Beiträge vom May, 2017

Neue Daten zur Erbauungzeit der ehemaligen Kirche St. Martin (heute St. Otto) in Schmalnohe - ein Kirchlein aus der Karolingerzeit!

Friday, 26. May 2017 20:04

Alles deutet darauf hin - der winzige Ort Schmalnohe bei Edelsfeld nördlich von Sulzbach-Rosenberg besitzt eine der ältesten Kirchen Nordostbayerns.
Vergangene Woche nun erhielten wir die drei letzten von insgesamt sechs 14C-Daten zur ältesten Bauphase der Kirche in Schmalnohe, die dankenswerterweise durch das Bayerische Landesamt für Denkamlpfelge finanziert wurden. Mit den im Februar diesen Jahres entnommenen Proben sollte die sich bereits 2014/2015 abzeichnende sehr frühe Erbauungszeit des Kirchleins noch einmal kontrolliert bzw. abgesichert werden, da daiterendes keramisches Fundmaterial zum Bau der Kirche leider nicht geborgen werden konnte.


18699436_1326599100727135_1533327677104445879_o.jpg Die neuen Proben können das sich abzeichnende Bild bestätigen: Keine der Proben datiert jünger als in das 8./9. Jahrhundert! Errechnet man aus den dicht beianderliegenden 14C-Daten ein gewichtetes Mittel, so erhält man ein Kalenderalter von 767 bis 873 n. Chr., wobei die größten Wahrscheinlichkeiten in diesem Zeitabschnitt von 770 bis 812 n. Chr. liegen. Somit ist davon auszugehen, dass die Kirche (ehem.) St. Martin in Schmalnohe tatsächlich in der Karolingerzeit errichtet wurde. Sie gehört damit nicht nur zu den frühesten bekannten Kirchengründungen in der heutigen Oberpfalz, sondern auch zu den ältesten, in Teilen erhaltenen Sakralbauten nördlich der Alpen, da große Teile der stehenden West- und Südwand noch aus der ältesten Bauphase stammen.


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Die karolingische Kirche war ein 12 m langer und 6,5 m breiter Saalbau mit auffallend kleinem Rechteckchor. Bei unseren Untersuchungen im Inneren des Chores konnten wir u.a. einen möglicherweise bauzeitlichen Ziegelmehlestrich sowie Reste einer sehr frühen Bemalung des Altarblocks feststellen. Neben einer roten Bemalung aus einfachen Sternen, ließ sich hier u.a. auch das Motiv einer gewundenen Schlange erkennen, das vielleicht an alttestamentarische Szenen denken ließe. Eine genaue Analyse der Malereireste durch eine(-n) in der früh- und hochmittelalterlichen Kirchenmalerei versierten Kunsthistoriker(-in) könnte zur Datierung dieser Malereireste genauere Aussagen ermöglichen.

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Nur zwei Meter westlich der Kirche stand übrigens ein 15 m langes Steingebäude, das exakt so breit war wie die Kirche und deren Ausrichtung axial übernahm. Auch für dieses Gebäude, das wahrscheinlich geringfügig jünger ist, als die Kirche, deuten mehrere 14C-Daten aus Holzkohlen im Setzmörtel auf eine (spät-)karolingische Erbauungszeit hin. Der gesamte Baukomplex gehörte zu einem zwischen 1119 und 1139 erstmals genannten Herrenhof der Grafen von Sulzbach, deren Ministeriale sich nach Schmalnohe “de Smalnaha” nannten.
Wir finden, diese sehr frühe Datierung ist tatsächlich sensationell und gehört weit über die Grenzen der Oberpfalz hinaus beachtet…!

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Ungewöhnliche Bestattungen in Bauchlage am Amberger Spital - ein Update

Wednesday, 24. May 2017 20:26

Wir möchten an dieser Stelle noch einmal kurz auf die ungewöhnlichen Bauchlagen in den Mehrfachgräbern des 14. Jahrhunderts zurückkommen. Nach dem Abbau der oberen Skelette stellt sich die Bestattungslage eines Mannes im 7er-Grab 232 nämlich wiederum als sehr ungewöhnlich dar…
Der Leichnam wurde in Bauchlage von Norden nach Süden schräg nach unten in die Grabgrube gelegt (nicht geworfen). Der Kopf des Toten wurde dabei in einer extrem scharfen Krümmung unter dessen linken Oberarm und die linke Brust gedrückt, so dass das Gesicht nach innen zum Körper gerichtet war. Hierbei wurde die Brust- und Halswirbelsäule extrem stark gekrümmt, was möglicherweise nur durch einen nicht unerheblichen Kraftaufwand möglich war. Die Grabgrube wäre für eine ausgestreckte Lage des Toten reichlich groß genug gewesen. Für das seltsame Einklemmen des Kopfes unter den Oberkörper scheint daher eine intentionelle Handlung, in Verbindung mit der Bauchlage durchaus nahe liegend zu sein, ohne dass wir sagen könnten, welche Motivation dieser Positionierung des Toten tatsächlich zugrunde gelegen haben wird.

