Beiträge vom August, 2016

Die karolingischen Meisterschmiede von Kümmersbruck? Zwischenergebnisse der Anthropologie und spannende Fragen…

Monday, 22. August 2016 11:54

Bei unseren Untersuchungen am Bachweg in Kümmersbruck trafen wir inmitten des karolingerzeitlichen Schmiedeareals auf zwei Männergräber. Die anthropologische Untersuchung der Skelette durch den Hechinger Anthropologen Steve Zäuner erbrachte nun sehr interessante Einblicke in die Lebensumstände dieser Männer, die auch hinsichtlich eines Zusammenhanges von Gräbern und Handwerksareal von Bedeutung sein könnten.
In einer zum Teil mit Steinen umstellten Grabgrube lag ein etwa 30 bis 50 jähriger Mann, bei dem die Ansatzstellen der Muskeln an den Knochen auf einen drahtig wirkenden Typ schließen lassen. Er hatte Körperhöhe von etwa 1,67 m. Der Mann im zweiten Grab, das sich durch einen außergewöhnlichen Grabbau mit mächtiger Steinpackung auszeichnete wurde zwischen 50 und 70 Jahre alt und besaß einen kräftigeren Körperbau und war mit bis zu 1,75 m auch deutlich größer, als sein Grabnachbar.
Beide Männer weisen eine auffällig starke Abnutzung der Zähne auf, litten unter Parodontose und schwerwiegenden Kariesbefall. Einige Zähne wurden durch die Zahnfäule bis auf die Wurzeln zerstört und es finden sich gleich mehrere Fisteln in den Kiefern. Auch der Gaumen war von Entzündungen betroffen. Wahrscheinlicher war hierfür eine kohlenhydratreiche Nahrung, etwa Getreidebreie, verantwortlich. Vorhandener Zahnstein weist darauf hin, dass daneben aber auch eiweißreiche Nahrung eine Rolle bei der Ernährung spielte. Die vorgefundenen Erkrankungen im Mundraum haben nicht nur große Schmerzen verursacht, sondern dürften aufgrund ihrer Schwere auch Auswirkungen auf den gesamten Organismus gehabt haben. Kariöse Zähne und Abszesse können das Herz angreifen und zu schwerwiegenden Problemen bis hin zum Infarkt führen.
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Beide Männer litten zudem an Arthrose der Wirbelsäule, die auf hohe Belastung verursacht wird, beispielsweise durch das Tragen schwerer Lasten und harte körperliche Arbeit. Arthrotische Veränderungen finden sich auch an anderen Stellen, etwa an den Fingern. Auffällig ist, dass die linke Schulter des grazilen Mannes deutlich stärkere Belastungsspuren anzeigt als die rechte. Möglicherweise war er Linkshänder. Dagegen war beim kräftigeren Mann aus dem „Steinpackungsgrab“ die rechte Schulter stärker betroffen. Seine Schlüsselbeine weisen deutliche Einkerbungen auf, was auf starke Muskelbelastungen des Schulterbereichs hinweist. Sehr auffallend war bei ihm zudem eine kräftige, in Bereich der Ellenbogen sogar sehr kräftige Muskulatur.
