12. Jahrhundert zu datieren sind und möglicherweise zu einem Kirchenbau gehört haben. Die Westwand wurde direkt östlich der Ostmauer des Steingebäudes, die Südwand unmittelbar nördlich der Turmnordwand aufgeführt. Bemerkenswert ist, dass dabei weder die Außenwand des älteren Steingebäudes, noch die Außenwand des Turms in den Kirchenbau integriert wurden, obwohl diese Lösung aus heutiger Sicht durchaus sinnvoll erscheinen würde. Die Fundamentierung von Bau II macht für ein romanisches Bauwerk einen verhältnismäßig „schlampigen“ Eindruck. Anhand der Schichtenabfolge war zu erkennen, dass dieser Kirchenbau während des 14. Jahrhunderts nicht mehr gestanden haben dürfte, da eine Grabgrube, in dessen Verfüllung sich Keramik des späten 13./14. Jahrhunderts fand, das Fundament der Nordwand von Bau II durchschlug. Durch tiefgreifende Störungen infolge der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Friedhofsnutzung waren die Reste dieses Kirchenbaus ebenfalls nur sehr fragmentarisch erhalten, so dass genauere Aussagen auch zu diesem Bauwerk kaum zu treffen sind. Vielleicht steht die Errichtung von Kirche II in Zusammenhang mit der Gründung eines Frauenkonvents in Ensdorf um die Mitte des 12. Jahrhunderts, wobei Zeit- und Geldmangel für eine vermeintlich schlechte bauliche Ausführung verantwortlich gewesen sein könnten.

Wahrscheinlich während des 14. Jahrhunderts ersetzte man Kirchenbau II durch einen Neubau, der bis zum Jahr 1805 Bestand hatte. Bau III setzte unmittelbar an die Nordostecke des Stephansturms an, integrierte diesen also in den Kirchenbau. Ob mit dem festgestellten Bruchsteinfundamen ein Teil der Süd- oder aber der Nordwand dieser Kirche erfasst wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die Kontinuität des Standorts der älteren Kirchen nördlich des Turms spricht eher dafür, in dem Mauerstück den Ansatz der Südwand zu sehen. Alle nachgewiesenen Kirchenbauten hätten demnach mit ihrer nördlichen Hälfte auf dem heutigen Nachbargrundstück gestanden. Nach dem Abbruch der letzten Kirche dürfte das ehemalige Kirchenareal geteilt worden sein, die südlich Hälfte wurde in den Friedhof mit einbezogen, während die nördliche Hälfte einer privaten Nutzung zugeführt wurde. Die nördliche Friedhofsmauer, die offensichtlich überwiegend aus sekundär verwendeten Steinmaterial der mittelalterlichen Bebauung errichtet wurde, spiegelt somit erst den Zustand der Parzellierung nach 1805 wider. Möglicherweise gehörte die Kirche St. Stephan im Hochmittelalter zum wüst gefallenen bzw. in Ensdorf aufgegangenen Dorf Weilenbach. Hier ist für das frühe 12. Jahrhundert ein Minsteriale Eberhart de Willenbach als Gefolgsmann Kunos von Horburg, einem Bruder Graf Berengars von Sulzbach nachweisbar. Demnach wären nicht wie lange Zeit angenommen die Herren von Pettendorf-Hopfenohe-Lengenfeld Eigenkirchenherren von St. Stephan gewesen, sondern die reichspolitisch hoch bedeutende Sippe der Grafen von Sulzbach. Diese Deutung gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn man bedenkt, dass sich ursprünglich ein für das 11. Jahrhundert sicherlich äußerst kostspieliges Geläut in der Glockenstube des Stephansturms befunden haben muss. Die Familie der Sulzbacher Grafen mit ihren für das späte 11. Jahrhundert nachweisbaren engen Beziehungen zum salischen Königshaus sowie zu den bayerischen Pfalzgrafen von Rott war sicher in der Lage, ein derartig kostspieliges Unterfangen in die Realität umzusetzen. Dass die Grafen von Sulzbach die Kirchen auf ihren Ministerialensitzen mit teuren Glocken ausstatteten, belegt die noch heute in Nutzung befindliche „Theophilus-Glocke“ in Thurndorf (Lkr. Neustadt a. d. Waldnaab) aus dem zweiten Viertel des 12. Jahrhunderts.

Die Gemeinde Ensdorf besitzt mit dem Stephansturm eines der ältesten vollständig erhaltenen Bauwerke Bayerns und ein fast tausend Jahre altes Zeugnis christlichen Lebens in der mittleren Oberpfalz.