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Unterhalb dieses “Bauchliegers” lag zudem zuunterst ein weiterer Mann, der auf dem Rücken mit nach oben angewinkelten Beinen und beiden Füßen mit der Fußsohle auf dem Boden in fast “schreitender” Postion beigesetzt wurde. Damit das rechte Bein in dieser Position verblieb, wurde der Kniebereich mit einer größeren Steinsetzung zusätzlich stabilisiert.

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Mit den bislang angetroffenen mittelalterlichen Bestattungen am Amberger Spital dürfte dieser Bestattungsplatz schon jetzt zu den ungewöhnlichsten und aus mentalitätsgeschichtlicher Sicht spannendsten (spät-)mittelalterlichen Friedhöfen an Kirchen gehören, die wir bislang archäologisch kennen… wir werden weiter berichten.

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Spitalgrabung Amberg: Noch mehr Seuchentod, noch mehr gebohrte Löcher im Kopf und noch mehr Angst vor Untoten?

Tuesday, 23. May 2017 17:14

Nachdem sich die Wogen um den nächtlichen Besuch und den Diebstahl auf unserer Grabung etwas geglättet haben, hier nun ein sehr sehr interessantes neues Update inhaltlicher Art…
Über ein Grab mit Schädeltrepanation und eine Mehrfachbestattung haben wir ja bereits vor einiger Zeit gebloggt. An dieser Stelle möchten wir diese Aspekte mit neuen Befunden noch einmal vertiefen. Tatsächlich kamen, wie in dem Videoblog vom 27. April zur Mehrfachbestattung bereits “seherisch” vermutet, weitere Mehrfachgräber des 14. Jahrhunderts zum Vorschein, in denen sich die sterblichen Überreste von bis zu sieben bis neun Individuen befanden. Der Verdacht scheint sich also zu erhärten, dass wir hier einen archäologischen Niederschlag eines größeren Seuchengeschehens vor uns haben, der vielleicht mit der großen Pest von 1349-1351 in Verbindung steht.

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Auffallend ist nun zudem, dass in jedem der drei Mehrfachgräber jeweils ein männliches Individuum auf dem Bauch liegend, mit dem Gesicht nach unten bestattet wurde. Das dritte Bild zeigt einen dieser “Bauchlieger” nach dem Abbau der oberen Skelette. Vielleicht liegt in der Deutung als “Pestbegräbnisse” eine mögliche Erklärung für diese Bauchlagen, die aus mittelalterlich-christlicher Sicht eigentlich nicht zulässig waren. Bestattungen in Bauchlage wurden nämlich auch als Abwehrzauber gegen sich ausbreitende Seuchen geübt. Eindrucksvoll wird dies in einem Bericht eines Benediktinermönchs der Abtei Prüm in der Eifel aus dem Jahr 1622 deutlich, der drastische Maßnahmen der Einwohner von Matzen bei Bitburg gegen die Pest beschreibt. Demnach soll jeweils ein Pestopfer mit dem Gesicht nach unten begraben werden, um die bösen Mächte zu besänftigen und auf diese Art der Seuche Einhalt zu gebieten.

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Als ob der archäologische Befund auf dem Amberger Friedhof nun nicht schon spannend genug wäre, barg der auf dem Bauch begrabene Mann im Grab 233 mit fünf Toten ein weiteres hoch interessantes Detail. Dem Toten hatte man nämlich einen großen Kalkstein direkt auf dem Hinterkopf gelegt und seinen Schädel zusätzlich mit Steinen umstellt. Das fünfte Bild lässt diese Befundsituation eindrucksvoll erkennen. Das “Beschweren” des Toten mit großen Steinen lässt wiederum an die Angst vor Wiedergängern und Untoten denken, wie wir sie u.a. bereits bei dem enthaupteten Mann aus Grab 200 vorgestellt hatten.