Neben den aufgezählten Gemeinsamkeiten zeigen die Männer natürlich auch individuelle Unterschiede. Riefen im Schmelz mancher Zähne des älteren Mannes, sogenannte Schmelzhypoblasien, deuten auf Phasen von Mangelernährung in dessen Kindheit hin. Dabei ist „Mangel“ nicht automatisch gleichzusetzen mit „Hunger“. Schmelzhypoblasien entstehen beispielsweise oft während der Entwöhnung, wenn das Kind auf selbständige Nahrungsaufnahme umgestellt wird. Eine einseitige Ernährung kommt für die Entsteung solcher Schmelzhypoblasien ebenfalls in Betracht.
Beide Männer litten zudem unter Hüftgelenksarthrose. Es finden sich bei beiden sowohl eine “Hockerfacette”, als auch eine “Reiterfacette”. Hockerfacetten entstehen, wenn ein Individuum von klein auf eine hockende Sitzstellung einnimmt, wie man sie gut bei spielenden Kleinkindern im Sandkasten beobachten kann. Bei Erwachsenen kann sie auf eine entsprechende oft geübte Haltung beim Arbeiten hindeuten. Gleiches gilt für die sogenannte Reiterfacette. Sie zeigt ein regelmäßiges Spreizen der Beine an und ist daher nicht automatisch ein Nachweis für reiterische Tätigkeit. Bei dem älteren Mann lässt sich außerdem eine starke Belastung der an der Kniescheibe eine stärkere Belastung des betroffenen Knies an.
Die Spuren an den Skeletten legen nahe, dass beide Männer schweren körperlichen Belastungen ausgesetzt waren, wobei Art und Umfang der Tätigkeiten nicht allein anhand der Skelette ermittelt werden können. Die vorgefundenen Muster entsprechen interessanterweise denen, wie sie für Schmiedetätigkeiten anzunehmen wären.
Nach der archäologischen Situation und den 14C-Datierungen gehören die Gräber am Kümmersbrucker Bachweg wahrscheinlich in die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts. Da wir aus archäologischer Sicht wissen, das zu dieser Zeit die Produktion an diesem Platz begonnen haben muss, ist es nicht auszuschließen, dass beide Männer wichtige Funktionen innerhalb der karolingerzeitlichen Schmiedewerkstätten bekleidet haben.
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Aus keltischem, germanischen, merowinger- und wikingerzeitlichen Zusammenhängen kennen wir zahlreiche Gräber von Schmieden, in denen dem Schmied seine Werkzeugausstattung als Beigabe mit in das Grab gegeben wurde. Die Zeit, aus der die beiden Kümmersbrucker Gärber stammen, das 8. Jahrhundert, war in der heutigen Oberpfalz eine Zeit religiöser und sozialer Umbrüche, in der die Bevölkerung zwar nicht mehr vollständig heidnisch, doch längst noch nicht frei von althergebrachten Glaubensvorstellungen war. Da besonders die Sitte, den Toten Gegenstände für das Leben im Jenseits mitzugeben, als heidnisch und somit unchristlich empfunden wurde, verschwindet die sie im Laufe des 8. Jahrhunderts mehr und mehr. Was also tun, wenn man aufgrund kanonischer Vorschriften dem verdienten Schmiedemeister kein Werkzeug mehr mitgeben darf? Wenn die Schmiedewerkstatt also nicht in das Grab des toten Meisters gelegt werden darf, war es dann vielleicht (noch) möglich, dass das der tote Meister zu seiner Schmiedewerkstatt kam und nachfolgenden Schmiedemeistern durch seine Anwesenheit zur Seite stehen konnte? Wir finden, das ist ein ziemlicher spannender Gedanke…