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Das Dachwerk der Martinskirche von Ermhof - was alte Fotos über dessen Konstruktion und Alter varraten können

Friday, 13. February 2015 10:49

Fotografien, die die Ermhofer Martinskirche kurz vor deren Abbruch im September 1979 zeigen, lassen einen interessanten Blick in das bis zum Abriss erhaltene Dachwerk der Kirche zu. Nachdem in den letzten Lebensjahren das Dach schadhaft wurde, stürzte der nördliche Teil Dachstuhl über dem Chor ein und gab einen Blick in das Innere des Dachstuhls über dem Saal frei.

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Demnach handelte es sich um ein einfaches Sparrendach mit zwei an die Sparren angeblatteten Kehlbalken, wie die auf den Fotos deutlich sichtbaren Blattsassen beweisen. Auch die Sparrenköpfe waren miteinander verblattet, und zwar nicht nur im Dachwerk des Saals, sondern auch über dem Chor. Die Bilder deuten ferner darauf hin, das es möglicherweise einen liegenden Dachstuhl gab, wobei die liegenden Stuhlsäulen offenbar keine Verbindung mit der Sparren-Kehlbalken-Konstruktion hatten. Somit liegt der Verdacht nahe, dass dieser (vermutete) liegende Stuhl erst nachträglich in ein älteres Dachwerk eingebaut wurde, um dessen Stabilität zu erhöhen. Das ursprüngliche Dachwerk der Kirche würde demnach eine sehr einfache und frühe Art der Dachkonstruktion repräsentieren. Dachwerke dieser Bauweise können bis mindestens in das 13. Jahrhundert und noch weiter zurückreichen.
Über die Entwicklung mittelalterlicher Dachwerke in der Oberpfalz ist bislang so gut wie nichts bekannt. Lange wurde davon ausgegangen, dass die Entwicklung zum Sparrendach in Bayern und Franken, im Gegensatz zur Entwicklung im norddeutschen Raum erst um 1200 einsetzte. Diese Annahme, die auch von archäologischer Seite vertreten wurde, fußte zum einen auf der Rekonstruktion früh- und hochmittelalterlicher Grabungsbefunde im süddeutschen Raum, sowie auch auf einer Analyse der ältesten erhaltenen Sparrendächer, die in Regensburg aus dem 13. Jahrhundert stammen. In den letzten Jahren wurde dieser späte Datierungsansatz zum Aufkommen des Sparrendachs jedoch, motiviert von der Deutung neuer Befunde zum Hausbau des frühen und hohen Mittelalters in Bayern, besonders von archäologischer Seite grundsätzlich und mit guten Argumenten in Frage gestellt. Demnach waren einfache Sparrendächer in Nordbayern bereits im Frühmittelalter bekannt.
Die einfache Dachkonstruktion der Kirche in Ermhof lässt erkennen, dass der 1979 dem Bagger zum Opfer gefallende Dachstuhl sicher zu den ältesten Dachwerken der Oberpfalz gehört hat. Selbst wenn diese Dachkonstruktion auf eine damals “altmodische Art”  konstruiert worden sein sollte, besteht kein Zweifel über dessen mittelalterliche Zeitstellung. Leider sind die Balken des Dachstuhls nicht mehr erhalten. Eine dendrochronologische Untersuchung hätte hier sicher absolute Klarheit über das Alter des Dachstuhls der Ermhofer Martinskirche erbracht.

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Besuchen Sie die Historische Informationsstätte St. Martin in Ermhof und deren Facebookseite

Monday, 9. February 2015 21:53

Viele interessante historische Informationen, eingebettet in eine wunderbare Wanderung durch die Hersbrucker Schweiz und/oder das Sulzbacher Land - besuchen Sie die Historische Informationsstätte St. Martin Ermhof. Bis in die Zeit um 800 reicht die Geschichte der Martinskirche… Informieren Sie sich vor Ort und verbinden Sie Ihren Ausflug mit einer Tour durch die landschaftlich und historisch spannende Gegend zwischen Hersbruck und Sulzbach-Rosenberg - eine viel zu wenig beachtete wunderbare Gegend im Grenzgebiet von Franken und der Oberpfalz… - und auch virtuell können Sie einen Blick auf die Historische Informationsstätte St. Martin in Ermhof werfen, unter diesem Link. Über ein ehrliches Feed-back freuen wir uns.taufeklein.jpg

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Thema: Grabungsprojekte, Hintergründe, Was wir bieten - 3D-Archäologie & Visualisierungen | Kommentare (0)