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Nach dem Entfernen des großen Kalksteines zeigte sich zu unserer Überraschung schließlich, dass man auch den “Bauchlieger” aus Grab 233 am Hinterkopf trepaniert hatte, indem man ihm ein im Durchmesser ca. 1 cm großes Loch in den Schädel gebohrte. Die scharfkantigen Knochenränder zeigen, dass der Mann diesen Eingriff nicht überlebte, wenn man die Durchbohrung nicht sogar erst kurz nach seinem Ableben vorgenommen hat. Über Schädeltrepanationen im Mittelalter hatten wir bei der Vorstellung von Grab 228 ja bereits kurz gebloggt… Hatte man also Angst davor, dass der Mann in Grab 233 als Wiedergänger Unheil anrichten könnte, so dass man versuchte, ihn durch das Beschweren des Kopfes im Grab zu halten? Wollte man mit der Schädelbohrung etwa erreichen, dass das - im weitesten Sinne - Böse aus ihm entweichen konnte?
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Wir Archäologen sind keine Mentalitätshistoriker, doch können uns diese Befunde eine unglaublich spannende Perspektive auf die Vorstellungswelten der spätmittelalterlichen Menschen ermöglichen, auch wenn manches hypothetisch bleiben muss…

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Planung eines Projekts zur mittelalterlichen Eisenverhüttung im Höllbachtal bei Brennberg

Saturday, 13. May 2017 19:48

Erstes Sondierungstreffen im Gelände zur Planung eines kleinen Leader-Projekts zur mittelalterlichen Eisenverhüttung im schönen Höllbachtal bei Brennberg im Landkreis Regensburg, das wir fachlich und wissenschaftlich betreuen und konzeptionell mitgestalten werden.

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Hier stehen die örtlichen Initiatoren und Mitstreiter am Standort eines neuzeitlichen Kohlemeilers in der Flur “Kohlstatt”.
Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit der Gemeinde Brennberg, der Abteilung Regionalentwicklung und Wirtschaft im Landratsamt Regensburg und dem Lehrstuhl für Ökologie und Naturschutzbiologie der Universität Regensburg…

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Gebohrte Löcher im Kopf - Schädelchirurgie im Amberg des 14. Jahrhunderts

Tuesday, 2. May 2017 19:04

Aus medizinhistorischer Sicht sehr spannend ist ein Befund am Schädel eines jungen Ambergers in Grab 226/228, der während des 14. Jahrhunderts verstarb und zeitgleich mit einem Kleinkind beigesetzt wurde. Hatte es zunächst den Anschein, als dass es sich um ein weibliches Individuum handelte (wie zuvor von uns voreilig gepostet), zeigte sich beim Bergen des Skeletts am heutigen Tag, dass das Becken ganz eindeutig männliche Geschlechtsmerkmale aufweist. Die Grablege lässt eine enge Bindung beider vermuten. Das Kind wurde dem relativ grazilen Mann auf die Beine gelegt.
imgp9736.jpgAn der Schädeldecke des jungen Mannes wurden wahrscheinlich kurz vor seinem Tod von außen insgesamt fünf Bohrungen vorgenommen, wobei das Bohrgerät viermal angesetzt, die Schädeldecke aber nicht durchstoßen wurde. Bei zwei dieser Bohrungen lässt sich erkennen, dass die Bohrspitze beim Bohren zur Seite abrutschte und eine Kerbe im Knochen hinterließ, möglicherweise, weil der Patient während des Vorgangs nicht still hielt. Erst der fünfte Versuch durchstieß offenbar die Schädeldecke und hinterließ ein etwa 0,5 cm großes Loch im Knochen. Die scharfkantigen Ränder des Loches zeigen keinerlei Spuren einer Knochenheilung, so dass man wohl davon ausgehen muss, dass der Patient diesen Eingriff nicht überlebt hat, falls er nicht schon zuvor verstorben gewesen sein sollte…
img_20170427_114147.jpgDas Verfahren, Schädelknochen am lebenden Patienten mechanisch an- oder aufzubohren, ist seit der Vorgeschichte als Schädeltrepanation bekannt. (mittellateinisch “trepanatio”, griechisch “σθτπαμομ”, “Bohrer”). Im früheren Mittelalter waren Trepanationen an lebenden Menschen verboten, so dass mittelalterliche Befunde generell selten sind. Erst ab dem 13. Jahrhundert lassen sich in Mitteleuropa im archäologischen Skelettmaterial vereinzelte Schädeltrepanationen belegen. Neben chirurgischen Werkzeugen wie Hammer, Meißel oder Messer, kamen offenbar auch Bohrer oder Ahlen zum Einsatz. Etwa 90 Prozent der archäolgisch bekannten Trepanationen wurden bei Männern vorgenommen.
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Historische und ethnographische Quellen legen nahe, dass Schädeltrepanationen u.a. bei Epilepsie, “Geisteskrankheiten”, “Dämonenbesessenheit”, Brüchen, schweren und ständigen Kopfschmerzen, Schwindel oder Taubheit angewendet wurden. Meist wird demnach auch im Mittelalter die Indikation für derartige chirurgische Eingriffe medizinischer Natur gewesen zu sein.

Also ein sehr spannender Befund unserer Amberger Grabung, den die Anthropologen an der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie in München sicher noch sehr viel genauer unter die Lupe nehmen werden…

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