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Text und Bilder: © Mathias Hensch und Steve Zäuner.

Siehe auch: http://www.anthropol.de/

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Der Stephansturm in Ensdorf - Ein steinernes Zeugnis aus der Zeit Kaiser Heinrichs IV.

Wednesday, 10. August 2016 22:01

Ensdorf im Lankreis Amberg-Sulzbach besitzt eines der ältesten erhaltenen Bauwerke Nordostbayerns: Den sog. Stephansturm. Der Glockenturm ist der letzte Rest der 1805 abgebrochenen Pfarrkirche St. Stephan, deren Geschichte deutlich vor die Zeit der Gründung des Benediktinerklosters St. Jakobus am Ort im Jahr 1121 zurückreicht. Archäologische und baugeschichtliche Untersuchungen im Bereich des Turms durch Schauhütte Archäologie erbrachten interessante Erkenntnisse zur Baugeschichte der Stephanskirche. Ein erster archäologisch fassbarer Kirchenbau unbekannter Größe entstand an diesem Platz demnach wohl spätestens im 9./10. Jahrhundert.

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So ließen sich Teile eines trocken gesetzten Fundaments der Südwand einer frühen Steinkirche nachweisen. Menschliche Knochen aus der Baugrube belegen die Nutzung des Areals als Friedhof schon vor der Errichtung dieser Kirche, so dass es wahrscheinlich einen noch älteren Vorgängerbau gab, der sich zur Zeit noch dem archäologischen Nachweis entzieht. In einer zweiten Bauphase wurde der Südwestecke dieses Kirchenbaus der noch heute stehende Stephansturm als frei stehender Campanile vorgesetzt. Neben der archäologischen und bauforscherischen Untersuchung des Turms gelang es Georg Brütting von der Universität Bamberg) durch die dendrochronologische Untersuchung der originalen Geschossbalkenlagen zwischen dem Erd- und ersten Obergeschoss dessen Baujahr exakt zu bestimmen: Baubeginn war demnach das Jahr 1075 – ein Jahr heftigster Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. um die Investitur der Bischöfe.
Der Turm wurde in einem Zuge erbaut und auch die imposante Glockenstube mit Ausnahme des Treppengiebels gehört zur Bauphase von 1075. Ursprünglich war das Bauwerk außen verputzt und getüncht.
Neben zahlreichen Gerüsthölzern haben sich einmalige baugeschichtliche Details in einigen Fensteröffnungen erhalten: Die für die Abmauerung der Bögen benötigten Schalhölzer wurden durch gespaltene, unten angespitzte, halbrund gebogene, hervorragend konservierte Haselruten gehalten, die ihrerseits in horizontal eingemauerte Holzbretter am Ansatz des Bogens gesteckt und dadurch auf Spannung gehalten wurden. Diese sehen aus, als wären sie gerade verbaut worden und sind doch 941 Jahre alt…

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Kurz nach dem Turm errichtete man nordwestlich von diesem ein profanes Steingebäude, dessen Ostmauer in der heutigen Friedhofsmauer am Stephansplatz noch zu großen Teilen im aufgehenden Mauerwerk erhalten ist. Dieses Gebäude war äußerst qualitätvoll ausgestattet.
Möglicherweise gehörte die Kirche St. Stephan zum einem (früh- und) hochmittelalterlichen Herrenhof im wüst gefallenen bzw. in Ensdorf aufgegangenen Dorf Weilenbach. Schon 1115 schenkt Kaiser Heinrich V. das Gut “Wilinbac” dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach. In den 1130er Jahren ist der Ort in Besitz der Wittelsbacher mehrfach fassbar. Die herrschaftliche Konstellation mit Königsgut in “Wilinbac” und der Übergang an die Wittelsbacher könnte die hohe Bauqualität des Turms und des archäologisch erfassten „Repräsentationsgebäudes“ westlich der Stephanskirche erklären.

Die Erwähnung eines Minsterialen Eberhart de Willenbach als Gefolgsmann Kunos von Horburg, einem Halbbruder Graf Berengars von Sulzbach, im frühen 12. Jahrhundert könnte zudem dafür sprechen, dass auch Herrschaftsträger aus dem reichspolitisch bedeutenden Familiengeflecht der Grafen von Sulzbach in Weilenbach Besitz hatten.
Wie dem auch sei, die Gemeinde Ensdorf südlich von Amberg besitzt mit dem Stephansturm eines der ältesten vollständig erhaltenen Bauwerke Nordbayerns und ein sichtbares, fast tausend Jahre altes Zeugnis christlichen Lebens in der mittleren Oberpfalz.
Vielen Dank an die Ensdorfer Ortsheimatpflegerin Isabel Lautenschlager vom Naturpark Hirschwald für die heutige Öffnung des Turms zum (erneuten) fotografieren.

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